Herzliche Grüsse aus ...

Wangen, Neftenbach, der Fähre etc.: Alle bisher verschickten Postkarten aus dem Kanton Zürich.

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WangenUnordnung in Reih und Glied

Ganz klar, die Weite ist hier keine Leere. In den riesigen, teilweise überdachten Feldern der Gärtnerei Fischer kommt das Gefühl von Einsamkeit höchstens ein klein wenig auf. Gerade so, dass es schön ist. Schön ist auch die leichte Unordnung, welche in die Aufreihung der leeren Blumentöpfe geraten ist. Schön ist das spriessende Grün mit den Spritzern von Violett, Weiss und Gelb einiger vergessener Stiefmütterchen. Laut ist der Militär­helikopter, der gleich nebenan auf dem Flugplatz Dübendorf landet, eigentümlich das Segelschiff, das hier aufgebockt ist. Sein Name wirkt geradezu übermütig in diesem Umfeld: Silvestra. Und wer die Plastikhüllen derart effektvoll wie einen Theatervorhang gerafft hat, muss ein überaus sorgsamer Mensch sein. Ihm möchte man gerne bei der Arbeit zuschauen. Dann ist hier noch der Wachhund: ein Berner Sennenhund. Glaube ich. Oder ein Border Collie? Er trottet heran, beschnüffelt uns kurz – und läuft aus dem Bild. Helene Arnet

NeftenbachKanonenkugeln und Pilger

Richtig friedlich scheint es hier in Neftenbach. Die Muh-Bar neben der Kirche ist nur am ersten und letzten Donnerstag und Freitag des Monats ab 18 Uhr offen, der kunstvolle Blitzableiter auf dem Haus nebenan glänzt in der Sonne. Der Eindruck entsteht, dass es in diesem Dorf nie ein Donnerwetter gibt. Dann erblicken wir das: Oberhalb des Fensters in der Chormauer der Kirche steckt eine Kanonenkugel. Sie stammt aus der Zeit der Franzosenkriege – im Mai 1799 kam es hier zu einem Zusammenstoss zwischen Franzosen und Österreichern, bei dem das Dorf völlig zerstört wurde. Die heutigen Invasoren sind in anderer Mission unterwegs: Seit kurzem ist das Dorf Station des Schweizer Jakobswegs. Hie und da schauen Pilger vorbei, um sich beim Kirchenportal das Bild einer Jakobsmuschel in ihren Pilgerpass zu stempeln. Es ist eben doch richtig friedlich hier. Helene Arnet

ZürichseeZehn Minuten Ferien

Wie seltsam unempfänglich Menschen für Schönheit werden können, wenn diese zur Gewohnheit wird. Da sitzen sie im Bauch der Zürichseefähre in ihren Wagen, tippen auf ihren Handys herum, rauchen eine Zigarette, dösen vor sich hin. Während draussen zehn Minuten lang ein Werbeprospekt für die Schweiz vorbeizieht. Nur wenige Passagiere, vorab Mütter mit Kindern, sind an Deck, ein Mann lehnt allein an der Reeling und schaut versonnen in die Ferne. Der See ist tiefblau, der Wind angenehm kühl, am Horizont leuchtet ein noch oder wieder schneebedecktes Alpenpanorama, vom Speer bis zum Glärnisch mit dem Vrenelisgärtli – und über der Halbinsel Au steigt der Rautispitz auf, dann der grosse Ruchen. Nun wechseln die Möwen, die kreischend um den Bug unserer Fähre geflogen sind, das Schiff. Sie ziehen mit der Schwan weiter, als diese uns kreuzt. Zurück nach Meilen. Schon legen wir in Horgen an. Die Autofahrer stecken ihre Handys ein, drücken die Zigaretten aus und starten die Motoren. Helene Arnet

Winterthur«Komm, du Lauszapfen, sei friedlich»

Der erste Blick ist umwerfend, der zweite bleibt es. Wir haben ein windschiefes Holzhäuschen in einem mittelständischen Wohnquartier an der Breite in Winterthur betreten und stehen in einem hundert Meter langen schmalen Raum. Ein unwirkliches Gefühl, als ob man eine Haselnuss öffnet und das Innere einer Kokosnuss freigelegt hätte. So sieht es in der Seilerei Kislig aus. Sie steht seit 1878 an dieser Stelle, ist einer der ältesten Handwerksbetriebe der Stadt und eine der letzten noch produzierenden Seilerbahnen der Schweiz. Der Raum ist so lang, damit entsprechend lange Seile gedreht werden können. Mehr als hundert Jahre alte Maschinen, einige davon Marke Eigenbau, drehen und flechten und zöpfeln hier unter Aufsicht von Martin Benz und Lehrling Alex Seile nach alter Manier, zumeist als Einzelanfertigung. Und wenn sich eine Maschine einmal verheddert, springt Benz daher und sagt liebevoll: «Komm, du Lauszapfen, sei friedlich.»

