«Ich finde es sinnvoll, wenn Jugendliche auf Facebook sind»

Der Medienpädagoge Thomas Merz plädiert dafür, den Umgang mit Medien schon im Kindergarten zu behandeln. Eltern rät er, die Online-Aktivitäten ihrer Kinder aufmerksam, aber gelassen zu betrachten.

«In den meisten Fällen läuft auf Facebook nichts Problematisches ab»: Laut Medienpädagoge Thomas Merz stellt sich die Frage eines Verbots für unter 13-Jährige allerdings trotzdem.

«In den meisten Fällen läuft auf Facebook nichts Problematisches ab»: Laut Medienpädagoge Thomas Merz stellt sich die Frage eines Verbots für unter 13-Jährige allerdings trotzdem.

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Ein besorgter Vater erzählte dem TA, dass seine 11-jährige Tochter in der Klasse gehänselt werde, weil sie nicht auf Facebook sei. Erstaunt Sie das als Medienpädagoge?
Dass es Klassen gibt, in denen bereits eine Mehrheit von 11-Jährigen in einem sozialen Netzwerk sind, erstaunt mich nicht. Der Zugang zu Facebook ist zwar erst ab 13 erlaubt. Es gibt aber schon viele Kinder, die mit neun oder zehn Jahren in einem sozialen Netzwerk mitmachen. Sie müssen einfach bei der Altersangabe schummeln. Im Lauf des letzten Jahres ist das Thema an Elternabenden und Lehrerfortbildungen denn auch stark in den Vordergrund getreten.

Wie sollen sich die Eltern verhalten?
Viele verhalten sich von Anfang an abwehrend: «Jetzt bist du schon wieder auf Facebook. Du würdest dich besser mit deinen echten Freunden treffen.» Das ist meiner Meinung nach nicht der richtige Ansatz: Eltern sollten diese Form von Beziehungspflege ihrer Kinder aufmerksam, aber auch mit einem Stück Gelassenheit betrachten. Um ehrlich zu sein, ich finde es sinnvoll, wenn Jugendliche auf Facebook sind. Als eine der Möglichkeiten, Beziehungen zu pflegen.

So spricht der Medienpädagoge. Haben Sie selbst Kinder?
Drei Töchter zwischen 14 und 19 Jahren. Sie sind alle bei Facebook. Ich auch.

Kontrollieren Sie regelmässig die Einträge Ihrer Töchter, um zu schauen, ob nichts falsch läuft?
Nein. Ich habe keinen Zugang zu ihren Profilen gewünscht. Aber wir sprechen regelmässig darüber, was wir auf Facebook machen. Und damit bin ich beim Kernpunkt: Der Umgang mit Medien sollte von klein auf Bestandteil der Erziehung sein. Auch in der Schule, ja schon im Kindergarten. Dabei geht es weder darum, Kinder zu Medien hin-, noch von Medien wegzuführen – sondern ihnen zu einem lebenswerten, sinnvollen, spannenden Leben zu verhelfen. Allerdings zu einem Leben, zu dem heute selbstverständlich auch verschiedene Medien gehören.

Das tönt gut, nur zeigt eine letztes Jahr veröffentlichte Studie, dass Jugendliche lieber im Internet stöbern, als echte Freunde zu treffen. Ist das nicht bedenklich?
Wenn sie tatsächlich nur noch virtuelle Bekanntschaften pflegen, schon. Die Vorstellung aber, dass Facebook lediglich einen virtuellen, oberflächlichen Freundschaftskreis darstellt, ist falsch. Ich mache selbst die Erfahrung, dass manche Bekanntschaften sich durch Facebook vertieft haben. Meist werden dort bestehende Freundschaften gepflegt oder erweitert. So kann es tatsächlich sein, dass Jugendliche, die nicht dabei sind, auch etwas verpassen.

Und was sagen wir jetzt dem Vater, dessen 11-jährige Tochter in der Schule gehänselt wird, weil sie nicht bei Facebook dabei ist?
Er soll sich an die Schulleitung wenden. In der Primarschule darf es nicht so sein, dass soziale Netzwerke das Zusammenleben in der Klasse derart bestimmen. Das muss man rechtzeitig mit den Kindern besprechen, bevor aus dem Hänseln Mobben wird.

