Herr Metzger und seine Frauen

Ein paar Leute aus Zürich ziehen ins Appenzellerland und betreiben dort die okkulte Abtei Thelema. Ein Buch erzählt von den Abgründen der Gemeinschaft.

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Stein, unweit von St. Gallen: ein nettes Appenzeller Bauerndorf. Das Kulturhaus Rose ist ebenfalls verhaltensunauffällig. Vor 45 Jahren aber stand die Rose, damals Gasthaus der Abtei Thelema, im Zentrum eines Boulevardskandals. Um rauschhafte Orgelmusik und rituelle Entkleidungen im Keller ging es.

Der deutsche Journalist Horst Knaut hatte 1972 die Rose besucht. Schwülstig berichtete er hernach in der «Neuen Illustrierten Revue» und in «Quick». Von einer «Gruselmesse» war die Rede und von Sexzeremonien. Abgebildet waren nackte Frauen neben einem Sarg.

Die Bilder stammten von anderswo, nackt war an den Messen von Stein niemand. Der Biedersinn der Psychosophischen Gesellschaft in der Abtei zeigte sich schon darin, dass man in der Kellerkapelle Pantoffeln trug, um den schwarz-weiss karierten Teppich zu schonen. Die Klage gegen Journalist Knaut, der die Sache aufgebauscht hatte, brachte aber nicht viel. Die – von Zürchern geprägte – Abtei erholte sich vom Rufmord nicht mehr und entschlief um die Jahrtausendwende endgültig.

Die Zürcher Historikerin Iris Blum ­erzählt in «Mächtig geheim» die Geschichte der Psychosophischen Gesellschaft samt Abtei von 1945 bis 2009. Doch worin soll der Reiz eines solchen Buches liegen? Die Exponenten sind tot, die Gesellschaft ebenfalls.

Und doch ist das Buch lesenswert und ein Lesevergnügen. Souverän gliedert die Autorin den Stoff, in dem sich Existenzen aller Art mit den unglaublichsten spirituellen Grüppchen kreuzen. Vor allem ist die Geschichte beispielhaft. Blum erzählt, wie es in einer abgeschlossenen Gemeinschaft zugeht.

Die Psychosophische Gesellschaft wird 1945 in Zürich vom verkrachten Grafologen Hermann Metzger gegründet. Metzger, Jahrgang 1919, hat in den Kriegsjahren an der Zähringerstrasse sein Studio eingerichtet. Ein Polizei­bericht hält 1948 fest, dass er als Grafologe die Leichtgläubigkeit seiner Kunden ausbeute. Er wird gebüsst.

Im Okkultismus findet Metzger sein Milieu. Seine Psychosophische Gesellschaft ist ein Netz, in dem sich Menschen fangen. Sinnsuchende Frauen vor allem, von denen mehrere seine Geliebten werden. Metzger nützt sie aus und gaukelt jeder vor, dass sie die Wichtigste sei. Einige schlägt er. Bei alledem stehen ihm seine Frauen auch in den letzten Jahren bei, als er vom Alkoholismus gezeichnet ist. 1990 stirbt er.

Das Geld kommt aus Zürich

Zwei Frauen begleiten Metzger beim Auszug ins Appenzellerland. Die eine ist seine Geldquelle über Jahrzehnte: Annemarie Aeschbach. Ihr Vater hat in Zürich bahnhofsnah eine Kunst- und Rahmenhandlung, die Mutter, eine Bauerntochter aus Zürich-Altstetten, hinterlässt Einkünfte aus Landverkäufen.

Aeschbach bringt Metzger überhaupt auf Stein. Ihre Familie besitzt eine Liegenschaft bei der Rose, Aeschbach hat dort als Kind Ferien verbracht.

Über Metzger notiert Aeschbach: «Ich schien seine Hauptschülerin zu sein, mir schien er am meisten zu geben.» Dabei ist sie bloss eine von mehreren Frauen, die ihn begleiten dürfen auf den Reisen durch Europa; Metzger pendelt zu anderen Geheimclubs, er weibelt und intrigiert, legt sich immer neue Titel zu: «Oberhaupt des Orientalischen Templerordens» etwa. Aeschbach bezahlt ­jeweils den Mietwagen und anderes. ­Dafür gibt es etwas Zuwendung.

Ihr obliegt auch der Versand der Broschüren der Gesellschaft; deren Druckerei in Zürich hat sie mitfinanziert.

Die zweite wichtige Frauengestalt in Stein ist Anita Borgert. Die gebürtige Deutsche ist im Krieg durch Heirat mit einem Buchdrucker nach Zürich gekommen. Schweizerdeutsch eignet sie sich beim Hören von Radio Beromünster an.

