«Ich fühle mich wie ein abgehängter Wagen»

Ältere Menschen wünschen sich mehr Wertschätzung – und mehr Sitzbänke, längere Grünphasen, rücksichtsvollere Velofahrer, bezahlbare kleine Wohnungen.

Wo drückt Sie der Schuh? Von links: Publizistin Klara Obermüller, Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist, Journalistin und Beraterin Elisabeth Michel-Alder, Alt-Stadträtin Monika Stocker, Erich Gerber, Initiant des Seniorentelefons. Foto: Reto Oeschger

Wo drückt Sie der Schuh? Von links: Publizistin Klara Obermüller, Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist, Journalistin und Beraterin Elisabeth Michel-Alder, Alt-Stadträtin Monika Stocker, Erich Gerber, Initiant des Seniorentelefons. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Von einem «blöden Gefühl» erzählt der ältere Mann am Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Senioren-Telefon dem Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist. Von dem Gefühl, an den Rand gedrängt zu sein, «randständig» geworden zu sein. «Manchmal», so fährt er fort, «manchmal fühle ich mich wie ein abgehängter Wagen.» In ähnlicher Form erlebten auch Monika Stocker, Elisabeth Michel-Alder und Klara Obermüller, welche diese Woche am Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Senioren-Telefon sassen, zuweilen die Befindlichkeit jener älteren Menschen, die mitteilten, wo sie der Schuh drückt. Das Telefon lief heiss. Auch in vielen der rund 50 Zuschriften ist dieses Gefühl spürbar. Elisabeth Michel-Alder sagt: «Junge Alte, so zwischen 63- und 80-Jährige, werden als spezielle Gruppe noch kaum wahr­genommen.»

Dabei wurde aber nicht nur Trübsal geblasen oder gejammert. Am Telefon wurde auch gelacht, aus den Zuschriften spricht oft (Galgen)humor. So schreibt etwa ein Mann: «Die Blase drückt mehr als der Schuh: Mehr Züri-WC!».

«WWW» schliesst aus

Das Gefühl, abgehängt zu werden, manifestierte sich vielleicht am deutlichsten an drei Buchstaben: WWW. Das allgegenwärtige Internet war einer der am häufigsten genannten alltäglichen Stolpersteine: E-Banking. Online-Umfrage. Wettbewerbsteilnahmen oder Vergünstigungen nur noch per App oder im Web. So habe man früher als ZKB-Kunde bei Vorweisen der Kundenkarte zwanzig Prozent auf den Zoo-Eintritt erhalten. Jetzt gehe das nur noch per Internet. «Hier werden die Senioren einfach stehen gelassen», schreibt eine Frau.

Ein Mann spricht mit seinen Worten vielen aus dem Herzen:

«Man wird überall gezwungen, per Computer zu kommunizieren: Man kann kaum mehr an einem Wettbewerb teilnehmen. (. . .) Wer keine Kreditkarte hat oder sie nicht gebrauchen will, ist sowieso verloren. Wer eine Papierrechnung will, wird bestraft. Die Tendenz, alles selber machen zu müssen und nur noch mittels Apparaten zu kommunizieren (Migros/Coop/Banken), beschleunigt die Vereinsamung, da kein mitmenschlicher Austausch stattfinden kann.»

Auch werde man in den Medien immer öfter aufs Web verwiesen. «Weitere Informationen unter www», heisse es jeweils am Radio dann, wenn es für sie erst richtig spannend werde, erzählt eine Frau. Doch sind auch gesprochene Informationen nicht immer verständlich. Mehrfach kritisiert wird, dass am Radio und Fernsehen zu schnell, ohne Atempausen oder nur «nuschlig» gesprochen werde. «Auch auf DRS 2», betont eine Frau. Da verstehe man die Hälfte nicht. «Das geht mir auch so», tröstet Klara Obermüller, die selbst beim Fernsehen tätig war. Zudem seien viele Sendungen mit Musik hinterlegt, was die Verständlichkeit zusätzlich erschwere.

Zu klein und unverständlich

Auch die geschriebene Sprache schliesst ältere Menschen häufig aus. Ein Mann mit Hochschulausbildung schreibt: «Was heisst: Gadgets, Eventbooster, Performance, Fashion, Community, etc. Man braucht zunehmend den Pons zum Zeitungslesen.» Der «Pons», das sei für jüngere Leser hier erklärt, ist ein Wörterbuch. Dann die Schriftgrössen: Bei Lebensmitteln, Beipackzetteln, aber auch in Printmedien. Eine Frau kann diesen Trend zu immer kleineren Buchstaben mit Zahlen belegen:

«Als ich jung war, schrieb man Geschäftsbriefe mit 12 Punkten, bei meinem letzten Stellenwechsel vor 20 Jahren musste ich mich an 10 Punkte gewöhnen, und letzte ­Woche habe ich ein Schreiben bekommen in 8-Punkt-Schrift! (Überdies war diese ganz, ganz fein, ja geradezu magersüchtig.)»

