Hoffnung für Steiner – Graf und Jacqueline Fehr müssen zittern

TA-Umfrage: Um die letzten zwei Sitze im Zürcher Regierungsrat zeichnet sich ein Dreikampf ab.

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Wenn die Momentaufnahme der TA-Wahlumfrage eintrifft, erfährt der Zürcher Regierungsrat einen Rechtsrutsch und erhält der Kanton drei neue Regierungsmitglieder. Ungefährdet scheinen die amtierenden Regierungsräte Thomas Heiniger (FDP), Mario Fehr (SP), Ernst Stocker und Markus Kägi (beide SVP). Sie werden auf nahezu die Hälfte der Wahlzettel geschrieben. Auch Carmen Walker Späh (FDP), welche die zurücktretende Finanzdirektorin Ursula Gut ersetzen soll, kann sich gute Wahlchancen ausrechnen.

Spannender wirds ab Platz 6. Gemäss der Umfrage bei 2356 Usern von Tagesanzeiger.ch zeichnet sich ein Dreikampf um die letzten zwei Sitze im Regierungsrat ab. Im Moment hat überraschend CVP-Kandidatin Silvia Steiner die Nase vorn. Nationalrätin Jacqueline Fehr (SP), die Regine Aeppli beerben soll, folgt auf Steiner und wäre knapp gewählt. Ebenfalls gewählt, aber als Überzähliger ausscheiden würde Justizdirektor Martin Graf. Der Grüne kann heuer nicht wie vor vier Jahren vom Fukushima-Effekt profitieren. Zudem macht ihm der Fall Carlos zu schaffen. Der jugendliche Straftäter mit dem teuren Sondersetting hat Graf manche Negativschlagzeile beschert.

Bewahrheitet sich die Umfrage, kann AL-Kandidat Markus Bischoff einen Achtungserfolg erzielen. Er überrundet EVP-Kandidat Nik Gugger und BDP-Vertreter Marcel Lenggenhager, welche grössere Parteien repräsentieren. Die 10  Prozent, die ihm für einen Platz an der Sonne fehlen, scheinen aber für Bischoff uneinholbar. «Eine Wahl Bischoffs halte ich für wenig wahrscheinlich. Ihm fehlen die Stimmen von Mitte-rechts», sagt Politologe Thomas Milic, der die wissenschaftliche Projektleitung innehatte. Dass auch jene auf den fünf vorderen Plätzen aufgrund der gering erscheinenden Differenzen zittern müssen, verneint Milic. Wenige Prozente können viel ausmachen. Milic verweist darauf, dass bei den Wahlen von 2011 zwischen dem glänzend auf dem Platz 1 gewählten Mario Fehr und dem abgewählten Hans Hollenstein (CVP) nur 6,7 Prozent lagen. Fehr wurde von 50,1 Prozent der Wählenden auf den Zettel geschrieben, Hollenstein von 43,4 Prozent. Die wichtigste Erkenntnis aus der Wahlumfrage ist also, dass es eng wird um die zwei letzten zu vergebenden Plätze.

Inwiefern die aufsehenerregende Negativkampagne von Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli gegen CVP-Herausforderin Silvia Steiner eine Rolle spielt, bleibt Spekulation. Als die Umfrage durchgeführt wurde, kursierte das anonyme Flugblatt gegen Steiner bereits. Das von Minelli gezeichnete Grossinserat in der NZZ war aber noch nicht erschienen. Thomas Milic geht davon aus, dass Minelli das grösste Defizit Steiners ausgemerzt hat: deren geringen Bekanntheitsgrad. Zweite Erkenntnis ist, dass die bürgerliche Allianz mit dem Namen Top 5 funktioniert. Auf der Mehrzahl der Wahlzettel der SVP- sowie der FDP-Wähler ­figurieren die fünf bürgerlichen Kandidaten inklusive Steiner. So wählen etwa 70 Prozent der Freisinnigen den SVP-Mann Ernst Stocker.

SVP/FDP: «Verblüffende» Nähe

Als «verblüffend» bezeichnet Politologe Milic, dass die FDP-Basis die SVP-Kandidaten laut seiner Erhebung sogar etwas besser unterstützt als umgekehrt. Das zeigt laut Milic, dass die Stammwählerschaft die Abmachungen der Parteiführungen akzeptiert hat. Das war nicht immer so. Vielmehr hatte die SVP-Spitze öfter Anlass, sich über die freisinnige ­Basis zu beklagen, welche die SVP-Kandidaten links liegen liess. Letztmals ­geschah dies vor Jahresfrist, als in der Stadt Zürich FDP-Kandidat Filippo Leutenegger von den SVP-Wählern unterstützt wurde, die SVP-Kandidaten aber nicht von den Freisinnigen. Dasselbe gilt etwa für die Ständeratswahl 2007, als die SVP Felix Gutzwiller durchwinkte, Ueli Maurer sich aber trotz Päckli nicht auf den Freisinn verlassen konnte.

