«Ich darf nicht einmal gratis und freiwillig arbeiten»

Etwa 700 Menschen leben trotz abgewiesenem Asylgesuch im Kanton Zürich – meist unsichtbar. Was das heisst, erzählen Samsom und Diana O.*

Ihr Asylgesuch ist abgewiesen worden: Samsom und Diana O.* aus Eritrea. Foto: Reto Oeschger

Ihr Asylgesuch ist abgewiesen worden: Samsom und Diana O.* aus Eritrea. Foto: Reto Oeschger

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Sie treten am Montag öffentlich auf und diskutieren als abgewiesene Asylsuchende mit Kirchenvertretern und Politikern über Ihr Leben in der Schweiz. Was erhoffen Sie sich davon?
Samsom: Wir möchten auf unsere Situation aufmerksam machen. Und natürlich hoffen wir, dass die Politiker etwas tun können, um unsere Lage zu verbessern. Unser Leben im Moment ist schwer erträglich, wir haben keine Perspektive und leben in ständiger Angst.

Angst wovor?
Diana: Vor der Polizei. Davor, verhaftet zu werden.

Samsom: Deshalb bleiben wir meist daheim. Wir waren schon mehrmals im Gefängnis, weil wir keine Aufenthaltsbewilligung haben. Unser dreijähriger Sohn hat deshalb panische Angst vor der Polizei, er beginnt sofort zu weinen, wenn er Polizisten sieht.

Diana: Manchmal kommen die Polizisten auch in die Notunterkunft und verhaften dort Leute vor den Augen der Kinder. Eine Nachbarin war mit zwei kleinen Kindern zwei Wochen im Gefängnis. Und ich musste vier Wochen im Flughafengefängnis bleiben, als ich im siebten Monat schwanger war. Es ging mir sehr schlecht damals, Ich habe Flugzeuge gezählt, um nicht durchzudrehen. Mit meinem Mann durfte ich keinen Kontakt aufnehmen. Drei Tage nach der Geburt wurde ich mit dem Kleinen nochmals zwei Wochen inhaftiert.

Wussten Sie, wo Ihre Frau ist?
Samsom: Nein, ich suchte sie überall. Auch der Anwalt wusste nichts. Nach zwei Wochen war ich überzeugt, dass sie zurückgeschafft wurde. Ich bin so froh, dass das nicht der Fall war.

Warum kamen Sie vor fünf Jahren in die Schweiz?
Samsom: Der Hauptgrund ist die Religion. Wir sind Protestanten, aber unser Glaube ist in Eritrea nicht erlaubt. Wir wollten in ein Land, in dem man frei leben kann. In Eritrea gibt es den Nationaldienst, den alle absolvieren müssen. Das Problem ist, dass man keine Ahnung hat, wie lange der dauert. Sie behalten einen einfach.

Wussten Sie, was Sie erwartet?
Samsom: Nein, wir hatten keine Ahnung. Wir wollten in ein freies Land, in dem wir etwas aus unserem Leben machen können, in dem wir etwas lernen. Erst als unser Asylgesuch nach zwei Jahren abgelehnt wurde, wurde uns das nach und nach klar.

Diana: Meine Schwester, die in Deutschland lebt, hat uns gewarnt. Sie sagte, wir sollten in Deutschland um Asyl bitten – aber leider zu spät. In dem Moment hatten sie in der Schweiz bereits unsere Fingerabdrücke abgenommen.

Samsom: So, wie wir im Moment leben, ist es ehrlich gesagt fast wie in Eritrea. Die ständige Angst, verhaftet zu werden, immer wieder bekommen wir Bussen, die wir aber nicht zahlen können. Mit 8 Franken 50 pro Tag geht das nicht, die Bussen betragen teils 1000 Franken und mehr. Deshalb haben wir Schulden. Und wir müssen demnächst vor Gericht. Wer Bussen nicht zahlen kann, dem droht eine Ersatz-Freiheitsstrafe.

Wären Sie auch aus Eritrea geflohen, wenn Sie das gewusst hätten?
Diana: Ja. In Eritrea gibt es keine Zukunft für uns.

In der Schweiz haben Siederzeit kaum Perspektiven. Haben Sie schon an eineRückkehr gedacht?
Samsom: Das können wir nicht. Wir haben das Land illegal verlassen, das ist strafbar.

Diana: Unser Sohn soll eine Zukunft haben, ein gutes Leben. Er soll in Freiheit aufwachsen.

Wie halten Sie diese Situation aus? Sie dürfen nicht arbeiten, haben Angst hinauszugehen…
Samsom: Das ist schwer zu erklären, wenn man es nicht selbst erlebt. Wir besuchen Deutschkurse, ich boxe, und wir gehen in die Kirche. Gott wird uns helfen. Wir geben die Hoffnung nicht auf, wir haben keine andere Wahl. Irgendwann wird es besser.

Haben Sie schon überlegt, unterzutauchen und ­schwarzzuarbeiten?
Samsom: Das wäre nicht legal. Ich will das Gesetz nicht brechen. Ich möchte, dass unser Leben besser wird, nicht schlechter.

Diana: Wenn wir von Leuten hören, die das tun, halten wir uns von ihnen fern.

Wenn Sie wünschen dürften, wie sähe Ihr Leben aus?
Diana: Wir könnten uns frei hier bewegen, wir könnten Deutsch lernen, uns integrieren und Schweizerinnen und Schweizer kennen lernen. Und wir müssten keine Angst vor der Polizei haben.

Samsom: Wir möchten auch nicht von der Sozialhilfe leben. Ich habe in Eritrea Schreiner gelernt, und ich würde gern als Schreiner arbeiten, damit ich unseren Lebensunterhalt selbst bestreiten kann. Derzeit darf ich nicht einmal freiwillig und kostenlos arbeiten, obwohl mich ein Schreiner in der Nähe gern beschäftigen würde.

Diana: Ich glaube, das geht allen abgewiesenen Asylsuchenden ähnlich. Wir alle möchten hier bleiben. Wir hoffen, dass die Menschen das verstehen, wenn wir über unsere Lage erzählen.

* Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 08.02.2020, 18:19 Uhr

Wie es ist, unsichtbar zu leben

Am Montag, 10. Februar, präsen­tieren acht Abgewiesene ihre Geschichten öffentlich. Anschliessend diskutieren unter anderem Nationalrat Balthasar Glättli (Grüne), Kantonsrat Lorenz Schmid (CVP), Walter Leimgruber, der Präsident der Eidgenössischen Migrationskommission, und Pfarrerin Verena Mühlethaler mit den Betroffenen. Organisiert wird der Anlass vom NCBI, einem Verein, der sich für Integration
und Konfliktlösung einsetzt.
Der Anlass findet von 17 bis 20.15 Uhr in der Helferei Grossmünster statt. (leu)

www.ncbi.ch/unsere-stimmen

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