Ähnlich viele Nennungen als Hindernisse des Alltags erhielten Tram und Bus: Alte 8er-Trams ohne Niederflur­einsatz, Busfahrer, die nicht warten, bis man einen sicheren Stand hat oder den Boden nicht absenken, weil sie es eilig haben. Eine Seniorin schreibt:

«Manchmal muss ich 20 cm hinuntersteigen und hinten stossen und warten die Menschen, die wollen auch raus, und ich habe Mühe, den Bus zu verlassen. Mit Gehstöcken geht es einfach länger.»

Hohe Randsteine bei den Tramhalte­stellen und Billettautomaten nur auf einer Seite der Haltestelle sind weitere Themen, welche die VBZ betreffen. «Könnte man nicht wenigstens auf beiden Seiten eine Möglichkeit zum Abstempeln schaffen?», wird gefragt.

Für Fussgänger gibt es einen alltäg­lichen Ärger, der immer wieder zur Sprache kommt: die zu kurzen Grünphasen. Mehrfach explizit erwähnt werden die Fussgängerstreifen am Bürkliplatz und am Bellevue: Langsamere Leute sähen hier immer Rot. Rot sehen sehr viele ältere Menschen auch in Bezug auf Velofahrerinnen und Velofahrer. «Weg vom Trottoir!», fordern sie resolut. Und frühzeitig klingeln, wenn man auf einem Weg von hinten kommt.

Mischverkehr macht Angst

Mischverkehr ist für viele beängstigend. «Die geplante Neugestaltung der Albisriederstrasse macht mir Angst», schreibt eine Frau. «Wer sich im Alter nur noch langsam fortbewegen kann, nicht mehr gut hört und sieht, wird sich bei dem Mischverkehr nicht mehr getrauen, die Strasse zu überqueren.»

Müssten wir den am häufigsten genannten konkreten Wunsch nennen, wären das die Sitzplätze. (Nicht nur die auf den öffentlichen WCs.) Zu wenig Bänke, und zu niedrige. «Wenn ich mal einen freien Platz gefunden habe, kann ich kaum mehr aufstehen», sagt eine Frau. Sitzgelegenheiten werden bei Tramhalte­stellen, in Museen, in Einkaufsläden vermisst. Eine Frau schlägt «7-Minuten-Sitzplätze» vor:

«Man sollte eine Sitzgelegenheit für Senioren und Behinderte ­schaffen, wo man sich für einen Moment hinsetzen kann bis die ­Gelenke wieder mögen. (. . .) Daher denke ich auch nicht an Sitzbänke zum Verweilen, sondern an einzelne Sitzgelegenheiten, die nach 7 bis 10 Minuten für jemand anders freigegeben werden müssen.»

Ebenfalls ganz handfest ist der Vorschlag, in grösseren Lebensmittelläden eine Kasse für Ungestresste einzurichten. Mehrfach wird nämlich berichtet, wie die Kassierin und andere Kunden ungeduldig würden, wenn man bar bezahlen wolle – und eine Frau erzählt von den Schubsereien an der Kasse und dem Ausspruch: «Oh, nein, jetzt bezahlt sie auch noch mit Fünferli!» Kleider kaufen ist für viele ältere Frauen ein Spiess­rutenlauf: Mehrere erzählen, wie man sie in einem Kleidergeschäft despektierlich abwimmeln wolle. Andere fragen sich, weshalb man es älteren Frauen so schwer mache, sich zu normalen Preisen modisch anzuziehen. Pfarrer Sigrist hört erstaunt zu und sagt dann: «Bin ich froh, dass ich am Sonntag einfach meinen Talar anziehen kann.»

Flexibleres Rentenalter

«Sie habe ich jetzt gerade als letzte gewollt», sagt ein Mann, als Monika Stocker das Telefon abnimmt. Mit ihr habe er das Heu gar nicht auf derselben Bühne. Sie steckt das lachend weg, zumal kurz vorher eine Anruferin bat, ob sie nicht bitte Frau Stocker an den Draht haben könne.

Viele Fragen drehten sich um die Rente, die immer schmaler werde, weil darauf die Teuerung nicht ausbezahlt werde. Und auf die Schwierigkeit, Arbeit zu finden. Wobei es nicht allein um Freiwilligenarbeit ging. Der Ruf nach flexib­lerem Rentenalter wird laut. Staat und Wirtschaft sollen Teilzeitstellen für ältere Arbeitnehmende einrichten, heisst es etwa. Oder: Freiwilligenarbeit solle an den Steuern abgezogen werden können. Elisabeth Michel-Alder rät einer Frau, die gern weiterhin als Rezeptionistin arbeiten möchte, in Alterszentren oder Spitälern mit Altersmedizin anzufragen. Die Chance sei am grössten, wenn man bei Seinesgleichen suche.

