Herzliche Grüsse aus ...

Geschichten aus dem Kanton, wie sie sonst kaum zu lesen sind. Autorin und Fotografin zeigen Überraschendes aus der Region. Heute aus dem Weiler Wermatswil.

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WermatswilLeuchtend orange und silbern schimmernd

Die ersten Versuche waren entmutigend. Der edle Wildlachs schmeckte wie Landjäger. Doch unterdessen hat es Susi Ramseier im Griff. Sie betreibt im Weiler Wermatswil zwischen Uster und Pfäffikon die wohl kleinste Lachsräucherei des Kantons. Es war ein weiterer Weg von ihrem ursprünglichen Beruf als Schriftsetzerin zur Lachsräucherin. Der Wildlachs aus Alaska stammt aus nachhaltigem Fang, wie sie betont. Sie präsentiert eine Lachsseite, leuchtend orange und silbern schillernd. Es riecht rauchig und würzig in dem kühlen Raum, der ihr als Räucherei dient. Sägemehl aus Buchenholz glimmt in einem kleinen Ofen, der Rauch strömt durch ein Rohr, kühlt dabei ab, und gelangt schliesslich in den Räucherofen, in den Susi Ramseier die Lachsseite schiebt. Zuvor wurde der Fisch mit einer Salz-Zucker-Mischung entwässert und gezielt wieder gewässert. Vierzehn bis fünfzehn Stunden liegt der Lachs nun im Rauch. So wie die Lachse jedes Jahr die Flüsse hinauf zu ihren Laichgründen ziehen, zieht es Susi Ramseier im Sommer weg aus dem kleinen Weiler in die weite Welt. Dann lebt sie in Australien.

HardquartierIn der Wunderkammer

Eben noch war da ein gesichtsloses Treppenhaus in einem belanglosen Block an einer grauen Strasse unweit des Hardplatzes. Und nun stehen wir Aug in Aug mit einem leibhaftigen Löwen. Leibhaftig, aber nicht lebendig. Ein magischer Moment. Zumal der Löwe in Begleitung von Tiger und Wolf ist, ein Hornschnabelvogel die Szene beobachtet und eine Giraffe. Diese ist allerdings nur vom Hals an aufwärts vorhanden. Dutzende von Tierpräparaten sind in diesem Raum vereint. Der Sammler und Zauberer Christian Link spricht, in Bezug auf die Naturhistorischen Museen der Renaissance, von einer Wunderkammer. Alles begann mit Fred Tschanz. Der war nicht nur ein Zürcher Gastro-König mit Tellerwäscherkarriere, sondern auch ein passionierter Jäger. Als dieser starb, wussten die Erben mit dessen Sammlung nichts anzufangen. Link jedoch war fasziniert. Er erstand sie. Seither kauft er antike Tierpräparate, lässt sie herrichten, pflegt sie und präsentiert sie, so dass sie nicht wie traurige Überreste einst stolzer Tiere wirken, sondern für magische Momente in Filmen, Schaufenstern oder in seiner Wunderkammer sorgen.

Affoltern am AlbisWeit mehr als Schall und Rauch

Es gibt Kühlraucher und Heissraucher. Wozu jemand gehört, ist Charaktersache. Roman Peter muss das wissen, spüren, herausfinden, damit er für seine Kunden – meist sind es Männer – die passende Pfeife herstellen kann. Deshalb wird in seinem Atelier in Affoltern am Albis nicht nur über Holzmaserung, Holzalter, Pfeifenkopfform und Bohrung gesprochen, sondern eben auch über Temperament, Philosophie, Lebenseinstellung. Je heftiger man an der Pfeife zieht, desto heisser wird die Glut. Peter stemmt zwei Wurzelknollen des Bruyère-Holzes, das sich speziell für Tabakpfeifen eignet. Dann zieht er einige Schubladen heraus, öffnet Kartonschachteln. Darin lagern seine Schätze. 30'000 Mundstücke nach Grösse, Form und Material geordnet: Horn, Bernstein, Ebonit… Dazu Spannringe aus Silber. Einfache, ziselierte, filigrane, rustikale. Die Pfeifen, die er herstellt, weisen alle einen feinen weissen Zierring aus Antilopfenknochen zwischen Mundstück und Pfeifenkopf auf. Klassische Musik rieselt aus dem Radio, der Bohrer summt. Roman Peter zündet sich eine Pfeife an. Er ist – unverkennbar – ein Kühlraucher.

KlotenDie stillen Flieger

Wer im Zusammenhang mit Kloten von grossen Vögeln spricht, meint meist Flugzeuge. Hier aber, in dieser Unterführung in der Nähe des Bahnhofs, hebt ein anderer Vogel ab. Ein Greif, violett und grün mit schimmernden Flügeln. Weiter vorn brüllt ein Löwe, böser Blick, mächtige Mähne. Man kann ihn gerade noch knapp erkennen, denn ein Graffiti überdeckt ihn fast gänzlich. Auch der Vogel ist zur Hälfte von wulstigen orangen Buchstaben übersprayt. Alles ganz legal: Graffiti über Graffiti über Graffiti über Graffiti. Das Amt für Jugendarbeit der Stadt Kloten hat vor fünf Jahren diese Wand zum Sprayen freigegeben. Seither darf hier, wer will und kann, nach Lust und Laune. Die Gelegenheit werde rege benutzt, heisst es bei der zuständigen Stelle. Es braucht keine Anmeldung, keine Vorlage, kein Konzept. In der Szene gilt einfach der Ehrenkodex: Überspraye nur, wenn du etwas vergleichbar Schönes hinterlässt. Etwas schade, dass derzeit vor allem Buchstaben statt Bilder in Mode sind, sagte doch der leise Vogel mehr als tausend Worte.