Würden Sie denn als Vater Ihrem Kind im Primarschulalter den Zugang zu Facebook verbieten?
Bei unter 13-Jährigen stellt sich die Frage eines Verbots wirklich. Einfach weil es vielen Kindern in diesem Alter noch schwerfällt, die Konsequenzen ihres Tuns abzuschätzen. Grundsätzlich halte ich aber Verbote nicht für sinnvoll. Die Basis für jede Medienerziehung ist, Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern: Das bedeutet, ihr Selbstwertgefühl und ihre Beziehungsfähigkeit zu stärken, ihr Interesse an andern Menschen und ihre Neugier zu wecken. Nur wer lebenstüchtig ist, kann Medien wie Facebook in ihrer Wirkung überhaupt erst einschätzen – kann sie sinnvoll nutzen oder im richtigen Moment auch darauf verzichten.

Gibt es Alarmzeichen für Eltern?
Wenn ein Kind andere nahe Beziehungen vernachlässigt oder gar keine tragfähigen, persönlichen Beziehungen mehr hat. Facebook soll die Vielfalt der Beziehungen fördern, nicht andere Beziehungen ersetzen oder konkurrieren. Hier können die Eltern durchaus präventiv wirken. So haben wir zu Hause zum Beispiel immer darauf geachtet, dass unsere Töchter Freunde zum Spielen oder zu gemeinsamen Unternehmungen mitbringen konnten. Es braucht ein ausgewogenes Verhältnis von Medienzeit und «echten» Erfahrungen.

Ist es da sinnvoll, wenn Eltern den Kindern zeitliche Limiten setzen?
Das macht vor allem bei den Jüngeren Sinn. Oft setzen die Eltern aber erst Grenzen, wenn Jugendliche im Medienkonsum über die Stränge schlagen. Besser wäre es, bei den Kleinen damit zu beginnen und dort die Grenzen relativ eng zu stecken, sodass man zunehmend mehr Freiheiten gewähren kann, wenn sie sich an die Abmachungen halten.

Konkret: Wie viel Zeit soll ein Jugendlicher auf Facebook verbringen dürfen?
Als Faustregel rate ich, in der Unterstufe die reinen Konsummedien wie Computerspiele oder Fernsehen auf eine Stunde täglich zu beschränken. In der Mittelstufe auf anderthalb Stunden. Facebook ist eine Mischung zwischen Konsum und Kontaktpflege. Hier plädiere ich für eine halbe Stunde täglich in der Mittelstufe. Allerdings spielt dabei das persönliche Umfeld eine Rolle. Wer abgelegen auf dem Land wohnt oder beispielsweise Cousins oder Freunde im Ausland hat, braucht mehr Zeit, um diese Beziehungen zu pflegen.

Taugen Kindersicherungen etwas?
Nur für Eltern, die bereit sind, viel Zeit dafür zu investieren. Sie müssen sich auf dem Laufenden halten, sonst bringen sie nichts. Sind die Einschränkungen zu eng, können die Kinder die Möglichkeiten gar nicht nutzen; sind sie zu large, nützen sie nichts. Auch müssen diese Einschränkungen altersgerecht sein.

Wie stark sollen sich die Eltern überhaupt einmischen?
Die Eltern sollen echtes Interesse zeigen, beispielsweise fragen: Mit wem hast du heute gechattet? Worüber habt ihr euch auf Facebook unterhalten? Was gefällt dir dabei, was findest du schwierig? Es macht auch Sinn, mit den Jugendlichen Vereinbarungen zu treffen, was sie ins Netz stellen dürfen und was nicht.

Das ist eine der Hauptsorgen vieler Eltern. Die Gefahr des Missbrauchs der Daten, die Kinder herausgeben.
Eins vorweg: In den meisten Fällen läuft auf Facebook nichts Problematisches ab. Es ist aber wichtig, auf Gefahren aufmerksam zu machen, die solche Netzwerke im Internet bergen. Dabei gilt: Wenn dir in einem Dialog oder einer Beziehung nicht wohl ist, musst du darüber mit deinen Eltern oder sonst einer Person, der du vertraust, sprechen. Und es muss den Kindern auch klargemacht werden, wie leicht es ist, im Internet eine falsche Identität anzunehmen.