Oft ging es auch ums Wohnen. Sie finde in ihrer Gemeinde einfach keine zahlbare kleine Wohnung, erzählt eine Frau ganz verzweifelt. Einige Anfragen betrafen die Situation von älteren Leuten, die umziehen möchten oder müssen, weil die Liegenschaft saniert wird, was meist zu höheren Mieten führe. Im Alter eine Wohnung zu finden, sei auf dem Land sehr viel schwieriger als in der Stadt Zürich, sagt Monika Stocker mit einem Verweis auf die städtische Einrichtung «Wohnen im Alter».

Einige weisen darauf hin, dass in Neubauten kaum kleine Wohnungen entstehen, gesprochen wird über die Angst, dass man an einem neuen Ort oder in einem neuen Quartier keinen Anschluss mehr finde. «Es braucht dringend mehr Altersbeauftragte in den Quartieren», stellt Sigrist fest. Neben Pro Senectute habe zwar auch die Kirche solche Angebote, doch könne sie manche Menschen nicht erreichen, weil sie nichts mit kirchlichen Stellen zu tun haben wollen.

Zu wenig Rücksichtnahme

Der Ruf nach Treffpunkten und Veranstaltungen für junge Alte wird deutlich. Solche gebe es zwar durchaus, betont Stocker. Doch finde man sie offenbar nicht immer. Sie sollen auch ausserhalb von Alterszentren stattfinden, wird gefordert. Und sich nicht immer nur mit Altersthemen beschäftigen.

Die Spitex wird häufig gelobt, doch fragt sich jemand: Weshalb darf mir mein ­Spitex-Betreuer auf dem Hinweg in der Bäckerei nicht ein Brötli holen? Und ist er seinerseits ans Arztgeheimnis gebunden, wenn ich meinen Arzt gegenüber der Spitex vom Arztgeheimnis entbinde?

Und immer wieder kommt der Wunsch, dass die Jüngeren den Älteren mit etwas mehr Wertschätzung begegnen sollten. «Ich sage immer laut Danke, wenn ein junger Mensch mir auf dem Trottoir Platz macht», sagt eine Frau. Man möge doch auch in Trams und Bussen hin und wieder durchsagen, dass die Jüngeren Älteren und Schwangeren Platz machen sollten. Das Miteinander im öffentlichen Raum wird zuweilen als rücksichtslos empfunden, und es führe dazu, dass selbst viele rüstige ältere Menschen nur ungern zu Fuss unterwegs seien.

Eine Frau stellt jedoch fest: «Manchmal will die Jugend nur ein Spielchen mit uns alten Leutchen machen.» Sie erzählt vom «heiteren Gesellen in Punk-Montur», welcher ihr den Eingang ins Wartehäuschen versperrte:

«Da will ich aber rein, sagte ich mir im Stillen, aber wie? Ganz humorvoll (was ich sonst gar nicht so bin) sagte ich dem Gesellen: Oh, toll , dass ich einen so netten Bodyguard habe. Er lächelte und machte mir mit einer lieben Handbewegung den Eingang frei. Für einmal war ich richtig stolz auf mich, dass ich (. . .) nicht einfach den Schwanz eingezogen habe.»

Antworten auf einige Anliegen und Fragen – nicht unter «www», sondern demnächst im «Tages-Anzeiger».

Erstellt: 19.12.2014, 23:13 Uhr

Artikel zum Thema

Zu entdecken: Die jungen Alten

Kommentar Die Lebenserwartung in der Schweiz steigt, und mit ihr entsteht eine neue Generation: Rüstige Rentner, die konkrete Wünsche an die Gesellschaft äussern. Mehr...

Was wünschen sich ältere Menschen?

Der Tagesanzeiger.ch/Newsnet möchte wissen, wo Seniorinnen und Senioren in Zürich der Schuh drückt. Mehr...

Senioren in Zürcher Altersheimen fühlen sich geschröpft

Bereits zum zweiten Mal innert kurzer Zeit steigen die Kosten in städtischen Alterszentren. Zu spüren bekommen dies jene, die keinen Anspruch auf Ergänzungsleistungen haben. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Es ist immer Zeit, Danke zu sagen

Erst die Gönner machen die Arbeit der Krebsliga möglich. Der Tag des Testaments bietet Gelegenheit darüber zu sprechen, wie wir anderen etwas Gutes tun können.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...