Herzliche Grüsse aus Humlikon

Alle bisher verschickten Postkarten aus dem Kanton Zürich.

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HumlikonAuf der Spur des Einhorns

Das kleine Dorf im Weinland erlangte 1963 traurige Berühmtheit. 43 Humlikerinnen und Humliker, ein Fünftel der Bewohner, kamen ums Leben, als bei Dürrenäsch eine Caravelle der Swissair abstürzte. Die Passagiere waren unterwegs nach Genf zu einem Informationsanlass über Schädlingsbekämpfung. Mehr als vierzig Kinder wurden auf einen Schlag Waisen. Humlikon scheint sich heute in nichts von anderen Bauerndörfern in der Region zu unterscheiden. Ausser, dass es hier von Einhörnern wimmelt. Eine Wetterfahne im Dorfzentrum zeigt ein Einhorn, das Restaurant daneben heisst Einhorn, auf dem Landistil-Bild am alten Schulhäuschen findet man ein Einhorn und auch auf den vom Wind zerzausten Fahnen. Denn das Einhorn ist seit dem Jahr 1930 das Wappentier Humlikons. Sein Horn, so heisst es, hat heilende Wirkung und kann Tote zum Leben erwecken. Die Opfer des Flugzeugabsturzes von Dürrenäsch leben auf alle Fälle in den Herzen der Bewohner weiter.

FeuerthalenAm Nordpol Zürichs

Die Südspitze Südamerikas heisst Feuerland, der Nordpol des Kantons Zürich Feuerthalen. Exakt bei den Koordinaten 47 Grad 41 Minuten 40 Sekunden Nord und 8 Grad 38 Minuten 32 Sekunden Ost befindet sich der nördlichste Punkt des Kantons. Und es regnet dort gerade in Strömen. Ein mit Blachen abgedecktes Boot wiegt sich in den Wellen des Rheins, zwei Schwäne gondeln vorbei, und eine Meerjungfrau grüsst von ennet der Sackgasse – gemalt an die Wand eines Mehrfamilienhauses. Ein Vogelhäuschen bietet Spatzen eine Zwischenverpflegung vor dem Grenzübergang, zwei ausgewasserte Kanus setzen Algen an.

Rechterhand donnern Eisenbahnen über eine spektakuläre Eisenbrücke, linkerhand führt eine Steinbrücke in den Nachbarkanton Schaffhausen. Und geradeaus öffnet sich ein grandioser Blick auf den Munot. Wir kommen nicht umhin, zuzugeben, dass der Südzipfel des Kantons Schaffhausen den Nordzipfel Zürichs optisch abtrocknet.

DielsdorfEin Buchlädeli überlebt

Es ist typischer Agglo-Groove, der vor dem Fenster des Busses vorbeizieht. Bis etwas irritiert: ein winziges Häuschen aus Backstein und Holz mit senkrechten Profilen, einer kleinen Laube und Blumenkistchen in den Fenstern. Darüber steht in gotischen Buchstaben «Buchhandlung». Aussteigen, nachschauen. Wo sind wir überhaupt? Die kleine Buchhandlung steht an der Geerenstrasse in Dielsdorf und war einst ein Waschhäuschen. Baujahr 1910, wie auf der Gemeinde zu erfahren war. Das Häuschen duckt sich vor der Glasfassade eines Geschäftshauses. In der Laube wächst in den warmen Monaten Lavendel, stehen ein gelber und ein violetter Klappstuhl und ein Velo. 1984 hat hier Roswita Maier eine Buchhandlung eingerichtet, seit 14 Jahren wird diese von Alexandra Vogel geführt. Wie hält sie sich über Wasser? Mit persönlicher Beratung, einem guten Bestellservice und viel Herzblut. So trotzt sie dem Buchlädeli-Sterben und dem Agglo-Groove.