Haben Ihre Töchter schon einmal schlechte Erfahrungen auf Facebook gemacht?
Ja, und zwar eine ganz typische. Sie erzählten, dass ihr Cousin plötzlich so seltsame Dinge frage. Wir haben dann herausgefunden, dass jemand dessen Account gehackt hatte.

Wie würden Sie reagieren, wenn Ihre Kinder im Internet diffamiert und gemobbt würden?
Das sind schwierige Situationen. Cybermobbing überfordert Eltern und Lehrpersonen oft, weil es schwer einzugrenzen ist. Was einmal im Internet ist, bringt man kaum mehr weg. Gerade daher ist es so wichtig, dass Medienerziehung präventiv ausgerichtet ist. Kinder und Jugendliche müssen abschätzen lernen, was sie auslösen, wenn sie gewisse Bilder oder Texte ins Netz stellen.

Wäre es nicht am gescheitesten, Kindern generell zu verbieten, Bilder oder persönliche Texte online zu stellen?
Das wäre schade. Eine grosse Stärke von sozialen Netzwerken ist ja gerade, dass Jugendliche sich dort selbst inszenieren können. Das ist für Heranwachsende ein wichtiger Schritt zur Identitätsbildung. Zudem ist gerade der kompetente Umgang mit Bildern in unserer Kultur sehr wichtig geworden. Da sind solche Übungsfelder wertvoll. Ich stelle immer wieder mit Freude fest, mit wie viel Kreativität sich junge Menschen auf Facebook präsentieren.

Erstellt: 05.01.2012, 07:21 Uhr

Lieber surfen als Freunde treffen

Facebook gehört zu den sozialen Netzwerken, bei denen übers Internet Kontakte geknüpft und gepflegt werden. Die Plattform wurde 2004 gegründet. Mittlerweile haben in der Schweiz 2,5 Millionen Menschen einen Facebook-Account. Das heisst, sie haben sich dort registriert und stellen sich auf einer Profilseite vor. Wie weit sie dabei gehen wollen, ist ihnen überlassen. Facebook gerät immer wieder wegen Datenschutzproblemen in die Schlagzeilen.

Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften hat das Medienverhalten von Schweizer Jugendlichen untersucht. Gemäss der 2011 veröffentlichten repräsentativen Studie sind 84 Prozent der befragten 12- bis 19-Jährigen bei mindestens einem sozialen Netzwerk angemeldet, wobei Facebook das weitaus beliebteste ist. 55 Prozent stöbern täglich oder mehrmals pro Woche in sozialen Netzwerken, 20 Prozent nie. Mädchen häufiger als Knaben. Als liebste Freizeitbeschäftigung geben sie an: «das Handy nutzen» vor «das Internet nutzen» und «Freunde treffen».

Fast ein Drittel der Heranwachsenden hat schon erlebt, dass Fotos oder Videos von ihnen ohne ihre Zustimmung ins Netz gestellt wurden, 18 Prozent wurden schon einmal im Internet fertiggemacht oder beleidigt.

Das Internet vergisst nie

Fachleute raten Jugendlichen zu folgenden Vorsichtsmassnahmen:

Inhalte: Nicht den vollen Namen angeben, keine Adresse, keine Telefonnummer, kein Alter. Nicht angeben, wann man allein zu Hause ist.

Freundschaften: Bei Freundschaftsanfragen von Personen, die man nicht kennt, rückfragen: Weshalb willst du mein Freund sein? Wie bist du auf mich gekommen? Dann bei den bekannten Freunden dieser Freunde nachfragen.

Dialoge: Unangenehme Dialoge sofort abbrechen. Wenn jemand sich seltsam verhält, bei der entsprechenden Person rückfragen. Profile können leicht gefälscht werden.

Umgang: Sich nicht provozieren lassen. Wenn man feststellt, dass andere gemobbt werden, umgehend erwachsene Bezugspersonen informieren.

Treffen: Vorsicht bei Treffen mit nur aus dem Facebook bekannten Personen. Nie allein hingehen – und nie, ohne die Eltern zu informieren.

Datenschutz: Das Internet vergisst nicht. Bei Stellenbewerbungen ist es üblich, dass im Netz nach Auskünften über den Bewerber gesucht wird. Daher: keine kompromittierenden Fotos oder sehr privaten Texte ins Netz stellen.

Cybermobbing: Sich so schnell wie möglich an die Eltern, die Schule oder an die Polizei wenden.

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