Hier werden Autos zu Geld

In Büsingen am Hochrhein steht das einzige Auto-Pfandhaus weit und breit. Besitzer sind zwei Schweizer. Dass sie in der deutschen Enklave geschäften, ist kein Zufall.

Lotus, Jaguar, Porsche, Bentley, Audi: Blick in eine Garage des Auto-Pfandhauses. Foto: Sabina Bobst

Lotus, Jaguar, Porsche, Bentley, Audi: Blick in eine Garage des Auto-Pfandhauses. Foto: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr F.* ist dieser Tage knapp bei Kasse. Er besitzt in Frankreich eine Firma, die Spezialeffekte für Filmproduktionen und Shows anbietet. Mitte November werden die Steuern fällig. «Der französische Staat duldet keinen Aufschub», sagt Herr F. Nur hat er das Geld im Moment nicht, weil einige seiner Kunden bei ihm Rechnungen offen haben. «Die zahlen in zwei, vielleicht vier Wochen.»

Deshalb sitzt Herr F. jetzt im Büro von Cedric Domeniconi und Alexander Lötscher in Büsingen am Hochrhein, jenem kleinen, ganz von der Schweiz umgebenen Fleck Deutschland. Draussen steht sein A-Klasse-Mercedes, und den will er hier im Auto-Pfandhaus zu Geld machen. «Ich habe alles durchgerechnet», sagt Herr F. «Das ist die billigste Möglichkeit, meinen Engpass zu überbrücken. Ein normaler Kredit liefe mindestens zwölf Monate, mein Auto kann ich in zwei bis vier Wochen wieder auslösen.»

Weihnachtsshopping per Pfand

So wie Herrn F. geht es einer wachsenden Zahl von Menschen. Seit seiner Gründung 2007 verzeichnet das Auto-Pfandhaus in Büsingen, das einzige weit und breit, Jahr für Jahr mehr Kunden. Derzeit sind in mehreren Garagen in und um Büsingen rund fünfzig Fahrzeuge eingelagert – nicht nur Autos, auch Motorräder und Wohnwagen, selbst Boote nimmt das Pfandhaus. Einzig landwirtschaftliche Fahrzeuge und Baumaschinen lassen sich nicht versetzen. «Es gäbe dafür zwar eine Nachfrage, aber uns fehlt das Fachwissen», sagt Domeniconi. Für ihre verpfändeten Autos erhalten die Kunden einen Kredit von 50 bis 60 Prozent des Wagenwerts.

Ein Augenschein zeigt: In den Garagen stehen viele Mittelstandsautos, aber auch Billigwagen – und immer öfter Luxusgefährte wie ein Jaguar, ein Bentley und eine Harley-Davidson. Welche Dramen mögen dahinterstecken? Domeniconi lächelt: «Die Geschichten sind meist weniger dramatisch, als man glaubt.» Allerdings, das ist ihm wichtig festzuhalten, seien die Kunden zu keiner Erklärung verpflichtet, warum sie Geld brauchen. «Wir prüfen weder Kreditwürdigkeit noch Vorleben», sagt Domeniconi. «Das Einzige, was wir prüfen, ist das Auto, denn das ist unsere Sicherheit: Gehört es wirklich dem Kunden, und welchen Wert hat es?»

Viele erzählen ihre Geschichte dennoch, oft erst nach dem Abschluss des Geschäfts, dann, wenn Domeniconi oder Lötscher sie zum Bahnhof Schaffhausen bringen. Es sind oft kleine und mittlere Unternehmer, die Fahrzeuge verpfänden. Weil andere bei ihnen ­Rechnungen offen haben, weil sie ausbauen, Steuern anstehen oder der 13. Monatslohn. Ein zweiter Kundentyp sind eher weniger begüterte Menschen vor allem vom Balkan, die nur eine kleine Summe aufnehmen, etwa um Verwandte oder Freunde zu unterstützen. Gemeinsam ist beiden Kundentypen, dass sie bei Banken eher keinen Kredit bekommen.

Der dritte Kundentyp ist ein ganz anderer: Er stammt aus dem Finanzsektor, ist kaufkräftig und braucht kurzfristig eine grosse Summe. «Es kommt immer wieder vor, dass Leute etwa fürs Weihnachtsshopping ihr Cabriolet oder ihr Motorrad versetzen, das sie im Winter eh nicht fahren», erzählt Domeniconi. Diese Kunden wissen genau, dass sie in den ersten Monaten des nächsten Jahres ihren Bonus erhalten – indem sie das Auto verpfänden, beziehen sie das Geld gewissermassen vor. Und das, ohne dass in ihrer Personalakte ein Hinweis auftaucht, dass sie einen Konsumkredit aufgenommen hätten. Denn das lässt sich im Finanzsektor schlecht verbergen.