VolkenTabak aus dem Weinland

Es riecht überwältigend. Nach Gemütlichkeit. Nach würzigem Pfeifenrauch, frischer Erde, Vanille. «Ich rieche nichts», sagt Adrian Erb. «Hier riecht es?», fragt seine Frau Claudia, als sie die hohe Scheune betritt, in der acht Lagen Tabakblätter übereinander hängen. Manche sind noch grün, die wurden erst vor kurzem eingebracht. Diejenigen, die Adrian Erb schwungvoll vor sich ausbreitet, aber sind hellbraun. Die Erbs pflanzen auf rund drei ihrer zwanzig Hektaren Land in Volken Tabak an. Der Tabakanbau war einst im Weinland verbreitet, heute gehören sie zu den wenigen Tabakbauern, die es im Kanton Zürich noch gibt – siebzehn sind es in der Ostschweiz, 150 im ganzen Land. Adrian Erb gefällt, was viele seiner Kollegen abschreckte: Tabakanbau ist fast ausschliesslich Handarbeit. Mit flinken Fingern streicht er die Blätter vor sich glatt, um zu prüfen, ob sie einwandfrei sind. Manche zupft er vom Faden, sortiert sie aus. Die andern werden zu 20-Kilo-Ballen gepackt. «Eine schöne, fast meditative Arbeit», findet er, während er ins Zwielicht der hohen Scheune schaut. Und es riecht erst noch wunderbar. Wenn man es noch riecht.

Uitikon40'000 Lämpchen zum vierten Advent

Ist das Kitsch oder Romantik? 40'000 Lämpchen seien es, heisst es in Uitikon, die das Haus an der Zürcherstrasse in ein Wunderland verwandeln. Seit 27 Jahren dekoriert der Hausbesitzer zusammen mit Freunden auf die Adventszeit hin den Garten so opulent, dass die Gemeinde einen provisorischen Parkplatz für die Bewunderer signalisiert. Darunter sind viele Eltern, die mit ihren Kindern in Erinnerungen schwelgen.

Flamingos spiegeln sich im Weiher, Hirsche lagern auf der Wiese, Bären, Igel, Schwäne und Eichhörnchen leben zusammen. Und der Klimawandel ist bereits Realität: Selbst Pinguine fühlen sich hier heimisch. Ein riesiger Santa Claus schaut schmunzelnd dem Treiben zu. Dazu säuselt klassische Musik. Kitsch oder Romantik? Romantischer Kitsch. Oder kitschige Romantik. Auf alle Fälle weihnachtlich.

TramdepotDrei Engel zum dritten Advent

Sie heisst Blanche und ist ein Engel. Engel gibt es gar nicht, sagt ein vorwitziges kleines Mädchen. Oh doch, nur sind die nur in der Adventszeit sichtbar. Das Jahr durch studieren sie vielleicht, wie Blanche, Gesundheitswissenschaften. Oder sie sind Kindergärtnerinnen. Oder auch Lifestyle-Bloggerin wie Daphne. In der Weihnachtszeit aber treffen sie sich im Tramdepot bei der Kalkbreite. Dort ziehen sie ihre weissen Engelskleider an, setzen den Heiligenschein auf. Am kniffligsten ist es, sich die Flügelchen wachsen zu lassen. Dem Samichlaus nebenan geht es allerdings nicht besser. Man hört ihn leise schimpfen, weil ihm das rote Gewand plötzlich zu eng ist. Nein, nejn, er habe nicht zugenommen! Die Engelchen kichern und ruckeln und zuckeln, bis die Flügelchen richtig sitzen. Dann noch etwas Goldstaub auf die Wangen und Abmarsch. Das Märlitram wartet, in dem bis an Weihnachten rund 8000 Kinder erfahren werden, was das vorwitzige Mädchen nicht wusste: Engel gibt es schon. Nur nicht immer.

HardbrückeZwei Esel zum zweiten Advent

Hat es geglöggelt? Das muss eine akustische Täuschung gewesen sein. Über die Hardbrücke donnert der Verkehr, unten im Bahnhof brausen Züge vorbei. Und der Laut kam aus der Richtung des Parkplatzes, der zwischen Containerbüros und Garagen liegt.

Es glöggelt wieder, dann schieben sich zwei lange, braune Ohren ins Bild. Sie gehören Cappuccino. Cappuccino ist ein Esel vom Lande, aus Rüti im Zürcher Oberland. Und er trägt eine kleine Glocke um den Hals.

Cappuccino war gestern Nachmittag zusammen mit der Eselin Bijou zu Besuch in der Stadt. Sie beschnüffeln den Asphalt, fressen einige Blätter. «Ihr seid doch keine Staubsauger», sagt Dominik Ott, der Cappuccino an der Leine führt liebevoll.

Was denken sich die beiden Esel vom Land wohl, wenn sie an den mit Graffiti verschmierten Wänden vorbeitrotten? Ob des grauen Asphalts statt der grünen Weide? Ob des Lärm, der Hektik?

Sie nehmen es stoisch und bewegen sich gemächlich in Richtung Josefswiese, wo sie erwartet werden. Ein Autofahrer, der sie vorbeilassen muss, lässt entnervt den Motor aufheulen. So ein Esel, denkt der Mensch. So ein Mensch, denkt der Esel.