GlattfeldenDas ehemalige Hollyglatt

Hier soll einst diese Traumfabrik gestanden haben? War das wirklich hier, wo Tausende darauf warteten, dass ihr Liebling aus dem Haus tritt, aus dem Big Brother House? Wo die Polizei den Medientross einweisen musste, die Fans um die besten Plätze rangelten? Rein gar nichts erinnert heute noch daran, dass hier, auf dem ehemaligen Spinnereiareal in Glattfelden, das grösste Fernsehstudio der Schweiz in Betrieb war und die ­Schweizer TV-Soap «Lüthi und Blanc» gedreht wurde. 2001 stellte TV3 hier auf freiem Feld einen Container auf, in dem sich eine Gruppe Menschen zum Zooaffen machten, indem sie sich von jedermann beim Leben zuschauen liessen. Heute steht hier Wohnung an und Wohnung über Wohnung. Es gibt schmale Wege, saubere Spielplätze. Das Haupthaus soll an die alte Spinnerei erinnern, ebenso der Fabrikschlot, aus dem ganz oben etwas Grün wächst. Nur die altertümlichen Strassenlaternen verströmen ein klein wenig Glamour aus dem ehemaligen «Hollyglatt».

WädenswilDie unbekannte Designerstadt

Wädenswil könnte sich als Designerstadt vermarkten, nur weiss das dort offenbar kaum jemand. Denn wir suchen den Schweizer Designklassiker vergebens, der von hier kommt: Nicht im Bistro am See, nicht im Stadthaus, in keinem Park finden wir den Landi-Stuhl, der ab 1939 jahrzehntelang oben an der Zugerstrasse in der Blattmann Metallwarenfabrik (Mewa) produziert worden ist. Die Shedhalle steht – noch. Sie dient als Warenlager und Einstellgarage für allerlei. Auch für Stühle. Doch sind die Stabellen, Polstersessel und Barhocker das Gegenstück zum Landi-Stuhl, der zu den meistverkauften Freilandstühlen des letzten Jahrhunderts gehört. Er war modern, leicht, wetterfest, stapelbar, industriell produzierbar. Die Mewa stellte 2001 ihren Betrieb ein, und die Shedhalle wird wohl bald verschwinden, hat doch die Stadt dem Eigentümer eine höhere Nutzung in Aussicht gestellt. Vielleicht liegt dann sogar eine Möblierung mit dem Landi-Stuhl drin.

KilchbergSie ruhen nicht nur in Frieden

Was für eine Familie! Die Manns geben zweifellos Stoff für einen grossen Roman ab, der am besten vom Meister selbst geschrieben worden wäre. Unten, an der Alten Landstrasse, steht das Haus, in dem die Manns gewohnt haben. Währschaft, aber nicht protzig. Tolle Seesicht. Und hier oben, auf dem Friedhof, liegen sie. Die Eltern Katia und Thomas Mann, der in der Familie der Zauberer genannt wurde. Auf dem Grabstein wurden von Bewunderern aus aller Welt Kiesel deponiert. Umrahmt sind die Eltern von vier ihrer sechs Kinder, der glamourösen Erika, dem unglücklichen Musiker Michael, Papas Liebling Elisabeth und «Mönle», Monika Mann, die familienintern als Dummerchen galt. Die Asche von Klaus Mann wurde in Cannes am Mittelmeer verstreut. Golo Mann liegt auch auf diesem Friedhof, ein unbehauener, allein in einer Reihe stehender Stein steht auf seinem Grab, das – nach seinem eigenen Wunsch – so weit wie möglich vom Grabstein seines Vaters entfernt liegt.

WinterthurDer Stern von Bethlehem geht auf

Der kleine Hirte ist vor seinem Auftritt ganz zappelig. Er schupst seinen Kameraden, der pufft zurück. Das Engelchen macht Hopserhüpfen. Rund sechzig Kinder und Jugendliche proben der Winterthurer Zwinglikirche Paul Burkhards «Zäller Wiehnacht». «Halt die Zeller Spiele am Leben», bat der Komponist des «Schwarzen Hechts» eine Freundin als er im Sterben lag. Das war 1977. Vierzig Jahre später verzeichnet diese Freundin gegen zwanzig Orte, an denen dieses Krippenspiel aufgeführt wird. Noch nie waren es so viele. Der kleine Hirte hat nun rote Ohren. Auf dem Juteumhang, den er über die Schultern geworfen hat, steht Cafe Brasil. Das Engelchen hat «Grätschüeli» übergestreift und das Jesuskind-Bäbi liegt etwas verloren auf der Kirchenbank. Dann stimmt die Musik «De Stern vo Bethlehem» an. Der kleine Hirte singt ganz andächtig, das Engelchen tanzt federleicht. Und das Jesuskind liegt in Marias Arm. Die «Zäller Wiehnacht» lebt.