Ist die bürgerliche Harmonie ein Vorbote für ein Erfolgsduo Ruedi Noser (FDP) / Hans-Ueli Vogt (SVP) bei den Ständeratswahlen im Herbst? Milic will nicht so weit gehen. Die kommende Zürcher Ständeratswahl sei eine der spannendsten der letzten Jahre. «Wenn die bürgerlichen Wahltickets bei kantonalen Wahlen weiterhin so Erfolg haben, könnte das auch die Wahlempfehlungen bei den Ständeratswahlen beeinflussen», meint der Politologe. Allerdings könne die gute Stimmung auch schnell kippen – wie am letzten Wochenende, als die SVP harsch darauf reagierte, dass einflussreiche Freisinnige wie Noser, Gutzwiller und Leutenegger ins Komitee von SP-Mann Mario Fehr eingetreten sind.

Das linke Wahlbündnis zwischen SP, Grünen und AL funktioniert ebenfalls recht gut, wobei Graf auf mehr SP-Stimmen kommen könnte. Die beiden Fehrs und Graf sind auch bei den GLP-Wählern populär. Weil aber die links-grüne Wählerbasis kleiner ist als jene auf der bürgerlichen Seite, wird es nicht zu einer linken Revolution im Regierungsrat kommen.

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Erstellt: 30.03.2015, 22:07 Uhr

«Minelli-Aktion hilft Silvia Steiner»

Laut Politologe Thomas Milic* hat Ludwig A. Minelli Steiners grösstes Defizit behoben.

Gemäss Ihrer Umfrage würde Silvia Steiner (CVP) Martin Graf (Grüne) ersetzen. Hat Sie das überrascht?
Ehrlich gesagt: Ja. Aber man muss vorsichtig sein. Die Differenz zwischen Steiner, Jacqueline Fehr und Graf ist sehr gering. Aussagen über die Rangfolge sind kaum möglich.

In Baselland und in Luzern haben die Grünen schlecht abgeschnitten. Liegt das Umfrageresultat von Graf also im nationalen Trend?
Ja, man kann einen Trend erkennen: SVP und FDP gewinnen, Grüne verlieren. Setzt sich dieser Trend in Zürich fort, verliert Martin Graf einen Teil seiner Stammwählerschaft. Bei einem knappen Ausgang kann das entscheidend sein.

In Baselland ist die SP aus der Regierung geflogen, in Luzern verliert sie wohl ihren Sitz. Wackelt der zweite SP-Sitz auch in Zürich?
Die SP muss die jüngsten Resultate ernst nehmen. Die Ausgangslage in den drei Kantonen ist zwar nicht dieselbe. Aber sollten die bürgerlichen Wähler die «Top-5-Empfehlung» so geschlossen umsetzen wie in der Umfrage, wird es zumindest knapp für den zweiten SP-Sitz.

Jacqueline Fehr (SP) muss zittern, obwohl sie die bedeutend stärkere Basis hat als Silvia Steiner. Warum?
Jacqueline Fehr kommt bei der linken Wählerschaft sehr gut an, hat aber rechts der Mitte erhebliche Schwierigkeiten. Kommt dazu, dass Silvia Steiner ihr grösstes Defizit überwunden hat.

Welches?
Ihren tiefen Bekanntheitsgrad. Da hat Dignitas-Chef Ludwig A. Minelli mit seiner Negativkampagne ganze Arbeit geleistet.

Minelli macht Steiner zur Regierungsrätin?
So weit ist es noch nicht. Aber er hat massgeblich dazu beigetragen, dass sie ihr bisher grösstes Manko wettmachen konnte. Noch ist es Spekulation, aber ich denke, die Minelli-Aktion hilft Steiner mehr, als es ihr schadet. Ihr Name ist den Wählern nun bekannt. Das ist bei einer Persönlichkeitswahl mit leeren Wahlzetteln wichtig.
Interview: Pascal Unternährer

* Der 43-Jährige Politologe Thomas Milic ist Uni-Lehrbeauftragter und Leiter Wahl- und Abstimmungsanalysen bei der Zürcher Firma Sotomo.

Online-Umfrage

2356 Teilnehmer

Die Umfrage wurde am 25. und 26. März auf Tagesanzeiger.ch durchgeführt und ist nicht repräsentativ. Daten von 2356 Teilnehmern konnten ausgewertet werden. Die Resultate wurden nach soziodemografischen Kriterien und politischen Faktoren gewichtet. So machten überproportional viele Männer und zu wenige ältere Frauen mit. Dieses Manko wurde mit statistischen Methoden ausge­glichen. Das Projektteam der Forschungsstelle Sotomo am Geografischen Institut der Universität Zürich mit Thomas Milic, Michael Hermann und Mario Nowak hat die Umfrage im Auftrag des «Tages-Anzeigers» durchgeführt. Umfragen sind Momentauf­nahmen.
Bis zum Wahltag kann sich die Haltung der Wähler ändern. (pu)

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