Hier spart nur, wer arm ist

Der Caritas-Markt verkauft Lebensmittel bis zu 80 Prozent günstiger als Migros und Co. Immer mehr Leute wollen von diesem Angebot profitieren. Die Kunden müssen aber klare Kriterien erfüllen.

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Zwei Liter Multivitaminsaft für 80 Rappen statt 5.60 Franken, ein Paket Langkornreis für 95 Rappen statt 3.50 Franken oder eine Halbliterflasche Pflanzenöl für 2.75 statt 5.95 Franken. Wir befinden uns nicht in einem deutschen Discounter, der versucht, mit einer aggressiven Preispolitik den Schweizer Markt zu erobern, sondern im Caritas-Markt in Oerlikon.

Eine Frau steht an der Kasse und bezahlt gerade zwei Schokoladentafeln: «Heute leiste ich mir mal einen Luxus», sagt die Sozialhilfeempfängerin. Sie ist eine von insgesamt rund 15'000 Personen im Kanton Zürich, die in Caritas-Märkten einkaufsberechtigt sind. Das Angebot richtet sich ausschliesslich an Menschen, die am Existenzminimum leben. In den Filialen finden sie das, was sie zum Überleben brauchen: Hauptsächlich Grundnahrungsmittel und einzelne Gebrauchsartikel wie Toilettenpapier oder Hygieneprodukte. «Bei uns kostet alles 30 bis 80 Prozent weniger als im normalen Laden», sagt Rolf Maurer, Geschäftsleiter der Genossenschaft Caritas-Markt (siehe Bildstrecke).

Die Gründe des Umsatzwachstums

Im Rahmen der Aktion «Armut halbieren» möchte die Hilfsorganisation die Zahl der Caritas-Märkte bis 2020 auf 30 erhöhen. Zurzeit sind es 24 Filialen, wovon drei im Kanton Zürich stehen: eine in Winterthur, eine in Oerlikon und seit vergangenem Sommer eine im Kreis 4. Wie gut die Tiefpreisprodukte ankommen, belegen die aktuellen Umsatzzahlen in der Stadt Zürich. Dieses Jahr wurde erstmals die Millionengrenze überschritten, was auch damit zu tun hat, dass an der Reitergasse ein neuer Markt eröffnet wurde. Doch das jährliche Umsatzwachstum war auch in den Jahren zuvor eindrücklich (siehe Box rechts).

Der Boom der Caritas-Läden lässt mehrere Rückschlüsse zu. Gemäss Marco Callegari, Leiter der Caritas-Märkte Zürich, gibt es immer mehr Menschen, die unter oder knapp über der Armutsgrenze leben. Zudem sei der gestiegene Umsatz die Folge der gesteigerten Bekanntheit und des ausgebauten Ladennetzes. «Ein Bewohner von Zürich-Friesenberg zögerte, extra nach Oerlikon zu reisen, um sich ein Shampoo zu kaufen. Heute geht er dafür in die näher gelegene Filiale im Kreis 4», sagt Callegari.

«Es hat nichts Anrüchiges mehr»

Maurer nennt noch einen weiteren Grund für die gesteigerte Nachfrage: «Die Leute schämen sich nicht mehr, bei uns einzukaufen.» Als die Caritas 1992 in Basel den ersten Markt eröffnete, sei dies noch anders gewesen. Inzwischen habe es sich herumgesprochen, dass die Caritas-Märkte sauber sind und den Kunden ein breites Angebot offerieren. «Es hat nichts Anrüchiges mehr», sagt Maurer.

Bei den Produkten handelt es sich um überschüssige Ware bekannter Grossverteiler wie beispielsweise Coop, Migros, Denner, Spar oder Manor. Maurer nennt dies eine «Win-win-Situation»: «Wir kommen günstig zu hochwertigen Produkten und die Lieferanten müssen die Ware nicht in den Abfall werfen.»

Die gesteigerte Beliebtheit der Caritas-Märkte widerspiegelt sich nicht nur im Umsatz, sondern auch in der Kundenzahl. Im letzten Jahr wurden im Kanton Zürich erstmals über 15'000 Einkaufsberechtigte gezählt. Gegenüber 2013 ist das ein Anstieg von mehr als 2000 Personen. Die günstigen Produkte ziehen auch Leute an, welche die vorgegebenen Armutskriterien nicht erfüllen. «Bei einigen Personen muss schon telefonisch mitgeteilt werden, dass sie keine Berechtigung erhalten», sagt Björn Callensten, Projektleiter bei der Caritas Zürich. Von den effektiv eingereichten Gesuchen mussten im letzten Jahr 185 abgelehnt werden. «Das ist ein marginaler Teil», sagt Callensten.

Nicht nur Sozialhilfebezüger dürfen einkaufen

Wer im Markt einkaufen will, muss seine Armutssituation nachweisen. Die Bedingungen sind dieselben, wie sie in den Skos-Richtlinien als «prekäre Situation» umschrieben werden. Sozialhilfebezüger, die ihre Situation entsprechend nachweisen können, erhalten direkt eine Karte. Doch auch Studenten, die am Existenzminimum leben, Alleinerziehende oder Menschen, die sich mit Teilzeitjobs über Wasser halten müssen, sind potenziell bezugsberechtigt. Jeder Fall wird einzeln durch die Caritas geprüft. Nach Erhalt der Karte werden Caritas-Kunden alljährlich überprüft, ob sie noch bezugsberechtigt sind.

Die Hilfsorganisation verkauft armen Menschen nicht nur Produkte zu Tiefstpreisen, sondern will auch einen Beitrag zur Gesundheit leisten. Menschen, die am Existenzminimum leben, haben gemäss Maurer die Tendenz, sich ungesund zu ernähren. Deshalb werden Gemüse und Früchte in den Caritas-Märkten zu speziell tiefen Preisen angeboten. Offenbar mit Erfolg: «Heute verkaufen wir in den Caritas-Märkten dreimal so viel Obst und Gemüse wie zuvor», bilanziert Rolf Maurer.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.03.2015, 12:37 Uhr

Umsätze der Caritas-Märkte in Zürich (in Schweizer Franken)


  • 2006: 92'954.-

  • 2007: 268'687.-

  • 2008: 416'711.-

  • 2009: 456'626.-

  • 2010: 509'695.-

  • 2011: 641'000.-

  • 2012: 730'704.-

  • 2013: 825'404.-

  • 2014: 1'113'874.-


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