ZürichStädtisch romantisch

Der Glühweinstand und die Christbäumchen wirken fremd in dieser Umgebung. Vorn die Lagerstrasse, seitlich die Kasernenstrasse, im Rücken die Europallee. Auf dem Asphalt leuchten Sterne, die von eiligen Füssen getreten werden. An der Pädagogischen Hochschule ist eine Vorlesung zu Ende gegangen, die Studierenden strömen aufs Tram und auf den Zug. Im Innenhof steht ein grosser Christbaum. Seine sanft schimmernden Lichter kämpfen gegen das aggressiv helle Licht der dahinter liegenden Fensterfront an. Hinter den hohen Fenstern sitzen Männer in weissen Hemden vor ihren Computern. Ein Hauswart schiebt einen Flipchart von einem Raum in den anderen. Nun steht einer der Männer im weissen Hemd auf, rückt den Bürostuhl zurecht, hängt die Laptop-Mappe über die Schultern. Wenig später tritt er geschäftig in den Hof – und bleibt stehen. Er schaut versonnen den Christbaum an, ein zwei Augenblicke, dann eilt er weiter.

SternenbergAuf Sternensuche

Wir sind auf Sternensuche in Sternenberg: Es gibt eine Sternenstrasse und einen behelfsmässigen «Sternen», der den ehrwürdigen Gasthof Sternen ersetzt, der im letzten Dezember niederbrannte. Es gibt einen Stern im Wappen und Sterne am Eingang und auf dem bunten Fenster in der Apsis der Dorfkirche. Und es gibt eine Sternwarte. Doch weihnachtlich glänzende Dekosterne finden wir kaum. Nicht an der Durchgangsstrasse, nicht in den Fenstern der Häuser. Dafür wachsen in Sternenberg die Bäume in den Himmel – und auf dem Dach.

Wie auf einer japanischen Tuschezeichnung ragt auf einer Anhöhe ein kahler Baum in den Winterhimmel. Und auf der Wetterseite des Dachs eines windschiefen Stalls wächst ein veritables Tannenwäldchen. In der Nacht jedoch, die hier noch richtig dunkel ist, finden wir sie, die Sterne. Sie sind zahllos. Und uns wird klar: Wo die Sterne nachts zu Hause sind, muss man keine aufhängen.

DietikonEin Innerschweizer Brauch in der Agglo

Durchs Jahr stehen sie dicht gedrängt in einem Estrichabteil des Kirchgemeindehaus St. Agatha in Dietikon. Am ersten Adventsonntag aber sind sie die Stars des feierlichen Chlauseinzugs, der nach Eindunkeln durch die Stadt zieht. Die etwa vierzig bis mannshohen Iffelen sind prächtige Laternen in Form von Bischofsmitren, die auf dem Kopf getragen werden. Die filigranen Motive erinnern an Kirchenfenster. Von der Tradition her gehören sie in die Innerschweiz und nicht in die Agglomeration Zürichs. In Dietikon sind die Iffelenträger jedoch seit fast dreissig Jahren Teil des Adventbrauchtums, zusammen mit Geisselklöpfern, Trychlern und den gravitätischen Tönen einer Chlausmusik. Nach dem Einzug entfernt der Iffelen-Meister die Wachsreste, bessert Risse im Drachenpapier aus und verstaut die Laternen wieder im Estrich – wo manchmal, wenn Licht in gewissem Winkel aus der Dachlucke einfällt, die Farben funkeln.

