Hiobsbotschaft für die Igel

Zwei der letzten Igelstationen im Kanton Zürich müssen schliessen: Ein neues Merkblatt des Bundes macht ihre Arbeit unmöglich.

Der Schutz der Igel wird durch neue Vorschriften erschwert. Foto: Carlo Reguzzi (Keystone)

Der Schutz der Igel wird durch neue Vorschriften erschwert. Foto: Carlo Reguzzi (Keystone)

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Seit 50 Jahren betreibt Erika Heller in Winterthur eine Igelstation. Sieben Tage die Woche während zwei bis sechs Stunden am Tag. In diesem halben Jahrhundert hat sie sich nur vier Monate freigenommen. Die restliche Zeit war sie für ihre Igel da. 13 000 Tiere hat die 78-Jährige gehegt und gepflegt, ehrenamtlich. Genauso wie ihre Kollegin Brigitte Rovera Berger, die dasselbe seit 20 Jahren in Russikon im Zürcher Oberland tut. Jetzt sehen beide ihre Station durch verschärft formulierte Vorschriften des Bundes bedroht. «Ich müsste für jede Euthanasie und jede Sedierung einen Tierarzt rufen, das ist unmöglich, da muss ich meine Igelstation nach 20 Jahren schliessen», sagt Brigitte Rovera Berger. Auch ihre Winterthurer Kollegin kann mit den neuen Vorgaben nicht mehr weitermachen.

Grund für die Aufregung ist das überarbeitete Merkblatt vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) und vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Es legt die «Anforderungen an die temporäre Haltung und Notpflege von Igeln» fest. Und soll eine einheitliche Bestimmung für die Notpflege des Europäischen Braunbrustigels (Erinaceus europaeus) in der Schweiz fördern. Heute gelten je nach Kanton unterschiedliche Regelungen. Die überarbeiteten Richtlinien erlauben es Privatpersonen zwar weiterhin, Igelstationen zu betreiben, aber eben nur noch mit Bewilligung, andernfalls drohen bis zu 20 000 Franken Busse.

Unter anderem wird verlangt, dass Igelstationen nur «von fachkundigen» Personen geführt werden dürfen, die «Kenntnisse und praktische Erfahrung» dafür vorweisen können. Gefordert wird zudem, dass ein Journal geführt wird, in dem für jeden Igel ein «individueller Pflegebericht» erstellt wird. Anzugeben sind Finder, Fundort, Funddatum und Uhrzeit, aber auch verabreichte Medikamente genauso wie diagnostizierte Befunde von Krankheiten inklusive deren Verlauf. Ferner die Gewichtsentwicklung des Tiers, Art und Menge des Futters sowie die Ergebnisse von eventuellen Laboruntersuchungen.

Hoffen auf gangbare Lösung

Der strittigste Punkt des Merkblatts ist aber Punkt 6: medizinische Versorgung. Darin heisst es: «Sedationen und Euthanasie sind nur von einer Tierärztin oder einem Tierarzt durchzuführen.» «Das ist ein Seich», ärgert sich Igelpflegerin Heller aus Winterthur. «Ich kann doch nicht schwerstverletzte Tiere während Stunden leiden lassen, bis ich einen Tierarzt finde, der sich darum kümmern kann.» Viele Tierärzte würden in solchen Fällen sagen: Gehen Sie in eine Igelstation. Als Tierärzte dürfen sie nämlich gar keine Wildtiere behandeln.

Tatsächlich, bestätigt auch Annekäthi Frei vom Igelzentrum Zürich, wäre rein rechtlich gesehen «ein relativ grosser Teil der Arbeit in einer von veterinärmedizinischen Laien betriebenen Igelstation wohl gar nicht möglich». Die Tierärztin, seit 17 Jahren im Igelzentrum tätig, hat selber an der Neuauflage des Bundesmerkblatt mitgearbeitet. Das Igelzentrumteam bietet Umweltbildung, Beratung und offeriert tierärztliche Hilfe für kranke oder verletzte Igel. Grundsätzlich sind für die Expertin klare, schweizweite Richtlinien im Umgang mit einem per se geschützten Wildtier sicher notwendig. «Und die Bestimmung, dass Sedation und Euthanasie eines Tieres prinzipiell in die Hände eines Tierarztes gehören, macht Sinn.» Allerdings hätte sich Frei eine Lösung gewünscht, die bewährten Igelstationen die Arbeit erleichtert hätte. «Ich habe gekämpft, um Gesetz und Praxis in Einklang zu bringen. Ich hoffe nun, dass sich gangbare Lösungen zwischen den Igelstationsbetreibern und ihren Kontrolltierärzten finden lassen», sagt Frei.

Auch Bernhard Bader vom Artenschutzverein Pro Igel hätte sich eine weniger weit gehende Lösung gewünscht. Auf den heutigen Igelstationen, sagt er, gebe es ein wertvolles Fachwissen. Sie sollten deshalb «so lange wie möglich bestehen bleiben, weil sie verhindern, dass hilfsbedürftige Igel von gut meinenden Tierschützern ohne Fachwissen zu Tode gepflegt werden». Bader hat deshalb «immer davor gewarnt», dass es nicht zur sofortigen Schliessung der Igelstationen kommen dürfe, von denen es schweizweit nur rund ein Dutzend gibt.

Das Merkblatt des Bundes ist als Empfehlung für die kantonalen Behörden nicht bindend. Dennoch will der Kanton Zürich vorwärtsmachen. Auch die bestehenden Igelstationen sollen nur weitermachen dürfen, wenn ihre Betreiber einen neuen, obligatorischen Kurs absolviert haben.

«Wir sind auch für einen obligatorischen Kurs als Bedingung für eine neue Igelstation», sagt Pro-Igel-Vertreter Bader, «aber wir wenden uns gegen Kursobligatorien für bestehende Stationen. Denn wer bestimmt, wer Experte ist und den andern etwas beibringen kann? Ein Amt mit wenig Fachwissen?»

Unnötiger Regelwahn? Beim Bund pariert Mediensprecherin Eva van Beek vom BLV die Frage, indem sie aus dem Merkblatt zitiert: «Die temporäre Haltung und Pflege von Igeln (. . .) muss gewisse Anforderungen erfüllen.» Sie betont aber, dass laut Bundesmerkblatt auch andere Lösungen möglich wären, «sofern sie rechtskonform sind».

«Geräuschlos einstampfen»

Für Bader böte sich Spielraum für die Zürcher Behörden. Baders Empfehlung: «Das Obligatorium für bestehende Stationen sollte möglichst geräuschlos eingestampft werden.» Diese hätten über Jahrzehnte einen bewundernswerten Einsatz zum Igelschutz geleistet. Sie sollten weitermachen dürfen.

Die zuständige Baudirektion will «zu den Vorwürfen keine Stellung» nehmen. Mediensprecherin Isabelle Rüegg hält lediglich fest, für den Inhalt des Merkblatts sei der Bund verantwortlich. Wann Erika Heller und Brigitte Rovera Berger aufhören müssen, ist noch unklar. «Wir werden zusammensitzen und uns auf einen Termin einigen», sagt Rovera Berger. Wer ihre Arbeit danach machen soll, ist offen. Tierärzte werden die Zusatzarbeit kaum übernehmen können. Der Veterinärmediziner Rico Hauser aus Fällanden etwa sagt: «Ich kann doch nicht alle Igel in der Umgebung behandeln, ich bin doch keine Igelstation.» Es gebe einfach zu viele Vorschriften, findet Hauser.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.05.2017, 23:40 Uhr

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