Hier erhalten IV-Rentner Hilfe bei der Arbeitsuche

Die Invalidenversicherung hat ein neues Projekt lanciert. Das Ziel ist, IV-Bezüger wieder ins Erwerbsleben zu integrieren.

Angestellte der Firma Ingeus in Zürich-Oerlikon helfen IV-Bezügern mit Rat und Tat.

Angestellte der Firma Ingeus in Zürich-Oerlikon helfen IV-Bezügern mit Rat und Tat. Bild: Reto Oeschger

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Alice Widmer* hat es geschafft: Seit Februar hat sie wieder eine Arbeit. Das ist für die gelernte Coiffeuse keine Selbstverständlichkeit: Widmer bezieht seit 2008 eine halbe IV-Rente. Begonnen hat ihre Leidensgeschichte Jahre vorher, mit höllischen Schmerzen in Bauch und Unterleib, deren Ursprung nie klar wurde. Mehrmals wurde sie operiert, aber ohne viel Erfolg. Schliesslich wurde sie krankgeschrieben.

Die IV-Rente war für sie wie ein Aufprall ganz unten. «Ich fühlte mich nutzlos. Ich hatte ja mein ganzes bisheriges Leben gearbeitet», sagt sie. «Auch psychisch ging es mir immer schlechter. Ich ging kaum mehr aus dem Haus, weil meine Schmerzen völlig unberechenbar waren.» Und da war ständig die Angst, die IV könnte ihr die Rente doch wieder wegnehmen.

Beratungen für Menschen, die neu erkrankt sind

Erst im letzten Sommer ging es langsam etwas aufwärts, und Alice Widmer begann, wieder an Arbeit zu denken. Doch sie merkte schnell, dass die Jobsuche nicht so einfach würde: «Ich wusste nicht so recht, wo anfangen.» Und da war auch immer die Angst vor erneuten Schmerzattacken. Sie wandte sich an die IV und bat um Hilfe – und scheiterte erst einmal an der Bürokratie.

Nicht dass die IV Widmer als hoffnungslosen Fall angesehen hätte. «Wir hatten bisher einfach nicht die gleichen Möglichkeiten, diesen Menschen systematisch zu helfen», sagt Cornelia Bachmann von der Sozialversicherungsanstalt Zürich (SVA). Zwar bietet die SVA seit Jahren Berufsberatungen an, aber diese richten sich vor allem an Menschen, die neu erkrankt sind und denen andernfalls eine IV-Rente droht.

Aber Alice Widmer hatte Glück. Im November 2009 startete die SVA ein Pilotprojekt im Hinblick auf die sechste IV-Revision, dessen Ziel es ist, Rentner wieder in die Arbeitswelt einzugliedern. Alice Widmer war eine der ersten, die dort anfing. Und eine der ersten, die Erfolg hatte.

Oft helfen banale Tipps

Die SVA arbeitet für dieses nationale Pilotprojekt mit Ingeus zusammen, einer privaten Firma, die ursprünglich aus Australien kommt und die sich darauf spezialisiert hat, in verschiedenen Ländern Arbeitslose und Menschen mit gesundheitlichen Problemen wieder in die Wirtschaft einzugliedern. Ingeus geschäftet in Zürich auf eigenes Risiko, bezahlt wird die Firma von der IV für jene Bezüger, die für mindestens ein Jahr erfolgreich vermittelt worden sind.

Wer die Räumlichkeiten der Firma in Zürich-Oerlikon zum ersten Mal betritt, wähnt sich eher in einem Grossraumbüro als in einer Beratungsstelle. Es herrscht eine konzentriert-geschäftige Atmosphäre, Tastaturen klappern, leise Diskussionen werden geführt. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass vor den meisten Bildschirmen zwei Personen sitzen: Hier helfen Beratern den IV-Bezügern bei der Suche nach Stellenangeboten und beim Zusammenstellen der Bewerbungsdossiers. Manchmal sitzen die Berater auch einfach daneben, wenn Klienten Telefongespräche führen, hören zu, geben anschliessend ein Feedback. An weiteren Computern können die Klienten selbständig arbeiten.