AttikonEine Menagerie aus Stein

Dieses Niemandsland an einer Wegkreuzung oberhalb des Bahnhofs Rickenbach-Attikon wird von Löwen bewacht. Von zwei rostfarbenen Löwen. Dann gibt es da noch Elefanten und Giraffen, Delfine, Bären, Schildkröten, Adler mit mächtigen Schwingen, alle zu Stein erstarrt. Und es gibt wunderschöne Wörter: Rosa fantasy, Juparana Colombo, Nero Assoluto, Lavender Blue – die Namen von Natursteinplatten. Und Sinnsprüche, zum Beispiel: «Die kürzesten Wörter, nämlich Ja und Nein, erfordern das meiste Nachdenken.» Der Briefkasten ist mit Moos überwachsen. Auf ihm steht: Nigg, Bildhauer. Das meint Steinmetzmeister Nigg senior, der hier 1979 sein Atelier einrichtete. Auch für den ­Junior, Lukas Nigg, ist dies in gewisser Weise ein Bild aus früherer Zeit, aus der Zeit seines Vaters, von dem der 33-Jährige vor zwei Jahren das Winterthurer Geschäft und das Atelier übernommen hat. Und die Liebe zum Stein und zu Sinnsprüchen.

WangenUnordnung in Reih und Glied

Ganz klar, die Weite ist hier keine Leere. In den riesigen, teilweise überdachten Feldern der Gärtnerei Fischer kommt das Gefühl von Einsamkeit höchstens ein klein wenig auf. Gerade so, dass es schön ist. Schön ist auch die leichte Unordnung, welche in die Aufreihung der leeren Blumentöpfe geraten ist. Schön ist das spriessende Grün mit den Spritzern von Violett, Weiss und Gelb einiger vergessener Stiefmütterchen. Laut ist der Militär­helikopter, der gleich nebenan auf dem Flugplatz Dübendorf landet, eigentümlich das Segelschiff, das hier aufgebockt ist. Sein Name wirkt geradezu übermütig in diesem Umfeld: Silvestra. Und wer die Plastikhüllen derart effektvoll wie einen Theatervorhang gerafft hat, muss ein überaus sorgsamer Mensch sein. Ihm möchte man gerne bei der Arbeit zuschauen. Dann ist hier noch der Wachhund: ein Berner Sennenhund. Glaube ich. Oder ein Border Collie? Er trottet heran, beschnüffelt uns kurz – und läuft aus dem Bild.

NeftenbachKanonenkugeln und Pilger

Richtig friedlich scheint es hier in Neftenbach. Die Muh-Bar neben der Kirche ist nur am ersten und letzten Donnerstag und Freitag des Monats ab 18 Uhr offen, der kunstvolle Blitzableiter auf dem Haus nebenan glänzt in der Sonne. Der Eindruck entsteht, dass es in diesem Dorf nie ein Donnerwetter gibt. Dann erblicken wir das: Oberhalb des Fensters in der Chormauer der Kirche steckt eine Kanonenkugel. Sie stammt aus der Zeit der Franzosenkriege – im Mai 1799 kam es hier zu einem Zusammenstoss zwischen Franzosen und Österreichern, bei dem das Dorf völlig zerstört wurde. Die heutigen Invasoren sind in anderer Mission unterwegs: Seit kurzem ist das Dorf Station des Schweizer Jakobswegs. Hie und da schauen Pilger vorbei, um sich beim Kirchenportal das Bild einer Jakobsmuschel in ihren Pilgerpass zu stempeln. Es ist eben doch richtig friedlich hier.

