Haus eines rätselhaften Eigentümers wurde versteigert

Seit 30 Jahren steht in Männedorf ein herrschaftliches Haus leer. Der Besitzer, der einst wegen Steuerschulden abtauchte, liess es verlottern. Nun wurde die Villa ersteigert.

Das klassizistische Gebäude an der Seestrasse ist ein Kleinod aus dem <nobr>19. Jahrhundert</nobr> und liegt gut versteckt hinter Bäumen und Gestrüpp. Foto: Manuela Matt

Das klassizistische Gebäude an der Seestrasse ist ein Kleinod aus dem 19. Jahrhundert und liegt gut versteckt hinter Bäumen und Gestrüpp. Foto: Manuela Matt

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Das Einzige, das an der Seestrasse 121 gedeiht, ist dickes Gestrüpp. Brombeersträucher und Farne wuchern im Garten, die Bäume sind schon eine Ewigkeit nicht mehr zurückgeschnitten worden. Dass hier ein Haus steht, ist durch die grüne Wand hindurch kaum zu erkennen. Efeu wächst die Fassade hoch. In einer Garage steht hinter verschlossener Tür mit fehlender Glasscheibe ein lädierter Jaguar aus den frühen Achtzigerjahren. Er ist schon lange nicht mehr bewegt worden.

Das alte Gebäude am westlichen Dorfausgang ist seit Jahrzehnten unbewohnt. Es wirkt wie ein Geisterhaus aus einem Spukfilm. Vor vier Jahren hat es kurzzeitig Aufmerksamkeit auf sich gezogen, was mit dem damaligen Besitzer zu tun hat. Erstanden hat dieser das Haus 1979. Seit Mitte der 80er-Jahre lebt er nicht mehr darin. Irgendwann verschwindet der promovierte Mathematiker spurlos. Dann plötzlich, im Jahr 2015, sucht ihn das kantonale Steueramt. Der damals 73-Jährige hat beim Bund 175'000 Franken Steuerschulden. Das Betreibungsamt Pfannenstiel hat deshalb die Liegenschaft im Auftrag des kantonalen Steueramts arrestiert.

Haus und Garten wurden jahrzehntelang vernachlässigt. Foto: Manuela Matt

Mit einem solchen Arrest können Gläubiger Vermögen von Schuldnern amtlich beschlagnahmen lassen, um eine Geldforderung zu sichern. Dieser Schritt ist der erste in einer Reihe von weiteren, die bis zur öffentlichen Versteigerung des Grundstücks führen können, sofern der Betroffene das Verfahren nicht abwenden kann oder will.

Auch die Bank will Geld

Die Behörden suchen 2015 mithilfe amtlicher Inserate nach dem Mann, dessen Aufenthaltsort unbekannt ist. Dieser Zeitung gelingt es schliesslich, den Hausbesitzer aufzuspüren. Er wohnt zu diesem Zeitpunkt in Süddeutschland. Mit seiner einstigen Wohngemeinde und den Schweizer Behörden hat er abgeschlossen. Reden will er nicht. Am Telefon sagt er lediglich, dass er sich unfair behandelt fühlt. Die Steuerschulden will er nicht bezahlen. Dass ihm der Staat sein Haus wegnehmen will, versteht er nicht.

Schliesslich schafft er es, die Versteigerung abzuwenden. Wie genau, ist unklar. Das kantonale Steueramt gibt mit Verweis auf das Steuergeheimnis keine Auskunft, ebenso wenig die Männedörfler Ämter. Dass das Haus damals nicht unter den Hammer gekommen ist, lässt aber folgenden Schluss zu: Entweder hat der säumige Steuerzahler seine Schulden beglichen, oder aber er hat sich erfolgreich juristisch zur Wehr gesetzt.

Der Eigentümer verliess Männdorf fluchtartig. Foto: Manuela Matt

Allerdings hat er sich damit nur für kurze Zeit Luft verschafft. Vier Jahr später will wieder jemand Geld von ihm sehen, dieses Mal seine Bank. Auf der Liegenschaft lastet ein Schuldbrief in Höhe von 350'000 Franken. Dieses Mal kann der Eigentümer die Versteigerung nicht verhindern. Vergangene Woche hat das Betreibungsamt Pfannenstiel die öffentliche Gant durchgeführt. Den Wert des Hauses hat es auf 2,02 Millionen Franken schätzen lassen. Ein Mindestangebot gibt es nicht.