RapperswilJedem Sein ein fröhlich Blühn

Geigentöne klingen durch das offene Fenster der Hintergasse, jemand übt einen luftigen Walzer. Und draussen wachsen, als wäre es Kulisse zum «Rosenkavalier», Rosenstöcke direkt aus dem Kopfsteinpflaster. Rosen sind im Rapperswiler Wappen seit 1192 verbürgt, doch ist das Prädikat Rosenstadt vor allem ein Beispiel für gelungenes Standortmarketing. 1958 propagierte der örtliche Verkehrsverein den etwas holprigen Slogan: «Mehr Rosen für die Rosenstadt, auf dass die Rosenstadt zur wirklichen Rosenstadt wird.» Die Bemühungen tragen Früchte: Zwischen Juni und Oktober blühen in der Stadt in öffentlichen und privaten Gärten rund 15 000 Rosen, und 1999 wurde ­Rapperswil auf einer internationalen Gartenmesse offiziell zum Mittelpunkt der Duftrosen erklärt. Fürs Poesie­album finden wir im Rosengarten auf dem Schlossberg den passenden Spruch: «Menschenvolk wir künden Dir, Werden, Weilen und Vergehn, jedem Sein ein fröhlich Blühn, jedem Tod ein Auferstehn.» Helene Arnet

Fehraltorf«Buebeträumli» im Kempttal

Die Grossen fliegen ganz oben und überziehen den blauen Himmel kreuz und quer mit Kondensstreifen. Die Kleinen aber sind es, weswegen die Harley-Davidson-Fahrer und die Väter mit ihren Kindern, die Polizisten und Wandergruppen hier einkehren. Ein Bier, ein Wurstsalat garniert und dazu Flugzeuge schauen. Der Flugplatz Speck am Rande von Fehraltorf wird seit 1956 von der Flugsportgruppe Zürcher Oberland betrieben. Start- und Landebahn sind Graspisten – 600 mal 18 Meter Gras, und im Hangar stehen und hängen rund zwei Dutzend kleine Flieger, Cessnas und Pipers und Oldtimer. Ein Hobbypilot macht draussen gerade eine zweiplätzige Tecnam startklar. Er will über Mittag schnell einen Gletscher sehen. Der Flugplatz Speck ist ein Ort, an dem auch Frauen zugeben müssen, dass sie zuweilen «Buebeträumli» hegen, und sich die Kritik an den negativen Seiten der Fliegerei für kurze Zeit einfach in Luft auflöst. Helene Arnet

UrdorfBlau und bunt in Grau

Urdorf ist im Radio immer wieder eine Meldung wert: Stau auf dem Westring zwischen Urdorf Süd und Urdorf Nord. Doch es gibt ein Urdorf dazwischen. Dort wachsen Lilien und Dahlien in überschwänglicher Farbigkeit. Die Blumenfelder zum Selberpflücken gehören zu den grössten im Kanton. In der Ferne sehen wir einen grünen Hügel und ein unspezifisches Wohnquartier. Auf der anderen Seite herrscht Grau vor: graue Agglo, Einkaufszentrum, Verkehrskreisel. Doch unweit davon wirds wieder farbig, Königsblau. Und die Agglo hat eine Stippvisite in der Weltgeschichte. Beim Bahnhof Urdorf mischt seit mehr als hundert Jahren die Firma Sax Farben. Einer ihrer Stammkunden war Winston Churchill. Der britische Premier liess sich dort ein spezielles Blau mischen, das niemand so hinkriegte wie der Willy Sax aus Urdorf. Und wo ist denn die Autobahn? Mitten im Grünen und nirgends zu sehen, ein stetes Rauschen – wie Blätter im Herbstwind. Helene Arnet

MettmenstettenMeeresrauschen im Säuliamt

Hier geht alles drunter und drüber: Skispringen im Sommer, Meeresrauschen im Säuliamt, Luftsprünge ins Wasser. Dass am Rande von Mettmenstetten eine der weltbesten Schanzenanlagen für Freestyle-Skispringer entstanden ist, hat mit einem Olympiasieger zu tun, mit Sonny Schönbächler, der 1994 in Lillehammer Gold gewann, in der Gegend wohnt, und 1996 diese Anlage realisiserte. Andreas Isoz verteilte als Bub Flyer für das Projekt. Dafür durfte er später selbst springen, nahm an Weltmeisterschaften und einmal, wie sein Held Sonny, an Olympischen Spielen teil. Heute ist er Geschäftsführer von Jumpin, auf der Profis aus der ganzen Welt ernsthaft üben und Laien aus Spass runterrutschen. Er selbst springt spasseshalber wie ein Profi. Er schultert die Skier, stampft die Rampe hoch, begibt sich auf die Schanze. Ein Kollege setzt die Bubblemaschine in Betrieb, damit der Aufprall weniger hart ist. Das Wasser schäumt auf. Hoch hinaus, kopfüber, einige Schrauben und platsch. Helene Arnet

