Haustiere werden wie Wegwerfware behandelt

Beim Heim des Zürcher Tierschutzes werden erschreckend viele stark vernachlässigte Haustiere abgeliefert. Trotzdem verzichten die Tierschützer auf Strafanzeige.

Armer Hund: Viele Menschen merken nicht, wie schlecht es ihren Haustieren geht. Bild: Foto: PD

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Der zehnjährige Hund wog zweieinhalb Kilo. Die Besitzer brachten ihn ins Tierheim des Zürcher Tierschutzes. Der Kleine sei nicht mehr stubenrein, sagten die Besitzer, sie möchten ihn abgeben. Ach ja, und das Tier trinke in letzter Zeit auffällig viel, etwa bis zu einem Liter Wasser pro Tag.

Nachdem dem Tier eine Ruhezeit gegönnt worden war, schauten ihm die Betreuer ins Maul: starker Zahnsteinbefall, das Zahnfleisch, ja das ganze Maul stark entzündet. Der Hund trank so viel Wasser, um die Entzündung zu kühlen. Nachdem ein Tierarzt für Ordnung gesorgt hatte, erholte sich der Hund. Nach zwei Monaten waren er und sein Trinkverhalten wieder völlig normal.

«Überrascht und schockiert»

«Der Hund muss monatelang Schmerzen erlitten haben», sagt Rommy Los. Für den Mann, der seit fünf Jahren das Tierheim leitet, ist das Schicksal des kleinen Hundes kein Einzelfall. Früher seien nur selten Tiere in sehr kritischem Zustand ins Tierhaus gebracht worden. Seit rund einem Jahr häuften sich die Extremfälle - Fälle gröbster Vernachlässigung.

Rommy Los ist mit kranken bis halb toten Tieren konfrontiert, die zuletzt «mit starken Schmerzen wie Wegwerfware ins Tierheim abgeschoben» werden. Er sei «überrascht und schockiert» über die Zunahme dieser Extremfälle. Teilweise überlebten die Tiere nur dank sofortigem Transport in die Intensivstation des Tierspitals. Für andere Tiere, so beispielsweise für einen fünfjährigen Kater, kam jede Hilfe zu spät. Das brandmagere, völlig dehydrierte Tier, das an starkem Nasen- und Augenausfluss litt, musste erlöst werden.

Rommy Los kann sich nur wundern: Wie können die Besitzer nicht erkennen, dass ihre Kaninchen wegen totaler Verfilzung an grossflächigen Hautinfektionen leiden? Ist wirklich nicht erkennbar, dass sich der Hamster vor lauter Parasiten am ganzen Körper wundgekratzt hat? Es sei schon erstaunlich: Da würden Personen ihr Tier abgeben, das sich in einem miserablen Zustand befinde, sagt Los. Darauf angesprochen, würden sich die Besitzer überrascht zeigen, dass es ihrem Tier so schlecht geht.

Warum sich die Fälle von extremer Vernachlässigung so gehäuft haben, ist dem Tierheimleiter ein Rätsel. Er hat Vermutungen, warum diese Tiere überhaupt vernachlässigt werden. Nach anfänglicher Euphorie gehe die Sorge um das Tier im Alltagsstress unter. Das Tier erhalte mit nachlassender Empathie nicht die nötige Aufmerksamkeit.

Verbreitet sei auch der Irrglaube, wonach ein Tier gesund ist, solange es frisst. Auch die Kosten für den Tierarzt einzusparen, könne ein Motiv sein. «Viele Tierhaltende sind sich ihrer Verantwortung nicht bewusst», sagt Los, der daran erinnert, dass die Vernachlässigung eines Tieres eine Form von Tierquälerei ist.

Verzicht auf Strafanzeige

Zu befürchten haben die Besitzer aber kaum etwas. «Wir verzichten meist auf eine Anzeige, weil die Tiere sonst gar nicht mehr abgegeben würden und noch länger leiden müssten», sagt Los. Eine Ausnahme werde nur gemacht, wenn Tiere bewusst ausgesetzt würden.

Über tierschutzwidrig gehaltene oder vernachlässigte Tiere erhält das Veterinäramt von privater Seite, von Tierheimen oder Tierschutzorganisationen immer wieder Meldungen. Selbst wenn die betreffende Person keine Tiere mehr halte, würden «die nötigen Schritte eingeleitet, damit die Mängel behoben werden oder das Risiko auf künftige Verstösse gesenkt wird», sagt Amtsleiterin Regula Vogel. Je nach Schwere der Mängel würden Massnahmen ergriffen, die «von einer Verwarnung über eine Strafanzeige bis zu einem Tierhalteverbot reichen».

Rommy Los bittet Haustierhaltende, ihre Tiere zu beobachten und frühzeitig Hilfe zu holen. Der Zürcher Tierschutz und das Zürcher Tierspital führten dazu eine Heimtierberatungsstelle. «Dadurch können Tiere vor grossen Schmerzen, Leiden oder gar vorzeitigem Tod bewahrt werden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 09:49 Uhr

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