WaschkücheEine Krippe zum ersten Advent

Walter Lips sorgt dafür, dass es dem Jesuskind gut geht. Seit seiner Pensionierung baut der Dietiker Möbelschreiner Krippen. Erst für seine Töchter, weil sie Anklang fanden, dann auch für Freunde und Bekannte. Wenn es draussen kalt und neblig ist, verzieht er sich in seine kleine Werkstatt, ein Kellerabteil in einem Mehrfamilienhaus neben den Waschküchen. Während er hobelt und schnitzt, sägt und hämmert rauscht das Wasser durch die Rohre an der Wand. Seine Krippen haben keine Ecken und Kanten, keine geraden Linien, selbst das Dach hängt leicht durch. «Wie die verwitterten Hütten in den Alpen eben», sagt er. Bei seinen alpenländischen Krippen begnügt er sich nicht mit einem offen Unterstand. Er konstruiert immer einen kleinen Stall, der vor Wind und Wetter schützt. Für Esel und Ochse bastelt er Futtersäcke, damit Josef und Maria Feuer machen können, stellt er kleine Brennholzstapel in eine Ecke. Haben sie Durst, können sie den am Ziehbrunnen löschen. Und damit das Jesuskind sich in der Nacht nicht ängstigt, hängt über ihm eine winzige Laterne mit Kerze. Auch sie ist aus Holz, der Docht ist ein Zahnstocher.

Wilen ZH/TGDer geteilte Ort

Der Velowegweiser zeigt das Thurgauer Wappen, obwohl er im Kanton Zürich steht. An einer Scheune hängt ein Plakat der Zürcher SVP, obwohl sie im Kanton Thurgau steht. Der Traktor hat ein Zürcher Kennzeichen, sein Anhänger ein Thurgauer. Wir sind in einem geteilten Dorf: Wilen TG/ZH steht auf dem Ortsschild. Das ist Napoleons Werk. Die von ihm der Eidgenossenschaft aufgezwungene Helvetische Republik zog die Grenze der beiden Kantone mitten durch den Ort. Dort ist sie geblieben, und so sind die Wilemer bis heute Grenzgänger.

Sie leben ganz gut damit. Das sagt ein alter Mann, der eine Zigarre rauchend in der Sonne steht. Er sei Zürcher, könne die Thurgauer aber gut leiden. Sein Dialekt tönt nach ennet der Kantonsgrenze. «Manche Ämter und Institutionen geraten aber ob dieses Kuriosums zuweilen schon durcheinander», erzählt eine Zürcherin kopfschüttelnd – weil die Postleitzahl des zu Oberstammheim gehörigen Zürcher Ortsteils thurgauisch sei.

Friedhof RosenbergGrüsse zu Alllerheiligen

Es ist ein lichter Wald, vom Herbst verfärbt. Manche Bäume haben die Blätter auch schon abgeworfen. Ein Nachdenken über die Vergänglichkeit stellt sich ganz von alleine ein. Es ist eine Wehmut, auch eine Traurigkeit, die andere Gefühle und Gedanken nicht erdrückt, sondern weckt. Manche Bäume tragen seltsame Früchte. Engelchen, Laternen, Girlanden. Die meisten aber sind sich selbst genug. Buchen, Birken, Ahorn. 300 an der Zahl. Süsskirschen, Stieleichen, Hainbuche.

Sie sind so verschieden wie die Menschen, die hier beigesetzt wurden. Denn wir befinden uns in einem Wald der Erinnerung, in dem vor gut zehn Jahren eingerichteten Baumgrabfeld des Friedhofs Rosenberg bei Winterthur. Die grosse Anlage steht unter Denkmalschutz und bietet vielen Formen von Trauer Raum. Auf einem klapprigen Stuhl sitzt eine Frau mittleren Alters unter einer noch jungen Buche. Ein blaues Windrad dreht sich im Herbstwind, zwei Sonnenblumen welken in einer Vase. Sie liest und wartet auf den Frühling.

JakobstalIm Dornröschenschlaf

Das Jakobstal bei Bülach war zwischen 1865 und 1982 eine Baumwollspinnerei, heute ist es ein Schandfleck. Findet man in der Standortgemeinde Bülach. Nachvollziehbar. Die Ruine steht wie eine verwunschene Insel in der Landschaft. Eingezäunt, doch mit Schlupflöchern. Betreten verboten. Oder zumindest auf eigene Gefahr.

Die Mauern bröckeln, das Grün wuchert, im einstigen Fabrikgebäude wachsen Bäume. Die Rückeroberung der Natur ist im Gang. 1986 wurde die Anlage unter Schutz gestellt und verfiel trotzdem. Oder wegen dem, das ist Ansichtssache. Zu schützen gibt es jetzt nichts mehr. Noch schlummert sie einen Dornröschenschlaf.

Doch gab und gibt es grosse Pläne für das Jakobstal: Wohnungen, Arbeitsplatzgebiet. 40'000 Quadratmeter potentielles Bauland weckt Begehrlichkeiten. Das Dornröschen wird wohl bald geweckt. Nicht sanft wachgeküsst, sondern gerüttelt und geschüttelt, von Baulärm um den Schlaf gebracht.

GfennSchlicht und ergreifend

Schlichter geht nicht. Die schmucklose Kirche ohne Turm steht in der Dübendorfer Aussenwacht Gfenn auf einem grünen Moränenhügel. Ihre Bauweise: romanisch; ihre Verwendung: romantisch. Die Lazariterkirche ist beliebt für Hochzeiten, wurde aber für ganz anderes gebaut. Sie gehörte zu einem Kloster eines Ritterordens, der hier ein Spital für Leprakranke führte. Die Abgeschiedenheit erklärt sich daher – Aussätzige nannte man sie auch, und sie mussten sich mit Glocken, Schellen oder Rätschen bemerkbar machen, wenn sich ihnen andere Menschen näherten. Weg ist die Romantik – die Bilder dieser grauenhaften Krankheit vor Augen. Eine seltsame Vorstellung, dass vor Jahrhunderten so gebeutelte Menschen im Chor der Kirche dieselben Bilder betrachteten wie wir heute. Die Krönung Marias, Christus mit der Weltkugel. Waren sie ihnen Trost? Oder haderten sie mit Gott?