ZürichseeZehn Minuten Ferien

Wie seltsam unempfänglich Menschen für Schönheit werden können, wenn diese zur Gewohnheit wird. Da sitzen sie im Bauch der Zürichseefähre in ihren Wagen, tippen auf ihren Handys herum, rauchen eine Zigarette, dösen vor sich hin. Während draussen zehn Minuten lang ein Werbeprospekt für die Schweiz vorbeizieht. Nur wenige Passagiere, vorab Mütter mit Kindern, sind an Deck, ein Mann lehnt allein an der Reeling und schaut versonnen in die Ferne. Der See ist tiefblau, der Wind angenehm kühl, am Horizont leuchtet ein noch oder wieder schneebedecktes Alpenpanorama, vom Speer bis zum Glärnisch mit dem Vrenelisgärtli – und über der Halbinsel Au steigt der Rautispitz auf, dann der grosse Ruchen. Nun wechseln die Möwen, die kreischend um den Bug unserer Fähre geflogen sind, das Schiff. Sie ziehen mit der Schwan weiter, als diese uns kreuzt. Zurück nach Meilen. Schon legen wir in Horgen an. Die Autofahrer stecken ihre Handys ein, drücken die Zigaretten aus und starten die Motoren.



Winterthur«Komm, du Lauszapfen, sei friedlich»

Der erste Blick ist umwerfend, der zweite bleibt es. Wir haben ein windschiefes Holzhäuschen in einem mittelständischen Wohnquartier an der Breite in Winterthur betreten und stehen in einem hundert Meter langen schmalen Raum. Ein unwirkliches Gefühl, als ob man eine Haselnuss öffnet und das Innere einer Kokosnuss freigelegt hätte. So sieht es in der Seilerei Kislig aus. Sie steht seit 1878 an dieser Stelle, ist einer der ältesten Handwerksbetriebe der Stadt und eine der letzten noch produzierenden Seilerbahnen der Schweiz. Der Raum ist so lang, damit entsprechend lange Seile gedreht werden können. Mehr als hundert Jahre alte Maschinen, einige davon Marke Eigenbau, drehen und flechten und zöpfeln hier unter Aufsicht von Martin Benz und Lehrling Alex Seile nach alter Manier, zumeist als Einzelanfertigung. Und wenn sich eine Maschine einmal verheddert, springt Benz daher und sagt liebevoll: «Komm, du Lauszapfen, sei friedlich.»

RapperswilJedem Sein ein fröhlich Blühn

Geigentöne klingen durch das offene Fenster der Hintergasse, jemand übt einen luftigen Walzer. Und draussen wachsen, als wäre es Kulisse zum «Rosenkavalier», Rosenstöcke direkt aus dem Kopfsteinpflaster. Rosen sind im Rapperswiler Wappen seit 1192 verbürgt, doch ist das Prädikat Rosenstadt vor allem ein Beispiel für gelungenes Standortmarketing. 1958 propagierte der örtliche Verkehrsverein den etwas holprigen Slogan: «Mehr Rosen für die Rosenstadt, auf dass die Rosenstadt zur wirklichen Rosenstadt wird.» Die Bemühungen tragen Früchte: Zwischen Juni und Oktober blühen in der Stadt in öffentlichen und privaten Gärten rund 15 000 Rosen, und 1999 wurde ­Rapperswil auf einer internationalen Gartenmesse offiziell zum Mittelpunkt der Duftrosen erklärt. Fürs Poesie­album finden wir im Rosengarten auf dem Schlossberg den passenden Spruch: «Menschenvolk wir künden Dir, Werden, Weilen und Vergehn, jedem Sein ein fröhlich Blühn, jedem Tod ein Auferstehn.»

Fehraltorf«Buebeträumli» im Kempttal

Die Grossen fliegen ganz oben und überziehen den blauen Himmel kreuz und quer mit Kondensstreifen. Die Kleinen aber sind es, weswegen die Harley-Davidson-Fahrer und die Väter mit ihren Kindern, die Polizisten und Wandergruppen hier einkehren. Ein Bier, ein Wurstsalat garniert und dazu Flugzeuge schauen. Der Flugplatz Speck am Rande von Fehraltorf wird seit 1956 von der Flugsportgruppe Zürcher Oberland betrieben. Start- und Landebahn sind Graspisten – 600 mal 18 Meter Gras, und im Hangar stehen und hängen rund zwei Dutzend kleine Flieger, Cessnas und Pipers und Oldtimer. Ein Hobbypilot macht draussen gerade eine zweiplätzige Tecnam startklar. Er will über Mittag schnell einen Gletscher sehen. Der Flugplatz Speck ist ein Ort, an dem auch Frauen zugeben müssen, dass sie zuweilen «Buebeträumli» hegen, und sich die Kritik an den negativen Seiten der Fliegerei für kurze Zeit einfach in Luft auflöst.