Jeden Morgen ein Anruf

Bis die ersten Bewerbungen verschickt werden können, müssen die Ingeus-Berater zuweilen viel Zeit investieren. Viele IV-Rentner haben ein völlig erschüttertes Selbstvertrauen, sagt Cornelia Bachmann, Psychologin und Ingeus-Projektleiterin der SVA: «Mit der Rente ist ihnen signalisiert worden: Du kriegst es nicht auf die Reihe. Und jetzt fürchten sie sich davor, erneut zu scheitern.» Nicht selten gehen mit dem Selbstvertrauen auch die einfachsten Tagesstrukturen verloren.

«Als erstes machen wir mit unseren Klienten deshalb immer eine Art Gesundheitsplan», erzählt Geschäftsleiter Daniel Sieber. Oft geht es darin um ganz banale Tipps wie regelmässiges Essen, genügend Schlaf und angemessene Kleidung. Es kann aber auch vorkommen, dass ein Berater seine Klientin eine Zeit lang jeden Morgen anruft, um sie zum Aufstehen zu bewegen.

So viel Unterstützung brauchte Alice Widmer nicht. «Aber ich war froh um die Hilfe beim Bewerbungsdossier», erzählt sie. «Der Berater hat alles mit mir zusammen kopiert und sortiert. Und sogar die Mäppli und das Porto hat Ingeus bezahlt  mit meiner Rente hätte ich sonst nicht einfach 35 Bewerbungen auf ein Mal versenden können.» Und es war der Berater, der sie schliesslich davon überzeugte, den entscheidenden Telefonanruf zu machen, dem sie ihre Anstellung zu verdanken hat.

«Endlich wieder frei sein»

Das Pilotprojekt läuft längstens bis 2013. Derzeit nehmen rund 200 IV-Rentnerinnen und -Rentner teil, vom Hilfsarbeiter bis zum Akademiker, vom psychisch Kranken bis zum Gehbehinderten. Die meisten sind voll des Lobes. «Hier fühle ich mich zu Hause», sagt ein Teilnehmer, ein anderer: «Ich bekomme endlich das Gefühl, dass etwas geht.»

Insgesamt hat Ingeus für rund 1000 Leute Kapazität. Noch bis nächsten April können sich IV-Bezüger anmelden. «Voraussetzung ist einzig, dass sie motiviert sind», sagt SVA-Projektleiterin Bachmann. Die Teilnahme ist freiwillig. Wer eine Stelle findet, wird noch ein Jahr lang weiter von Ingeus betreut. Und wer es nicht schafft? Oder weniger verdient als mit Rente? «Der verliert nichts», betont Bachmann. «Es wird niemand finanziell bestraft, der den Mut fasst, sich zu bewerben.»

Auch Alice Widmer bezieht noch immer ihre 50-Prozent-Rente, denn mehr als halbtags kann sie nicht arbeiten. Ihr grosser Traum ist es aber, eines Tages wieder voll berufstätig zu sein: «Dann wäre ich endlich wieder frei.»

* Name geändert

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.04.2010, 22:58 Uhr

«Nicht utopisch, aber extrem hart»

Wenn es nach dem Bundesrat geht, kommt auf die Invalidenversicherung ab 2018 eine Aufgabe zu, die Marc Gysin, Leiter IV-Stelle, so beschreibt: «Das Ziel ist nicht utopisch, bedeutet aber extrem harte Arbeit und ist nur erreichbar, wenn die Wirtschaft mitmacht.» Innert sechs Jahren sollen mithilfe der SVA 2000 der rund 34'000 IV-Rentnerinnen und -Rentner im Kanton Zürich wieder ins Erwerbsleben einsteigen. Landesweit will der Bundesrat mehr als 12 000 Renten beenden. Davon erhofft er sich eine Einsparung von 231 Millionen Franken jährlich. Damit führt der Bund weiter, was er mit der fünften IV-Revision begonnen hat. Seither gilt die Devise Arbeit vor Rente: Bevor jemand eine neue Rente zugesprochen erhält, versucht die IV alles, um die Person im Arbeitsleben zu halten. Die sechste IV-Revision ist umstritten. Vor allem die Verbände, welche Behinderte und psychisch Kranke vertreten, fürchten um Renten, die ihrer Meinung nach berechtigt sind. Es sei unrealistisch, ohne Rücksicht auf die Wirtschaftslage und auf Biegen und Brechen IV-Bezüger integrieren zu wollen.

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