ChrutzelriedDer hohe Norden im Osten

Er war in Spitzbergen, auf der Bäreninsel und immer wieder in Grönland. Und zwischendurch einmal im Chrutzelried, das zu Schwerzenbach gehört. Hier machte er eine Entdeckung, die nicht die Welt veränderte, aber immerhin unser Verständnis der Welt verbesserte. Der schwedische Naturforscher Alfred Gabriel Nathorst kam 1872, wohl auf der Durchreise nach England, wo der 22-Jährige einen Geologen besuchen wollte, hier vorbei. Und weil er es nicht lassen konnte, buddelte er im Ried und stiess auf Überreste von Pflanzen aus der Dryas-Zeit und Lemmingknochen: die ersten derartigen Funde in Mitteleuropa. Sie belegten, dass während der Eiszeit in weiten Teilen Europas Pflanzen und Tiere lebten wie heute nur noch im schwedischen Hochland und in der Arktis. Nathorst wurde berühmt, das Chrutzelried blieb ein schöner, kleiner, wenig berührter Fleck zwischen Siedlung, Strassen und Schnellimbiss.

SpotterhügelWenn die grossen Flieger kommen

Sie haben Stehleitern geschultert, tragen Kameras mit riesigen Objektiven, sprechen französisch und halten sich für etwas Besonderes. Denn sie machen linksum kehrt vor dem Spotterhügel, marschieren im Gänsemarsch dem hohen Drahtzaun entlang und richten sich dort ein. Es ist Mittagszeit. «Nun starten die Überseeflieger fast im Fünfminutentakt», erklärt ein Rentner. Die Geselligeren treffen sich auf dem Spotterhügel bei Rümlang neben einem zu einer Imbissbar umgebauten Helikopter. Viel reden tun sie aber nicht, denn sie müssen stets schussbereit sein. Fotoschussbereit. Die einen sammeln Bilder von Flugzeugtypen, andere sind auf die Registriernummern aus, wieder andere knipsen einfach alles, was ihnen vor die Linse kommt. Ausnahmslos Männer haben sich auf dem Spotter­hügel eingerichtet, eine einzige Frau steht unten dicht am Zaun und macht ein Selfie mit Flugzeug.

OpfikonAgglo au Lac

Das soll Agglo sein? Es sieht eher aus wie viel Freiraum statt viel Verdichtung. Am Wochenende oder an schulfreien Nachmittagen ist hier im Opfikerpark bestimmt mehr Betrieb. Heute aber ist es geradezu idyllisch ruhig. Viel Abstand zwischen den Sonnenschirmen, noch freie Feuerstellen am Rand der Wiese. Ein kleines Kind sitzt in roten Badehöschen im Sand, der die eine Seite des über 500 Meter langen, schmalen Sees begrenzt, und baut mit Plastikförmchen einen Sandturm, der von keinem anderen Kind zerstört wird. Das passiert doch sonst immer! Ein paar Jugendliche springen von Brücken ins Wasser, spritzen sich nass, kreischen und lärmen. Sie können einfach nicht anders und stören überhaupt nicht. Denn es ist pure Lebensfreude. Dieser Park wurde als Ausgleich zur verdichteten Bauweise des Opfiker Stadtteils Glattpark, direkt am Rand der Stadt Zürich, gebaut. Also doch Agglo. Agglo au Lac.

UnterwetzikonWilder Westen im Osten des Kantons

Auch in «Spiel mir das Lied vom Tod» spielt ein Bahnhof eine Rolle. Und die Stimmung an diesem Mittag vor dem Saloon in Unterwetzikon, gleich neben dem Bahnhof, erinnert an den Westernklassiker. Lonely-Cowboy-Groove, kein Mensch da. Langsam dreht sich das grosse hölzerne Windrad. Die Aschenbecher überquellen, über dem Eingang hängt die rostige Attrappe eines Colts. Darunter steht: «We don’t deal». An den Wänden kleben Flyer: «Wanted, dead or alive». Im Film heisst der Gangster Frank Miller. Hier Eagle Washington. Reward: 10'000 Dollar. Nur die Mittagshitze fehlt. Und die Fliege, die einen zum Wahnsinn treibt mit ihrem Summen. Dafür rauschen Autos vorbei. Und es riecht nach Barbecue. Wenn der Saloon abends öffnet, wird hier Smoked Western Food serviert. Dann sei es hier gar nicht einsam, sagt eine Anwohnerin. Im Wilden Westen Wetzikons geht dann die Postkutsche ab.

StettbachAus dem düsteren Tiefbahnhof auftauchend

Aus dem düsteren Tiefbahnhof auftauchend, steht man mitten auf einer grünen Wiese. Ein Bächlein plätschert, Kuhglocken bimmeln. Aus dem düsteren Tiefbahnhof auftauchend, steht man vor einer Betonwand, hinter der sechs, nein sieben, und noch einer, acht Krane hochragen. Dahinter Wolkenkratzer, wenn auch in Zürcher Dimensionen. Man steht vor einer Gruppe fröhlicher, junger Menschen, dunkelhäutig in farbigen Kleidern, vor Schuljungen, laut, auf Trottinetts, vor einem älteren Mann, der versucht, seinen Rollator ins Tram zu heben. Man steht vor einer Blumenwiese auf karger Fläche, vor einer Frau mit gelbblond gefärbten Haaren, die mit einer Hand einen leeren Kinderwagen stösst, das Baby trägt sie auf dem Arm. Aus dem düsteren Tiefbahnhof auftauchend, steht man vor einer Bretterwand, die eine Baustelle abgrenzt. Darauf steht gross in rosa Buchstaben: «Hier beginnt die neue Stadt». Dabei enden hier zwei Städte: Zürich und Dübendorf. Wir sind in Stettbach.

