«Heute nimmt der Samichlaus keine Kinder mehr auf den Schoss»

Freche Kinder, ungeduldige Eltern, dürftige Verse: Stimmt das? Der höchste Zürcher Samichlaus sagt, wie sich der Brauch verändert hat. Und welche Verhaltensregeln sein Personal einhalten muss.

«Das Herz reden lassen»: Samichlaus der St. Nikolausgesellschaft in der Zürcher Bahnhofstrasse (24. November 2013). Foto: Ennio Leanza (Keystone)

«Das Herz reden lassen»: Samichlaus der St. Nikolausgesellschaft in der Zürcher Bahnhofstrasse (24. November 2013). Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Herr Hitz*, wie stark ausgelastet sind die Samichläuse der St. Nikolausgesellschaft in diesem Jahr?
Morgen Samstag, am 6. Dezember, sind wir schon lange ausgebucht. Am Sonntag gibt es noch ein paar wenige verfügbare Termine. Wer noch einen Samichlaus für den nächsten Montag buchen will, hat sogar noch richtig gute Chancen. Dieses Jahr sind 31 Teams im Einsatz, je ein Samichlaus, ein Schmutzli und ein Fahrer. Bis jetzt sind insgesamt 895 Besuche geplant.

Erlebt der Samichlausbrauch ein Revival?
Seit ungefähr acht Jahren steigt die Nachfrage kontinuierlich. Damals hatten wir einen Tiefpunkt erreicht. Aber heute pflegen viele Familien bewusst die alten Traditionen wieder. Wir haben auch immer mehr Kunden aus anderen Kulturkreisen, zum Beispiel Familien aus der Türkei oder dem Balkan, die in der zweiten Generation hier leben. Der Brauch ist ja nicht an die christliche Religion gebunden.

Wie ist die Rollenaufteilung zwischen Samichlaus und Schmutzli?
Der Schmutzli liest die Notizen über die Kinder dem Samichlaus vor. Dieser richtet sich dann direkt an das betreffende Kind und bespricht mit ihm, was der Schmutzli gesagt hat. Bei vielen anderen Chlausvereinen ist der Schmutzli ein reiner Statist, der vielleicht noch den Geschenksack ausleert. Wir haben seine Rolle deutlich aufgewertet.

Welches sind die häufigsten Vorwürfe, die Eltern an ihre Kinder richten?
Sie stören sich daran, dass die Kinder ihr Zimmer nicht aufräumen, die Schulaufgaben nicht machen, auf dem Schulweg herumtrödeln oder kein Gemüse essen wollen. Solche Dinge.

Gibt es Sachen, die der Schmutzli nicht sagt?
Ja. Schwerwiegende Vorwürfe und Moralpredigten schwächt er ab oder lässt sie weg. Wir wollen die Kinder nicht erschrecken.

Ein Chlausbesuch kostet 80 Franken. Wie wird das Geld verwendet?
Bei der St. Nikolausgesellschaft arbeiten alle ehrenamtlich. Die Fahrer bezahlen sogar das Benzin aus der eigenen Tasche. Das Geld verwenden wir für Chlausbesuche mit Geschenken bei sozial benachteiligten Familien und für andere wohltätige Aktionen.

In der Zeitung «Le Matin» beschweren sich Samichläuse, ihr Job werde immer härter. Zum Beispiel tolerierten die Eltern keine Verspätungen mehr. Können Sie das bestätigen?
Überhaupt nicht. Im vergangenen Jahr zum Beispiel hatten einige Teams massive Verspätungen wegen Eisglätte auf den Strassen. Wir hatten keine einzige Reklamation deswegen. Im Gegenteil: Die Eltern waren glücklich, dass der Samichlaus trotzdem kam.

Auch die sinkende Qualität der Verslein, die die Kinder vortragen, wird beklagt.
Das entspricht auch nicht unserer Erfahrung. Wir finden sogar, dass die Verse der Kinder immer länger und kreativer werden. Und wenn ein Kind ein Lied auf einem Instrument vorspielt, kommt es vor, dass es gar nicht mehr aufhören will.

Was hat sich verändert im Laufe der Jahre?
Die Kinder sind heute im Allgemeinen etwas offener; nicht respektlos, aber etwas weniger schüchtern. Die Botschaften vom Samichlaus und Schmutzli sind nicht mehr moralisierend, sondern ermunternd und unterstützend. Und manche Eltern scheinen den Chlaus mit dem Weihnachtsmann zu verwechseln – den Geschenken nach zu urteilen.

Wie wird man Samichlaus?
Interessierte können sich bei uns melden. Nach einem ausführlichen Gespräch und einer Einführung sind Neueinsteiger zuerst zwei Jahre lang als Schmutzli unterwegs. Haben alle Beteiligten ein gutes Gefühl, besuchen die Schmutzli eine weitere Schulung und werden Samichlaus. Bewerber brauchen vor allem die Fähigkeit, das Herz reden zu lassen, nicht den Verstand. Und natürlich Freude an Kindern. Unsere Samichläuse kommen aus allen möglichen Berufen und Bevölkerungsschichten. Vom einfachen Arbeiter über den Lehrer bis zum Anwalt. Sobald man das Kostüm angezogen hat, wird man ein anderer Mensch. Diese Verwandlung ist faszinierend.

Kommt es vor, dass Sie Bewerber ablehnen?
Ja. Einen solchen Fall gab es kürzlich. Wir hatten den Eindruck, dass der Bewerber die Liebe zu Kindern etwas gar körperlich auslegte.

Ist die Angst vor Pädophilievorwürfen ein grosses Thema?
Wir wollen unser Personal konsequent davor schützen. Deshalb nehmen unsere Samichläuse keine Kinder mehr auf den Schoss. Ausser ein Kind bittet ausdrücklich darum. Auch Berührungen und Über-die-Haare-Streicheln sind tabu. Und wenn ein Kind dem Samichlaus sein Zimmer zeigen will, muss immer ein Elternteil dabei sein.

Wie können Leute, für die Sie keinen Termin mehr gefunden haben, doch noch in den Genuss einer Samichlausbegegnung kommen?
Bis Sonntag ist unser Waldhüsli auf dem Käferberg noch geöffnet. Über das Chlaus-Telefon 0800 245 287 können Kinder zudem den Samichlaus anrufen.

* Dölf Hitz ist Präsident der St. Nikolausgesellschaft der Stadt Zürich.

Erstellt: 05.12.2014, 13:05 Uhr

Den Samichlaus im Wald besuchen

Wer den Samichlaus und den Schmutzli lieber in deren Waldhäuschen besucht, anstatt die beiden zu sich nach Hause einzuladen, kann dies in Zürich und Winterthur tun.

In Zürich empfängt der Samichlaus Besucher noch bis zum Sonntag, 7. Dezember, zwischen 10 und 16 Uhr in seinem Waldhüsli zwischen Bucheggplatz und Restaurant Neue Waid. Der Weg ist ab Bucheggplatz (Tram 11, 15 oder Bus 32, 72) und ab Restaurant Neue Waid signalisiert.
Mehr Informationen: www.chlaus-zuerich.ch

Auch in Winterthur haben Eltern und Kinder dieses Jahr erstmals die Gelegenheit, den Samichlaus im Wald zu besuchen: vom Freitag, 5. Dezember, bis Sonntag, 7. Dezember. Das Chlaus-Hüsli befindet sich im Bäumli Goldenberg) am Stadtrand und ist jeweils von 14 bis 16 Uhr geöffnet.
Mehr Informationen: www.chlaus-winterthur.ch

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