MeilenAuf dem neuen Dorfplatz

Der Brunnen mit den drei ungleich grossen Marmorkugeln passt perfekt auf den Dorfplatz in Meilen. Doch weshalb heisst er Fischli-Brunnen? Da sind weit und breit keine Fischli. Nur ein kleines Mädchen, das sein Röckchen über die Knöchel hochhebt und die Füsse im Wasser des Brunnens kühlt. Nur ein Knirps, der sein Dreiradvelo fallen lässt und sie anspritzt. Es ist überhaupt ein gelungener Dorfplatz mit dem grauen Gneis-Boden, der grosszügigen Freitreppe, dem eigentümlichen Gemisch an Baustilen: Gegen den Bahnhof zeigt das Gemeindehaus ein historisierendes monumentales Gesicht, gegen den Platz wirkt es wie eine Spiegelung davon in die Gegenwart. Und das Café ist flockig gebaut. Doch weshalb heisst der Brunnen Fischli-Brunnen? Weil sein Schöpfer der Bildhauer Hans Fischli (1909 bis 1989) war, Mitinitiant und Erbauer des Kinderdorfes Pestalozzi in Trogen, Direktor der Kunstgewerbeschule Zürich und Vater von Peter Fischli des Künstlerduos Fischli/Weiss. Helene Arnet

DietikonDie Alp am Stadtrand

Eine kleine Alp am Rand der Stadt: Milchkannen im Vordergrund, Hochhäuser dahinter. Auf der Hofkäserei im Basi bei Dietikon zeigt sich, wie nah sich Stadt und Land im Limmattal sind. Auch dass sich die beiden gut ergänzen können: Die kooperative Käserei hätte wohl ohne die Städter, die sich fair und biologisch produzierte Lebensmittel etwas kosten lassen, einen schweren Stand. Die zwei Dutzend Basi-Kühe hören auf ihre Namen, sind behornt und leben in einem Laufstall. Gerade verarbeitet eine Käserin deren Milch. Es dampft, riecht nach Molke. Immer wieder schaut sie auf das Thermometer, während sie die Milch rührt, und schüttet kesselweise Wasser nach. Sie erzählt von Käsebruch, Sirte und Lab. Der Käse und die anderen Milchprodukte werden für die Genossenschafter an verschiedenen Orten zum Abholen deponiert. Nirgends steht Emmi drauf. Helene Arnet

TiefenbrunnenFrühsommer im Seefeld

Unter der Hochstrasse im Zürcher Quartier Seefeld, hinter dem Kieswerk im Tiefenbrunnen, herrscht Ferienstimmung. Ein Vater wassert zusammen mit seinem Sohn das Segelboot ein, Primarschüler haben sich auf dem Steg zum Fischen eingefunden: «Ich han äine», jauchzt der eine, eine kleine Schwale zappelt am Haken. Er macht sie los und wirft sie zurück ins Wasser. Zwei Hunde räkeln sich in der Sonne – gibt es Streuner hier am Rande der Stadt? Und auf einer Plattform hoch über dem Wasser sitzend, spüren zwei Teenager den Frühling. Nun kommen zwei Kolosse anmarschiert: Taucher in Trockenanzügen, die Flaschen auf dem Rücken, die Flossen unter den Armen. Sie steigen schwerfällig die Treppe hinunter, ziehen Flossen und Taucherbrillen über, kontrollieren die Instrumente und tauchen ab. Jetzt scheinbar schwerelos. Grüsst die Schwalen! Helene Arnet

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2017, 20:53 Uhr

Postkarte

Was wir auch noch erzählen möchten



Wir sind an einer Gemeindeversammlung, an der die Wogen hochgehen, oder porträtieren einen Bauern, der sich gegen die zu tiefen Milchpreise wehrt. Wir treffen einen Gemeindepräsidenten, um von ihm vorgeführt zu bekommen, weshalb seine Gemeinde unbedingt eine Umfahrungsstrasse braucht. All diese Geschichten können Sie danach auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet lesen.

Andere Geschichten jedoch bleiben auf der Strecke. Nicht zwingend, weil sie weniger interessant oder relevant sind. Doch sind sie nicht tagesaktuell, manchmal sogar uralt, und im Dorf kennt sie jedes Kind. Sie regen niemanden auf, polarisieren nicht, es gibt dazu keine politischen Vorstösse. Sie sind einfach da, vielleicht hübsch oder witzig, unterhaltend, exemplarisch, für Aussenstehende überraschend.

Grüsse an Zürich aus Zürich

Diese Geschichten möchten wir künftig in einer losen Serie erzählen. In Bild und Schrift. Wir werden Ihnen Postkarten aus dem Kanton schreiben, bunte Ansichtskarten mit kurzem Text. Dabei schlüpfen wir in die Rolle des Touristen, der mit neugierigen Augen durch die Gegend geht und darüber berichtet, was ihn erfreut, verblüfft, berührt hat. Wir sind die Touristen in der Fremde, welche darüber staunen, wie anders es anderswo ist. Oder eben wie genau gleich. Wir werden uns dabei nicht auf die gängigen Ansichtskartenmotive beschränken – nicht immer strahlt die Sonne und lächelt der See. Auf unseren Karten gibt es auch schlechtes Wetter, und Sehenswürdigkeiten offenbaren sich vielleicht erst auf den zweiten Blick. (net)

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