Im MargelGoldstaub und St. Galler-Spitzen

Ein Holunder vor dem Haus bringt Glück, heisst es. Wie viel Glück muss dann der Biohof im Margel haben! Denn in diesem stillen Seitental bei Knonau wachsen 600 Holunderbäume. Derzeit ist Vollblüte. Der Hang sieht aus, als ob über Nacht leichter Schnee gefallen wäre. Die Arme der Erntehelferinnen und Erntehelfer sind mit goldenem Blütenstaub gepudert, die weissen Blüten gleichen von nahem St. Galler Spitze. So poetisch ist es Kathrin Frei aber nicht zumute. Sie ist auf Mäusejagd. Gross wie Ratten haben sich hier die Feldmäuse gefressen, Holdere scheinen auch für Nager gesund. Es war Freis Schwiegervater, der vor über fünfzehn Jahren mit dem Zältli-Hersteller Ricola eine Partnerschaft einging: Die Firma finanzierte die Bäume, die Freis verkaufen ihr die ganze Ernte, die zu Bonbons verarbeitet wird. «Ein guter Handel für beide», sagt Kathrin Frei. Der Holunder bringt also wirklich Glück.

Verbotene StadtAnschluss und Ausschluss

Das Zellweger-Areal in Niederuster erzählt gleich mehrere Geschichten über Ausschluss und Anschluss. Anschluss ermöglichten die schwarzen, robusten Zellweger-Telefone, die hier hergestellt wurden, ausgeschlossen waren Aussenstehende, die lange Zeit die Parkanlage nicht betreten durften. Dieses Quartier hiess daher im Volksmund «die verbotene Stadt». Anschluss fand dagegen der fünf mal fünf Meter grosse weisse Würfel von Sol LeWitt, der zuvor ein Vierteljahrhundert von Standort zu Standort irrte, niemand wollte ihn geschenkt. Überall eckte er an. Auch die unweit davon stehende monumentale Helvetia von Richard Kissling, dem Schöpfer des Alfred-Eschers-Denkmal beim Hauprtbahnhof Zürich, wurde verstossen. Sie stand einst am Paradeplatz und sollte verschrottet werden. Die Betonlandschaft von Fischli/Weiss findet allmählich Anschluss an die sie umgebende Landschaft: Sie setzt Moos an, wohingegen der Mooswürfel des Künstlerduos offenbar das Moos ausschliesst. Er steht seit 2010 hier und ist kahl geblieben. Anschluss wiederum bietet die schwimmende Brücke von Tadashi Kawamata, die wie ein Biberbau die Ufer des Kanals verbindet.

GossauHier spu(c)kt es nicht

Chefinnen spuckt man nicht an. Chefs auch nicht. Das wissen auch die Lamas vom Schwobshof bei Gossau. Und Chefin und Chef sind nun mal Maya und Markus Hächler. Vor gut zwanzig Jahren haben sie sich entschieden, auf ihrem Hof Lamas zu halten und damit Trecks in der Umgebung anzubieten. Mit 5 Lamas begannen sie, 24 sind es mittlerweile. Plus 2 Alpakas. Sie bieten einen überraschenden Anblick, wie sie so in dieser sanften Hügellandschaft des Zürcher Oberlandes auf der Weide stehen, den Blick in die Ferne gerichtet und beim Wiederkäuen langsam die Kiefer bewegend. Und einen friedlichen. Wenn die Hündin Flurina mit ihnen spielen will, schauen sie sie von oben herab an und legen – schlimmstenfalls – die Ohren nach hinten. Überhaupt, diese Ohren! Wenn die Tiere auf etwas aufmerksam werden, stehen sie nach vorne ab. Sie können sie aber auch einzeln bewegen, seitwärts, rückwärts. Und wenn Maya Hächler sagt: «Säg hoi», stellen sie die Ohren nach vorn, kommen näher und näseln mit ihrer Chefin.

Kreis 5Space-Jump an der Josefstrasse

Der Flughafen von Funchal auf der Atlantikinsel Madeira liegt direkt vor uns. Seine Anflugpiste gilt als eine der anspruchvollsten der Welt. Wer nicht rechtzeitig zum Stillstand kommt, landet im Meer. Dieses glitzert und schimmert tiefblau, was die Pilotin Caroline Frick zu begeisterten Ausrufen veranlasst. Etwas mehr Konzentration, bitte. Aber nein, sie zeigt gegen den Horizont, wo gerade ein grosses Passagierschiff auftaucht. Dann drückt sie einige Knöpfe, betätigt verschiedene Hebel, reisst das Steuer um, beantwortet einen Funkspruch und sagt dann: Lasst uns nach Hongkong fliegen! Von der Josefstrasse im Stadtzürcher Kreis 5 direkt nach Hongkong. Oder lieber doch nach Singapur? Oder gleich zum Jupiter? Die Pilotin ist echt, die Boeing 777 ist fast echt, der Space Fighter ist Science Fiction, denn was er kann, kann bisher noch kein Raumschiff. Als Caroline Frick Mutter wurde, hat sie ihren Beruf als Pilotin aufgegeben, nicht aber den Traum vom Fliegen begraben. Sie gründete das Unternehmen Fly&Race Simulations, wo Profi- und Laien-Piloten in einem originalgetreuen Boeing-Cockpit 24'000 Destinationen anfliegen oder als Astronauten durch die Galaxien jumpen können. Mitten im Kreis 5 ist man grenzenlos unterwegs.