Teure Gebühren

Billig ist der Spass nicht. Das ist auch der Grund, weshalb viele Schuldenberater Pfandkrediten eher skeptisch gegen­über­stehen. Auf das aufgenommene Geld ist ein Zins von einem Prozent pro Monat zu zahlen – die günstigsten Konsumkredite kosten die Hälfte. Dazu kommen im Auto-Pfandhaus monatliche Gebühren von 3,5 Prozent sowie fünf Franken pro Tag für den Parkplatz. Ob diese Kosten in der Schweiz zulässig wären, ist rechtlich ungeklärt, gibt Domeniconi offen zu: «Das ist der Grund, warum wir als Schweizer in Büsingen geschäften. Hier sind unsere Gebühren legal, wir bewegen uns damit im Mittelfeld.» Er räumt aber ein: Auf Dauer lohnt sich ein Pfandkredit nicht. Er ist auf drei Monate ausgelegt – spätestens ab sechs Monaten sei es sinnvoller, das Auto zu verkaufen.

Den Kosten stünden aber auch Vorteile gegenüber, sagt der Pfandleiher. So ist ein Pfandkredit, anders als ein Bank­kredit, jederzeit kündbar. Und er muss nicht zwingend zurückbezahlt werden – andernfalls bleibt einfach das Auto beim Pfandleiher. Das komme in etwa einem von zehn Fällen vor, sagt Domeniconi. Dann wird der Wagen amtlich versteigert. Ist der Erlös höher als der Kredit plus aufgelaufene Kosten, erhält der Kunde die Differenz. Ist der Erlös geringer, trägt der Pfandleiher die Kosten.

Den Vorwurf, sich mittels Gebühren an seinen Kunden zu bereichern, lässt der Geschäftsführer nicht gelten: «Den Gebühren stehen reale Kosten gegenüber, es ist ein aufwendiges Geschäft: Wir müssen das Fahrzeug schätzen, in die Garage bringen, es durch die Waschstrasse fahren, wenn der Kunde es wieder abholt. Dazu kommen die Administration und unsere Zinskosten.» Denn: Das Geld, das Lötscher und Domeniconi ihren Kunden meist in bar auszahlen, stammt grösstenteils aus Krediten, die wiederum Bekannte und Verwandte den beiden Männern gewährt haben. Vom Pfandhaus leben könnten sie erst seit gut einem Jahr, sagt Domeniconi, zuvor hätten sie beide noch in ihren angestammten Berufen gearbeitet, er als Unternehmensberater, Lötscher als Autohändler: «Und wir zahlen uns auch heute keinen Akademikerlohn.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.11.2015, 19:27 Uhr

Uralte Praxis

Pfandleihe

Wertgegenstände zu versetzen, um an Geld zu kommen, hat eine jahrhundertelange Tradition. Im Mittelalter waren es vor allem die Juden, die als Pfandleiher arbeiteten, Christen war es damals verboten, Geld zu verleihen. Ab dem 13. Jahrhundert richteten verschiedene Städte eigene Pfandleihhäuser ein. Eine Blütezeit – und gleichzeitig ein ganz dunkles Kapitel – erlebten die Pfandleihen im 19. Jahrhundert, als die Gesetze gegen Wucher abgeschafft wurden. Zahlreiche private Pfandleiher begannen, mit überris­senen Zinsen zu arbeiten. Die Folge war eine erneute Regulierung. 1872 wurde deshalb in Zürich die Pfandleihkasse der ZKB gegründet, in Genf die Caisse Publique de Prêts sur Gages. Sie existieren heute noch. Die dritte alteingesessene Pfandleihanstalt ist jene in Lugano. Diese drei Kassen nehmen vor allem Schmuck und Uhren an. Gemeinsam ist ihnen der gesetzlich vorgegebene Monatszins von einem Prozent. Seit einem Jahr gibt es in Bern ein viertes Pfandleihhaus, das auch Autos annimmt. (leu)

Artikel zum Thema

Wenn der BMW M3 illegal entsorgt wird

Die Stadtzürcher Polizei stellt jährlich 50 bis 60 herrenlose Autos sicher – darunter eindrückliche Modelle. Doch sie müssen teuer verschrottet werden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Die Welt in Bildern

Sie kann gar nicht gross genug sein: Beobachtet von Schaulustigen, reitet ein Surfer vor der Küste von Nazaré, Portugal, auf einer Monsterwelle. (18. Januar 2018)
(Bild: Armando Franca/AP) Mehr...