UrdorfBlau und bunt in Grau

Urdorf ist im Radio immer wieder eine Meldung wert: Stau auf dem Westring zwischen Urdorf Süd und Urdorf Nord. Doch es gibt ein Urdorf dazwischen. Dort wachsen Lilien und Dahlien in überschwänglicher Farbigkeit. Die Blumenfelder zum Selberpflücken gehören zu den grössten im Kanton. In der Ferne sehen wir einen grünen Hügel und ein unspezifisches Wohnquartier. Auf der anderen Seite herrscht Grau vor: graue Agglo, Einkaufszentrum, Verkehrskreisel. Doch unweit davon wirds wieder farbig, Königsblau. Und die Agglo hat eine Stippvisite in der Weltgeschichte. Beim Bahnhof Urdorf mischt seit mehr als hundert Jahren die Firma Sax Farben. Einer ihrer Stammkunden war Winston Churchill. Der britische Premier liess sich dort ein spezielles Blau mischen, das niemand so hinkriegte wie der Willy Sax aus Urdorf. Und wo ist denn die Autobahn? Mitten im Grünen und nirgends zu sehen, ein stetes Rauschen – wie Blätter im Herbstwind.

MettmenstettenMeeresrauschen im Säuliamt

Hier geht alles drunter und drüber: Skispringen im Sommer, Meeresrauschen im Säuliamt, Luftsprünge ins Wasser. Dass am Rande von Mettmenstetten eine der weltbesten Schanzenanlagen für Freestyle-Skispringer entstanden ist, hat mit einem Olympiasieger zu tun, mit Sonny Schönbächler, der 1994 in Lillehammer Gold gewann, in der Gegend wohnt, und 1996 diese Anlage realisiserte. Andreas Isoz verteilte als Bub Flyer für das Projekt. Dafür durfte er später selbst springen, nahm an Weltmeisterschaften und einmal, wie sein Held Sonny, an Olympischen Spielen teil. Heute ist er Geschäftsführer von Jumpin, auf der Profis aus der ganzen Welt ernsthaft üben und Laien aus Spass runterrutschen. Er selbst springt spasseshalber wie ein Profi. Er schultert die Skier, stampft die Rampe hoch, begibt sich auf die Schanze. Ein Kollege setzt die Bubblemaschine in Betrieb, damit der Aufprall weniger hart ist. Das Wasser schäumt auf. Hoch hinaus, kopfüber, einige Schrauben und platsch.

MeilenAuf dem neuen Dorfplatz

Der Brunnen mit den drei ungleich grossen Marmorkugeln passt perfekt auf den Dorfplatz in Meilen. Doch weshalb heisst er Fischli-Brunnen? Da sind weit und breit keine Fischli. Nur ein kleines Mädchen, das sein Röckchen über die Knöchel hochhebt und die Füsse im Wasser des Brunnens kühlt. Nur ein Knirps, der sein Dreiradvelo fallen lässt und sie anspritzt. Es ist überhaupt ein gelungener Dorfplatz mit dem grauen Gneis-Boden, der grosszügigen Freitreppe, dem eigentümlichen Gemisch an Baustilen: Gegen den Bahnhof zeigt das Gemeindehaus ein historisierendes monumentales Gesicht, gegen den Platz wirkt es wie eine Spiegelung davon in die Gegenwart. Und das Café ist flockig gebaut. Doch weshalb heisst der Brunnen Fischli-Brunnen? Weil sein Schöpfer der Bildhauer Hans Fischli (1909 bis 1989) war, Mitinitiant und Erbauer des Kinderdorfes Pestalozzi in Trogen, Direktor der Kunstgewerbeschule Zürich und Vater von Peter Fischli des Künstlerduos Fischli/Weiss.