SelnauLasst uns stöbern

Die Türe an der Selnaustrasse im Stadtzürcher Kreis 4 ist unauffällig. Hinter ihr aber versteckt sich der zweifellos schönste Flohmarkt des Kantons. Hier, in der Studiensammlung des Alterthümermagazins – das ist Programm – lagert der Kanton historische Bauteile aus Gebäuden, die abgerissen wurden. Er gibt sie wieder ab, wenn sie irgendwo passend verwendet werden können. Lassen Sie uns stöbern: ein Gartenstuhl von Max Frisch, ein bleiverglastes Fenster aus dem Polybahn-Gebäude – es wurde von einem Passanten aus einer Baumulde gerettet. Ein Buchstabe von der Beschriftung des Hotels Atlantis, ein Wasserspeier des Südturms der Klosterkirche Rheinau, eine Telefonstöpselanlage aus dem Zürcher Rathaus, eine Kriegskasse von der Kyburg, ein Himmelbett aus der Villa Streiff in Küsnacht, ein Lüftungsgitter aus dem Tanzsaal des Hotels Sonne, ein Notausgangs-Schild aus dem Hallenstadion. Fortsetzung folgt beliebig jeweils am ersten Mittwoch und am ersten Samstag des Monats. Dann finden Führungen statt.

WiesendangenWie aus einer anderen Zeit

Wie Nebelschwaden hängt der Rauch im Raum, und es riecht nach verbranntem Horn. In der Esse beginnen Hufeisen rotgelb zu glühen. Die beiden Freiberger Pferde stehen gleichmütig da, als ob sie das Ganze nicht betreffen würde. Dabei geht es hier nur um sie, doch sie kennen das. Alle sechs bis zehn Wochen müssen Pferde neu beschlagen werden. «Fuss», sagt Urs Teuscher, der eben auf einem niederen Stuhl Platz hinter den Tieren genommen hat. Zuvor waren zwei Mitarbeiter am Werk. Sie haben die alten Hufeisen entfernt, das Horn mit scharfen Messern geschnitten und mit Raspeln gefeilt, die empfindliche Sohle des Pferdes gereinigt. Nun übernimmt der Meister, denn es folgt die heikelste Arbeit. Das glühende Hufeisen muss angepasst und aufgerichtet werden. Dabei spielt es eine Rolle, ob es sich um Arbeitspferde handelt, die schwere Lasten ziehen, oder um Springpferde. Mit schnellen, präzisen Schlägen treibt er die Spezialnägel in die schmerzunempfindliche Hornschicht, die an gewissen Stellen nur wenige Millimeter dick ist. Wir sind in Wiesendangen, im Februar 2019, und wähnen uns irgendwo auf dem Dorf, fünfhundert Jahre früher.

HöriDie Kaffeerösterei in der Anflugschneise

Welch seltsame Nachbarschaft: Eine Autowerkstatt. Falsch: Welch seltsame Nachbarschaft: Eine Kaffeerösterei, müsste es heissen. Denn die Autowerkstätten, die Lagerhallen, die Maschinenbau-Firmen gehören hier hin, ins Industriequartier Höri, mitten in der Anflugschneise der Piste 14. Der Fremdling ist die Kaffeerösterei. Schon das Firmenschild, zierlich, schmiedeeisern und golden glänzend ein H und ein G in sich verschlungen, fällt aus dem Rahmen. Henauer, Georges. Georges Henauer hat 1896 in Winterthur eine Kaffeerösterei eröffnet, zügelte damit nach Zürich, war bis 1986 an der Ankengasse, dort in passender Nachbarschaft, neben dem Kolonialwarengeschäft Schwarzenbach, zog 1986 aus Platzgründen nach Höri. Mit Philipp und Stefanie Henauer ist die vierte Generation am Werk. In schwarzen Kesseln werden mit langsam drehenden Schaufelblättern Kaffeebohnen gekühlt. Modernste Geräte kontrollieren Temperatur und Feuchtigkeitsgehalt, es riecht – natürlich – nach frisch geröstetem Kaffee. Wenn man an orangefarbenen Griffen zieht, rieseln schön portioniert Bohnen in olivgrüne Behälter. Auf schwarzen Tafeln die Beschriftung: : Honduras, Washed, Arabica, Max Havelaar. Zum Beispiel. Die Leidenschaft ist allgegenwärtig, auch in den Namen der Produkte: Romeo, Julia, Amorino, Bacio d’Amore, Furioso. Und der Wahlspruch lautet: Roasted with love.

KemptthalGezähmt und doch wild geblieben

Die Autokennzeichen zeigen, woher sie kommen: Estland, Tschechien, Türkei, nochmals Türkei, Polen und Polen, UA für Ukraine. Wenn es dämmert, treffen die Fernfahrer auf der Autobahnraststätte Kemptthal ein, um hier die vorgeschriebene Ruhezeit einzuhalten. Sie schlafen zusammengerollt auf den Sitzen, einer hat den Kopf auf das Lenkrad gelegt, es ist mit einem bestickten Kissen gepolstert. Sie rauchen, lesen Zeitung, schauen Videos. Einer sitzt in Socken bei offener Türe in seiner Kabine und lächelt nur, als wir ihn ansprechen.

«Rumänien», sagt er, «Daniel» und «no English». Am Rückspiegel hängt eine Plakette von Christophorus, er gilt als Schutzherr der Fernfahrer. Neue Lastwagen kommen an, meist fünfachsige Euro-Sattelzüge. Kennzeichen: CZ, TR, TR, PL, NL, Deutschland. Dort prangt ein Schal vom FC Bayern München hinter der Windschutzscheibe. Manchmal sind es auch Frauennamen.

SihlauGezähmt und doch wild geblieben

In Zürich unten fliesst sie trotz Dauerregen braun und träge, hier oben aber rauscht sie ganz gewaltig, die Sihl. Man versteht kaum sein eigenes Wort und die Bagger auf der Staumauer arbeiten in einem Stummfilm.

Das Stauwehr in der Sihlau bei Adliswil lässt bei hohem Wasserstand den Fluss anschwellen, die Wellen schwappen am Rand des Wehrs über die Wiese und spritzen die an dürren Sträuchern leuchtend rot hängenden Hagebutten nass. Die Flut reisst Baumstämme mit und lässt Jogger staunend innehalten. Möwen gondeln auf der aufgewühlten Wasserfläche daher, fliegen kurz bevor sie über das Wehr hinunter treiben hoch, um weiter oben wieder zu landen und erneut zu gondeln.