In Stein wird Borgert die Hausmutter und Macherin. Sie wirtet und kocht in der Rose und führt das «Labor Thelema», in dem Arzneien entstehen und der «Schwedenbitter», der als einziges Produkt etwas Geld bringt. Sie und Aeschbach sind dabei, wenn Metzger im Keller seine Messen durchführt. Als Messdiener amtieren Borgerts Söhne Parcival Peter und Simon Magus, aussereheliche Kinder von Metzger.

Ozzy Osbourne und Mr Crowley

Thelema: So nannte sich in den 1920er-Jahren im Fischerdorf Cefalù auf Sizilien eine andere Abtei. Aleister Crowley hiess ihr Gründer. Ihm hat Heavy-Metal-Star Ozzy Osbourne 1980 den Song «Mr Crowley» gewidmet.

Crowley, reicher Erbe, 1947 verstorben: eine dunkle Figur. Mit dem Vorsatz, sich auf alle Arten und gern auf Kosten anderer Lust zu verschaffen, wird er der berühmteste Satanist, Okkultist, Sexualmagier des 20. Jahrhunderts. Crowley schreibt rätselhafte Werke, verfällt dem Heroin und baut seine ausufernde Geschlechtlichkeit in den Kult ein. Behörden verjagen den obszönen Briten bald aus Sizilien und schliessen seine Abtei.

Okkultismus nach Crowley oder auch nach Metzger, seinem grossen Bewunderer, der die Messe von Cefalù adaptiert: Das ist Bastelei mit Versatzstücken von Religionen vom alten Ägypten über das Christentum bis zur Freimaurerei. Alles richtet sich auf das zentrale Geheimnis, das allmählich dem zuteil wird, der sich einweihen lässt. Stufe um Stufe klettert er höher; durchs Jahr gibt es immer neue Kurse, Schulungen, Lektionen. Stets aber ist ihm der Meister, in Stein also Hermann Metzger, voraus.

Okkultismus heisst auch: Rituale, in denen man Kontakt zu Geistwesen, Göttern, Engeln, Satan sucht. Die Messen, die man in Stein und auch in Zürich durchführt: viel symbolschwangeres Dekor, der Priester trägt einen Speer, den die Priesterin laut Crowley küssen soll.

Flucht aus Stein

Anita Borgert zieht 1979 mit den beiden erwachsenen Söhnen weg von Stein. Sie durchschaut die Machtspiele Metzgers und sieht wohl auch die Leere der Lehre. Metzger ist konsterniert und schreibt ihr: «Willst du den Vati unserer Wunsch- und bewusst gezeugten Kinder zu einem Trottel und Idioten machen?» Und: «Du hast Gelübde abgelegt wie wir alle, vor deinem wahren Wesen!» Doch seit den deutschen Boulevardartikeln geht ohnehin alles langsam bachab.

Das verschluckte Stilett

Bemerkenswert ist die Abtei Thelema, weil sich in ihr unterschwellige Geistesströmungen des 20. Jahrhunderts kreuzen. Und faszinierende Menschen: der US-Freakfilmer Kenneth Anger, der mit Mick Jagger Kontakt hält. Der Artist ­Arnold Henskes, der sich mit spitzen Gegenständen traktieren lässt, etwa im Zürcher Theater Corso; 1948 stirbt er, nachdem man ein verschlucktes Stilett operativ entfernt hat. Der Ex-Bankier ­Felix Pinkus, Vater des Zürcher Kommunisten und Buchhändlers Theo Pinkus. Er ist der Mentor Hermann Metzgers. Bis sich die zwei 1946 überwerfen.

Eine obskure Freistil-Abtei in einem Appenzeller Dorf – wie aber geht das? Ausserrhoden ist ein urliberaler Kanton, die Leute dort tolerieren vieles achselzuckend. Die letzten Jahre der serbelnden Thelema-Häusergruppe sehen dann so aus: In der Rose nistet sich 1981 ein WWF-Ökozentrum ein. Danach wohnen im einstigen Gasthaus junge Mädchen aus schwierigen Familien. Und schliesslich ist es ganz zu Ende mit der an den Rand gedrängten Kultgemeinschaft.

Was bleibt, sind Tausende Bücher, Zeitschriften, Broschüren zu entlegenen Gebieten wie Theosophie, Geheimgesellschaften, Zahlensymbolik. Sie lagern heute in der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden in Trogen: Erinnerungen an eine Gesellschaft, die dem Aussenstehenden reichlich seltsam vorkommt.

Iris Blum: Mächtig geheim. Einblicke in die Psychosophische Gesellschaft 1945 bis 2009. Limmat. 326 Seiten, mit vielen Abbildungen, 48 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2017, 19:06 Uhr

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