DietikonDie Alp am Stadtrand

Eine kleine Alp am Rand der Stadt: Milchkannen im Vordergrund, Hochhäuser dahinter. Auf der Hofkäserei im Basi bei Dietikon zeigt sich, wie nah sich Stadt und Land im Limmattal sind. Auch dass sich die beiden gut ergänzen können: Die kooperative Käserei hätte wohl ohne die Städter, die sich fair und biologisch produzierte Lebensmittel etwas kosten lassen, einen schweren Stand. Die zwei Dutzend Basi-Kühe hören auf ihre Namen, sind behornt und leben in einem Laufstall. Gerade verarbeitet eine Käserin deren Milch. Es dampft, riecht nach Molke. Immer wieder schaut sie auf das Thermometer, während sie die Milch rührt, und schüttet kesselweise Wasser nach. Sie erzählt von Käsebruch, Sirte und Lab. Der Käse und die anderen Milchprodukte werden für die Genossenschafter an verschiedenen Orten zum Abholen deponiert. Nirgends steht Emmi drauf.

TiefenbrunnenFrühsommer im Seefeld

Unter der Hochstrasse im Zürcher Quartier Seefeld, hinter dem Kieswerk im Tiefenbrunnen, herrscht Ferienstimmung. Ein Vater wassert zusammen mit seinem Sohn das Segelboot ein, Primarschüler haben sich auf dem Steg zum Fischen eingefunden: «Ich han äine», jauchzt der eine, eine kleine Schwale zappelt am Haken. Er macht sie los und wirft sie zurück ins Wasser. Zwei Hunde räkeln sich in der Sonne – gibt es Streuner hier am Rande der Stadt? Und auf einer Plattform hoch über dem Wasser sitzend, spüren zwei Teenager den Frühling. Nun kommen zwei Kolosse anmarschiert: Taucher in Trockenanzügen, die Flaschen auf dem Rücken, die Flossen unter den Armen. Sie steigen schwerfällig die Treppe hinunter, ziehen Flossen und Taucherbrillen über, kontrollieren die Instrumente und tauchen ab. Jetzt scheinbar schwerelos. Grüsst die Schwalen!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2018, 18:04 Uhr

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Was wir auch noch erzählen möchten



Wir sind an einer Gemeindeversammlung, an der die Wogen hochgehen, oder porträtieren einen Bauern, der sich gegen die zu tiefen Milchpreise wehrt. Wir treffen einen Gemeindepräsidenten, um von ihm vorgeführt zu bekommen, weshalb seine Gemeinde unbedingt eine Umfahrungsstrasse braucht. All diese Geschichten können Sie danach auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet lesen.

Andere Geschichten jedoch bleiben auf der Strecke. Nicht zwingend, weil sie weniger interessant oder relevant sind. Doch sind sie nicht tagesaktuell, manchmal sogar uralt, und im Dorf kennt sie jedes Kind. Sie regen niemanden auf, polarisieren nicht, es gibt dazu keine politischen Vorstösse. Sie sind einfach da, vielleicht hübsch oder witzig, unterhaltend, exemplarisch, für Aussenstehende überraschend.

Grüsse an Zürich aus Zürich

Diese Geschichten möchten wir künftig in einer losen Serie erzählen. In Bild und Schrift. Wir werden Ihnen Postkarten aus dem Kanton schreiben, bunte Ansichtskarten mit kurzem Text. Dabei schlüpfen wir in die Rolle des Touristen, der mit neugierigen Augen durch die Gegend geht und darüber berichtet, was ihn erfreut, verblüfft, berührt hat. Wir sind die Touristen in der Fremde, welche darüber staunen, wie anders es anderswo ist. Oder eben wie genau gleich. Wir werden uns dabei nicht auf die gängigen Ansichtskartenmotive beschränken – nicht immer strahlt die Sonne und lächelt der See. Auf unseren Karten gibt es auch schlechtes Wetter, und Sehenswürdigkeiten offenbaren sich vielleicht erst auf den zweiten Blick. (net)

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