Das quer über dem Flussbogen liegende Stauwehr wurde in den 1860er-Jahren gebaut, um die Mechanische Seidenstoffweberei Adliswil mit Strom zu versorgen. In der Hochblüte waren in dieser Au bis zu 1200 Webstühle in Betrieb und die Stoffe hatten einen formidablen Ruf. Heute ist die MSA ein Immobilienunternehmen, die gestaute Sihl ein Spielplatz für Möwen.

ArnHier überwintert das Fernweh

Jan Forster kann nicht an den Schiffen vorbeigehen, ohne das eine zu tätscheln, beim anderen das Tau schöner zu binden. Und er will unbedingt noch das geklinkerte Ruderboot zeigen. «Ein wunderschönes Boot», sagt er. Aber nicht seins.

Forster ist seit 2015 Inhaber der 1974 gegründeten Bootswerft Huber im Horgener Ortsteil Arn. Etwa 130 Schiffe werden hier im Winter geputzt, repariert, bemalt, poliert. Sie stehen in der Halle verteilt und hängen übereinander. Moderne Luxusjachten, nostalgische Motorboote, sie heissen Mona Lisa oder High Noon. Hier überwintert das Fernweh.

Es gebe nur wenige Berufe, die so vielseitig seien wie derjenige des Bootfachwarts oder Bootbauers, findet Forster. Er hat es mit Holz, Kunststoff, Alu und Stahl zu tun und muss sich eben mit der Klinker-Bauweise auskennen. Er repariert Motoren und Elektroanlagen, damit die Schiffe im Frühling wieder auf grosse Fahrt gehen können. Wenn auch nur auf dem Zürichsee.

Auf dem GaswerkarealKünstlerkolonie am Stadtrand

Alles, was da herumliege, sei für etwas vorgesehen, und er wisse auch, wofür, sagt Heinz Niederer und schaut etwas leidend drein. Er ist am Aufräumen und sollte wegwerfen, ausstauben, ordnen. Nur, wann er dazu komme, die Dinge ihrem Zweck zuzuführen, wisse er nicht. Niederer ist einer der Gründer der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer. Ihm – und einer unbürokratischen Stadt Zürich – ist es zu verdanken, dass die Bildhauer auf dem Gaswerkareal zwischen Zürich und Schlieren seit über dreissig Jahren eine Heimat haben. Die Künstlerateliers wirken wie bunte Konfetti in der sonst eher grauen und formlosen Umgebung. Da lässt das Künstlerinnen-Trio Mickry 3 die Leichtigkeit des Seins aufblitzen, uns begegnen die blauen Frauen von Liliane Hasler. Bei Martin Senn gruppieren sich Flaschen zu einer grün schillernden Orgel, Thomas Schweizers Steinköpfe wirken alterslos weise. Und vor Niederers Atelier stehen Stelen wie Zeugen einer fernen Zeit. Nur nicht aufräumen, bitte!

Die Mitte des KantonsTotal ländlich

In seiner Mitte ist der Kanton ländlich. In seiner geografischen Mitte, denn da gäbe es noch eine geodätische Mitte, bei der irgendwie die Erdkrümmung miteinberechnet wird, sodass die Kantonsmitte von Wangen oberhalb von Dübendorf nach Brütten verrutscht. Wir bleiben in Wangen, denn hier ist es so schön. Oberhalb eines Reithofs, von dem wir hin und wieder ein Wiehern hören, liegen blau schimmernde Kohlfelder, und Kälber hüpfen übermütig über eine Weide. Es riecht nach Mostäpfeln, und Krähen schwärmen auf, als wir uns einem Stoppelfeld nähern. Unter einer Eiche liegt ein Findling, auf dem ein Schild angebracht ist, darauf steht: «Die Sonne ist nicht der Mittelpunkt des Universums, die Erde nicht von unserem Sonnensystem, doch hier, und das ist wahr, stellt der Stein den Mittelpunkt des Kantons Zürich dar.» Eine Eichel fällt vom Ast – wie vom holpernden Versmass geschüttelt.

DällikonDie Könige der Baustellen

In Dällikon steht ein knappes Dutzend Könige in Reih und Glied. Knallrote Könige. Und sie sehen wahrhaft majestätisch aus. Als König wird in der Schweiz das bezeichnet, was man anderswo ganz prosaisch als Kranspitze bezeichnet. Die Firma Wolffkran lagert im Industriegebiet der Furttal Gemeinde 180 Mietkrane. Sie werden auch vor Ort repariert und neu gespritzt, wenn dies erforderlich ist. Knallrot gespritzt. Ein Gang durch das Kranlager fühlt sich an, als ob man durch einen riesenhaften Baukasten kraxelt. Einer jener Baukasten, die früher nur die Buben geschenkt bekamen. Nur eben viel grösser und viel schöner, eben knallrot. Wenn der Kranmonteur erzählt, wie er hoch über der Baustelle des Primetowers oder des Basler Roche-Turms die schweren Metallteile zusammenfügte, immer höher hinauf, dann verfliegt das Gefühl des Kinderspiels. Doch bleibt das Bild all jener Könige hängen, die Könige der Baustellen.

ForchSchnurrende Hotelgäste

Wer im Hotel Ermitage auf der Forch im Küsnachter Weiler Wangen eincheckt, muss das Impfbüchlein mitbringen und ist in der Regel gechippt. Mahlzeiten werden rund um die Uhr serviert, und die Wirtin Janete Trueb streichelt und liebkost ihre Gäste regelmässig. Diese quittieren es mit lautem Schnurren. Das Hotel Ermitage verzeichnete vergangenes Jahr 14'000 Übernachtungen, darf laut Behörde hundert Gäste aufnehmen, doch findet die Wirtin es angenehmer, wenn nicht ganz so viele bei ihr aufs Mal einkehren. Es soll ja auch scheuen Gästen wohl sein. Und andere brauchen viel Auslauf. Dafür ist der Gartenpavillon da. Eben sind vier süsse Babys angekommen. Sie sitzen zuerst eine Weile in ihrem Körbchen, dann wagt sich das dunkelste hinaus, um mit dem Plüschtier, das vor seiner Nase liegt, zu spielen. Die Geschwister folgen. Nun ist das Katzenhotel Ermitage auch eine Ferienkolonie.

