«Heute rentieren Seniorensekten mehr als Jugendsekten»

Laut Georg Schmid, Leiter der Informationsstelle Relinfo, haben klassische Sekten an Einfluss verloren. Dafür steigt die Bedeutung von Kleingruppen, die «unglaublich fanatisch und radikal» werden können.

«Jeder ist bis zu einem gewissen Grad sektenanfällig»: Georg Schmid.

«Jeder ist bis zu einem gewissen Grad sektenanfällig»: Georg Schmid. Bild: Sabina Bobst

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Weder Uriella noch Scientology sorgen derzeit für Schlagzeilen: Ist das Sektenthema nicht mehr so virulent?
Die sogenannten klassischen Sekten wie die Mormonen, Uriella oder Scientology haben tatsächlich an Bedeutung verloren, weil die Medien regelmässig über sie schreiben. Speziell Scientology hat eine schlechte Presse und darum Mühe, den früheren Erfolg aufrechtzuerhalten.

Auch wegen Sektenberatungsstellen wie Relinfo?
Ja, sicher. Und auch wegen des Internets: Über alle klassischen Sekten gibt heute Aussteigersites im Netz, auf denen man sich gut informieren kann. Deswegen haben die bekannten Sekten zahlenmässig Mühe. Über kleine Gruppen aber, die unter dem Level der Beobachtungssphäre der Sektenexperten sind, gibt es noch keine solche Aussteigersites, und sie verzeichnen eher Zulauf. Etwa die radikale Gemeinschaft um Maria Magdalena Mara in Braunwald. Sie hat eine kleine Gruppe von Anhängerinnen um sich geschart, die sie als Inkarnation Gottes sehen.

Sind Kleingruppen nicht weniger gefährlich als die grossen Sekten?
Gerade Kleingruppen können unglaublich radikal und fanatisch werden. Von ihnen gehen grosse Risiken aus. Die Chance ist klein, dass sich die Hunderttausenden von Scientologen, die es auf der ganzen Welt gibt, gemeinsam umbringen. Bei kleinen fanatischen Gruppen aber weiss man nicht, wie sie reagieren, wenn sie unter Druck kommen.

Dann wird also Ihre Arbeit eher schwieriger?
Sie wird schwieriger, weil die Szene diffuser geworden ist.

Man wundert sich immer, dass Menschen auf Sekten mit völlig absurden Lehren reinfallen. Ist nicht selber schuld, wer zu Uriella geht?
Es geht in Richtung des frühchristlichen Theologen Tertullian: Credo quia absurdum: Ich glaube, weil es unvernünftig ist. Ganz rational ist ja keine Religion. Ratlose Menschen, die mit der vernunftgemässen Beurteilung ihrer Lebenssituation nicht mehr weiterkommen, stellen das Denken ab und lassen sich von Intuition und Suggestion leiten. Damit arbeiten die Sekten. Ich kenne viele Studierende oder Akademiker, gescheite Leute mit einem Abschluss in Psychologie oder Religionswissenschaft, die eine Prüfung nicht bestanden oder die Freundin verloren haben und dann plötzlich auf einen Guru abfahren. Hilft das Denken und Hirnen nicht mehr weiter, tröstet Osho oder Bhagwan, der Guru der Gebildeten, mit dem Motto: Nimm den Kopf unter den Arm! Wie die Heiligen von Zürich geht man mit dem Kopf unter dem Arm in die Sekte und stellt das Denken ab. Dann erlebt man plötzlich so etwas wie Erleuchtung. Im Moment der Lebenskrise ist die Intelligenz kein Heilmittel.

Krisen machen sektenanfällig?
Krisen sind die Geburtsstätten persönlicher Religiosität. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad sektenanfällig ist. Er muss nur in eine Identitätskrise geraten, in eine Lebens- und Sinnkrise: Warum bin ich eigentlich noch auf dieser Welt? Das gilt auch für betagte Menschen, die oft sehr einsam sind. Es gibt Sekten, die sich auf einsame Senioren spezialisieren. Die Zeugen Jehovas zum Beispiel sprechen gehäuft alte Leute an, sie besuchen Hinterbliebene, werden auf Friedhöfen gesehen. In der Literatur der Zeugen Jehovas lässt sich nachlesen, dass man die Gemeinschaft im Testament berücksichtigen soll. Das ist eine lukrative Sache.

Kann man wirklich von Seniorensekten sprechen?
Gewiss. Auch andere Gemeinschaften nehmen Senioren ins Visier: Mitarbeiter werden mancherorts spezifisch geschult, wie sie Familientreffen organisieren oder Testamente beeinflussen sollen. Man kann sagen, dass heute Seniorensekten viel mehr rentieren als Jugendsekten. Diese haben zwar dank eigenen Events eine sehr intensive Atmosphäre. Bei den Alten aber ist man mit dem Geld besser bedient. Müsste ich eine Sekte gründen, dann eine Seniorensekte.

Es scheint, dass auch der Befreiungsdienst oder Exorzismus Konjunktur hat. In Uster macht damit Heilsarmee-Offizier Beat Schulthess von sich reden.
Schulthess ist immerhin noch eingebunden in die Heilsarmee, die ihn machen lässt, weil er Zulauf hat. Heute haben vor allem auch unabhängige Befreiungsdiener der evangelikal-charismatischen Szene Kundschaft. Wir kennen etliche Leute, die meinen, sie seien von Spuk belastet. Solche wenden sich an die unabhängigen Befreiungsdiener oder an esoterisch orientierte Parapsychologen.

Und islamistische Gruppen? Ist das ein neues Betätigungsfeld?
Das ist ein neuer Fokus. Es gibt ein starkes Wachstum, allerdings noch auf tiefem Niveau. Der Bund hat solche Gruppen im Visier. Wir haben Anfragen vor allem von Eltern, deren Kinder in Moscheen fanatisiert werden, etwa durch den Islamischen Zentralrat. Oft sind es Anfragen von moderaten oder säkularen Muslimen, die ihre Kinder bewusst nicht weltanschaulich erzogen haben, nach dem Motto, sie sollen sich dann mal selber entscheiden. Entscheiden sie sich dann für den salafistischen Islam, haben wir die Eltern am Telefon.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2013, 08:00 Uhr

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Am 8. und 9. November feiert Relinfo ihr 50-Jahr-Jubiläum mit einer grossen Tagung und Referenten wie Eugen Drewermann und dem TA-Autor Hugo Stamm in der refor­mierten Kirche Rüti. (mm.) www.relinfo.ch

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