Hirslanden hat stark an Wert verloren

Die Privatklinikgruppe erwartet weniger Gewinne und schreibt ihren Wert um 800 Millionen Franken ab. Die Stammklinik in Zürich steht besonders unter Druck.

In der Privatklinik Hirslanden am Zürichberg wird das Geldverdienen schwieriger. Foto: Raisa Durandi

In der Privatklinik Hirslanden am Zürichberg wird das Geldverdienen schwieriger. Foto: Raisa Durandi

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Die Klinik Hirslanden ist erfolgsverwöhnt. Die traditionsreiche Zürcher Privatklinik, Stammhaus der gleichnamigen Unternehmensgruppe, ist in den letzten Jahren stetig gewachsen und hat ihren Gewinn gesteigert. Seit 2012 ist sie auf der Zürcher Spitalliste, behandelt also auch grundversicherte Patientinnen und Patienten. Die Klinik steuert ein Viertel an den Gesamtumsatz der Gruppe bei. Dieser belief sich im letzten Geschäftsjahr auf 1,74 Milliarden Franken, der Betriebsgewinn betrug 208 Millionen Franken. Die Gewinnmarge ist zwar leicht gesunken, von 20 auf 18,3 Prozent, doch im Vergleich noch immer hoch. Andere Spitäler wären glücklich, sie würden 10 Prozent erreichen.

Allerdings sind auch die Erwartungen bei Hirslanden höher als bei öffentlichen Spitälern. Die Schweizer Privatklinikgruppe gehört seit 2007 zum südafrikanischen Mediclinic-Konzern, dessen Aktie an der Londoner Börse gehandelt wird. Ende Mai ist diese eingebrochen – nachdem Mediclinic den Geschäfts­bericht veröffentlicht hatte. Schuld daran sind die Schweizer, die mit der Hälfte von Umsatz und Gewinn das Kernstück des Konzerns sind: Mediclinic hat den Wert von Hirslanden um 840 Millionen Franken abgeschrieben.

Die Schweizer Klinikgruppe büsst damit rund ein Sechstel ihres Werts ein. Ein kleiner Teil davon, 110 Millionen, resultiert aus einer Neubewertung der Immobilien. Der Hauptgrund für den Wertverlust liegt im gesundheitspolitischen Umfeld der Schweiz. Die Hirslanden-Chefs erwarten, dass sie nicht mehr so hohe Gewinne erzielen können. Die Entwicklung hat sich bereits 2017 abgezeichnet und betrifft nicht nur Hirslanden. Viele Spitäler im Kanton Zürich verzeichneten erstmals seit Jahren stagnierende oder rückläufige Patientenzahlen im stationären Bereich, das heisst dort, wo sie mit der Behandlung von Zusatzversicherten überhaupt noch Gewinn machen können.

Politik vermiest das Geschäft

Immer mehr Operationen erfolgen ambulant, auch weil der Kanton Zürich dies den Spitälern neuerdings vorschreibt. Seit Januar dürfen sie mehr als ein Dutzend Eingriffe in der Regel nur noch ambulant durchführen, der Kanton zahlt nichts mehr an die stationäre Behandlung. Die Regeln «ambulant vor stationär» werden bald landesweit eingeführt. Zudem hat der Bundesrat die ambulanten Tarife gesenkt. Diese Neuerungen stehen hinter der Wertbereinigung von Hirslanden. «Die laufenden Veränderungen im regulatorischen Umfeld haben eine Korrektur der erwarteten Marktentwicklung erforderlich gemacht», schreibt das Unternehmen. Gleichzeitig betont es, dass die Wertberichtigung nur buchhalterischer Natur sei und keinen Einfluss auf die effektiven Geldflüsse und das bereinigte Finanzergebnis von Hirslanden beziehungsweise Mediclinic habe. Auch erhalten die Geschäftsleitungsmitglieder des­wegen nicht kleinere Boni, wie es auf Anfrage bei Hirslanden heisst.