SeuzachLittle Britain

Die Busstation etwas ausserhalb von Seuzach heisst Wisental, doch landet man in Little Britain. Auf der Wiese jagen Pferde und Reiter hinter einem Ball her. Die Pferde sind klein und sehnig, wunderbar anzuschauen, so im vollen Galopp. Ihre Hufe wirbeln kleine Staubwolken auf. Die Männer feuern sich auf Englisch an, dann hört man auch ein «Hombre, hombre!» auf Spanisch. Hier trainieren die besten Polospieler Europas. An einer Stange aufgereiht, stehen Ersatzpferde, denen ein Stallbursche gerade den Schweif zöpfelt. Ihre Augen schützt ein dünnes Vlies vor den lästigen Fliegen. Der Polo-Park Zürich ist nobel. Auf dem Parkplatz stehen Porsche neben Range Rover neben Maserati. Aber gleichzeitig volksnah, denn das Gelände ist offen zugänglich. Und es wirkt mit Spielfeld, Wiesen, Stallungen und Clubhaus durch und durch britisch. Fehlen nur Damen mit Hüten – und die Royals.

Lützelau Nachsommer auf der Insel

Es ist Nachsommer. Hin und wieder legen noch Boote an und bringen Lärm auf die kleine Insel im Zürichsee. Doch er verhallt schnell im Grün. Wo das Schilf einer Wiese Platz macht, stehen ein paar Zelte – manche haben sich fast zu Ferienhäuschen ausgewachsen. Hier trocknet noch ein Badetuch auf der Leine im leichten Wind, dort döst noch ein Gast auf einem klapprigen Liegestuhl. Im Sommer aber ist hier reges Leben, Kinder planschen am flachen Ufer, Windsurfer werfen sich in den Fallwind, der vom Etzel her weht und den See bei heiterem Himmel aufpeitscht. Wer hier campiert, setzt sich den Elementen aus. Das Restaurant serviert die letzten Fischchnuschperli. Denn bald kehrt Ruhe ein auf der im Sommer geschäftigen Insel. Der Campingplatz schliesst, das Inseltaxi stellt den regulären Betrieb ein, und die Insel Lützelau gleitet vom Nachsommer direkt in den Winterschlaf.

MünsterbrückeKeine Zeit des stillen Glücks

Auch Einheimische kommen fast nicht umhin, kurz innezuhalten, wenn sie über die Münsterbrücke gehen. Der Ausblick die Limmat hinauf und hinunter ist zu schön. Und muss unbedingt festgehalten werden, finden all die Touristen, die über diese Brücke von Münster zu Münster pilgern. Das Handy, nach hinten gerichtet, vor sich hertragend, um zu beweisen: Wir waren hier. Ein Vater lichtet Sohn und Frau vor Hans Waldmann hoch zu Ross ab. Ein Brautpaar lässt sich hier von einem Fotografen in Szene setzen, was seinerseits ein Sujet hergibt: ich mit Hochzeitspaar. Und mitten auf der Brücke drehen sich, selbstvergessen, ein junger Mann und eine junge Frau im Kreis, das Handy dreht sich mit, denn der selige Moment muss später gepostet werden. Wir leben in keiner Zeit des stillen Glücks. Was für ein Privileg, nur kurz innehalten zu können und nichts festhalten zu müssen, weil man hier zu Hause ist.

Noch mehr Postkarten finden Sie hier.

Erstellt: 22.12.2019, 21:17 Uhr

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Was wir auch noch erzählen möchten



Wir sind an einer Gemeindeversammlung, an der die Wogen hochgehen, oder porträtieren einen Bauern, der sich gegen die zu tiefen Milchpreise wehrt. Wir treffen einen Gemeindepräsidenten, um von ihm vorgeführt zu bekommen, weshalb seine Gemeinde unbedingt eine Umfahrungsstrasse braucht. All diese Geschichten können Sie danach auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet lesen.

Andere Geschichten jedoch bleiben auf der Strecke. Nicht zwingend, weil sie weniger interessant oder relevant sind. Doch sind sie nicht tagesaktuell, manchmal sogar uralt, und im Dorf kennt sie jedes Kind. Sie regen niemanden auf, polarisieren nicht, es gibt dazu keine politischen Vorstösse. Sie sind einfach da, vielleicht hübsch oder witzig, unterhaltend, exemplarisch, für Aussenstehende überraschend.

Grüsse an Zürich aus Zürich

Diese Geschichten möchten wir künftig in einer losen Serie erzählen. In Bild und Schrift. Wir werden Ihnen Postkarten aus dem Kanton schreiben, bunte Ansichtskarten mit kurzem Text. Dabei schlüpfen wir in die Rolle des Touristen, der mit neugierigen Augen durch die Gegend geht und darüber berichtet, was ihn erfreut, verblüfft, berührt hat. Wir sind die Touristen in der Fremde, welche darüber staunen, wie anders es anderswo ist. Oder eben wie genau gleich. Wir werden uns dabei nicht auf die gängigen Ansichtskartenmotive beschränken – nicht immer strahlt die Sonne und lächelt der See. Auf unseren Karten gibt es auch schlechtes Wetter, und Sehenswürdigkeiten offenbaren sich vielleicht erst auf den zweiten Blick. (net)

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