Kopf-an-Kopf-Rennen

Patricia Nussle, die Leiterin des Betreibungsamts, spricht an der Versteigerung von einem «nicht sehr alltäglichen Objekt». Tatsächlich ist das Interesse daran beträchtlich. Rund 30 Personen haben sich eingefunden. Manche kommen nur aus Neugier, einige Schaulustige stammen aus der Nachbarschaft. Drei Polizisten sind anwesend, denn der Ersteigerer muss unmittelbar nach dem Zuschlag eine Anzahlung leisten.

Sieben Personen bieten mit. Das erste, zaghafte Angebot beträgt 100'000 Franken. Schnell schaukeln die Bieter aber den Preis hoch. Ab 1,8 Millionen Franken bleiben nur noch zwei Interessenten übrig, die sich einen richtigen Schlagabtausch liefern. Schliesslich erhält Esat Likaj aus Wädenswil den Zuschlag. Für 2,06 Millionen ersteht er die marode Liegenschaft. Der Schweizer mit kosovarischen Wurzeln vertritt das Immobilienunternehmen Lika Al GmbH aus dem zugerischen Rotkreuz. Die Firma hat sich auf Renovationen und Neubauten spezialisiert.

Wird also das Männedörfler Geisterhaus womöglich abgerissen? Das ist nicht gesagt. Das historische Haus befindet sich im Inventar der schützenswerten Objekte der Gemeinde. Ob dies so bleibt, ist allerdings unklar, wie Gemeindeschreiber Jürg Rothenberger auf Anfrage sagt.

Sanieren oder Neubau?

Die neue Eigentümerin wiederum zeigt sich offen für verschiedene Varianten. «Wir arbeiten mehrere Optionen aus», sagt Benjamin Saliji, Geschäftsführer der Lika Al GmbH. Denkbar sei eine Kernsanierung oder ein Neubau. «Wir möchten gemeinsam mit der Gemeinde schauen, was möglich ist.» Die Firma will die Liegenschaft im Besitz behalten und vermieten. So habe sie es mit praktisch allen Liegenschaften gehandhabt, die sie am Zürichsee bei Versteigerungen erstanden habe. «Wir möchten etwas Schönes daraus machen», beteuert Saliji und fügt hinzu: «Im Moment ist das Haus ein Schandfleck in Männedorf.»


Ein Zeuge aus der Zeit, als die Seestrasse entstand

Am westlichen Dorfeingang von Männedorf stehen mehrere klassizistische Gebäude. Sie stammen aus der Zeit, als die Seestrasse gebaut wurde. Am mittleren rechten Seeufer geschah dies zwischen 1849 und 1850. Das Geisterhaus an der Seestrasse 121, das sein Besitzer verlottern liess, ist ein zweigeschossiges Gebäude mit Satteldach und Quergiebel. Es wurde 1854 vom Männedörfler Georg Gugolz in Auftrag gegeben.

Im Inventar der schützenswerten Objekte der Gemeinde Männedorfwird es als «wichtige Baute aus der Gründerzeit in der Gebäudeabfolge längs der Seestrasse» bezeichnet. Die Liegenschaft ist baugleich mit dem benachbarten Haus an der Seestrasse 119, das im selben Jahr von Heinrich Gugolz – möglicherweise einem Bruder von Georg Gugolz – gebaut wurde. Die Häuser sind ungleiche Geschwister: Während das eine zerfällt, ist das andere sorgfältig renoviert worden.

Eigentlich müssten alle Häuser aus dieser Zeit so gut unterhalten sein wie das restaurierte Haus an der Seestrasse 119. Dies geht aus einer Vereinbarung der Gemeinde mit dem Zürcher Heimatschutz aus dem Jahr 1999 hervor. Letzterer verzichtete damals auf eine Beschwerde, als die Villa Schönau in unmittelbarer Nähe abgerissen wurde. Der Abbruch ermöglichte eine verbesserte Nutzung des Industriequartiers, in dem sich unter anderem der Laborausrüster Tecan und die Aldi-Filiale befinden.

Im Zusammenhang mit dem Abbruch der Villa Schönau hatte der Heimatschutz gefordert, die Gemeinde möge stattdessen den übrigen klassizistischen Gebäuden an der Seestrasse Sorge tragen. Im Fall des Geisterhauses hatte diese allerdings wenig Möglichkeiten, bewahrend einzugreifen – schliesslich ist es in Privatbesitz.

Erstellt: 11.09.2019, 17:55 Uhr

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