Tatsache ist aber, dass die Chefs der Privatklinikgruppe unter Druck stehen. Sie müssen handeln, damit ihre Firma rentabel bleibt und die Aktionäre zufrieden sind. Speziell im Fokus steht die Stammklinik in Zürich. Die Zahl der stationären Patienten sank dort von 18'900 auf 18'400. Da die Sommerflaute 2017 besonders ausgeprägt war, hat der Direktor für dieses Jahr eine spezielle Aktion ausgeschrieben. Er bot den Belegärzten an, in den Monaten Juli und August «alle Ihre stationären Patienten unabhängig vom Versicherungsstatus» in der Klinik Hirslanden zu operieren und zu hospitalisieren, was einen «temporären Abzug von Patienten aus anderen Spitälern» bedeuten würde. Privat- und Halbprivatpatienten sollten dabei von Upgrades profitieren.

Beim Zürcher Spitalverband kam die Sommeraktion seines Mitglieds Hirslanden schlecht an. Damit fordere die Klinik die Belegärzte auf, Vereinbarungen mit anderen Spitälern zu unterlaufen. «So geht es nicht!», schrieb der Verbandspräsident und verlangte eine Aussprache. Diese hat inzwischen stattgefunden. Dem Vernehmen nach hat Hirslanden sich für die «unglückliche Formulierung» entschuldigt und erklärt, die Aktion sei nicht gegen die anderen Spitäler gerichtet. Man versprach, in Zukunft die Kapazitäten in den flauen Sommermonaten gemeinsam zu planen.

Es droht eine Lex Hirslanden

Die Klinik Hirslanden steht auch politisch unter Beobachtung. Parteien von links bis in die Mitte kritisieren, dass sie noch immer relativ wenige Allgemeinversicherte aufnimmt, obwohl sie schon sechs Jahre auf der Spitalliste ist. Das stört die Kritiker, weil der Staatsbeitrag für Hirslanden, das viertgrösste Listenspital im Kanton, riesig ist: Rund 80 Millionen Franken zahlt der Kanton jährlich. Aktuell liegt die Grundversichertenquote im Hirslanden bei 29 Prozent, 4 Prozent höher als vor einem Jahr. Grüne und CVP fordern mit parlamentarischen Initiativen eine Mindestquote von 60 beziehungsweise 50 Prozent für Listenspitäler. Wer darunterliegt, würde den Leistungsauftrag verlieren.

Die Privatklinikgruppe will mit ihrer Stammklinik unbedingt auf der Liste bleiben. Sie will sich langfristig eine wichtige Rolle in der Zürcher und der Schweizer Gesundheitsversorgung sichern. Dazu braucht sie primär möglichst viele Patientinnen und Patienten.

Auf Effizienz trimmen

Gegen die sinkenden Renditen verfolgt das Unternehmen eine Strategie mit vier Stossrichtungen, wie der operative ­Geschäftsleiter Daniel Liedtke sagt. Das Schlagwort heisst Effizienz. Erstens will man bei allen Kliniken ambulante Einheiten andocken, wo die Behandlungen günstiger durchgeführt werden können als im Spital. In Zürich hat die Klinik Im Park entsprechende Umbauten bereits gemacht und die Tagesklinik Bellaria eröffnet. Zweitens ist die Klinikgruppe dabei, die gesamte Administration in Zürich-Nord zu zentralisieren. Drittens will sie die Materialkosten senken. Und viertens soll auch das Kerngeschäft, die Medizin, effizienter werden, indem man organspezifische Zentren mit klar definierten Behandlungspfaden schafft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2018, 20:12 Uhr

Hirslanden

Über 100'000 Patienten

Zur Privatklinikgruppe Hirslanden gehören 17 Kliniken in der ganzen Schweiz. Die grösste ist die Klinik Hirslanden Zürich; die zweite Zürcher Klinik, Im Park, steuert 9 Prozent an den Umsatz der Gruppe bei. Sie ist nicht auf der Spitalliste und nimmt nur Zusatzversicherte auf. Landesweit haben die Hirslanden-Kliniken im Geschäftsjahr 2017/18 total 103'000 Patientinnen und Patienten stationär behandelt, 3000 mehr als im Vorjahr.

Die Zunahme ist auf eine Akquisition zurückzuführen: 2017 hat das Unternehmen die Bieler Privatklinik Linde für 107 Millionen Franken gekauft. Die Bettenbelegung ist unternehmensweit auf 73,3 Prozent gesunken; laut dem Branchenportal Medinside ist dies der tiefste Wert der letzten fünf Jahre. (an)

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