«Ich gebe den Tarif sehr wohl durch»

Fussballstadion, Kasernenareal, BZO – zurzeit vergeht in Zürich kaum ein Tag ohne einen Auftritt von SP-Bauvorstand André Odermatt. Im Interview wehrt er sich gegen den Vorwurf, passiv zu agieren.

«Der raumplanerische Blick ist ein anderer als der, der von der eigenen Parzelle ausgeht»: Bauvorstand André Odermatt. Foto: Dominique Meienberg

«Der raumplanerische Blick ist ein anderer als der, der von der eigenen Parzelle ausgeht»: Bauvorstand André Odermatt. Foto: Dominique Meienberg

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Ihre Auftritte wirken oft defensiv und nachgiebig, kritisierte der «Tages-Anzeiger» kürzlich. Gibt es etwas daran, was sie akzeptieren?
Vieles davon hat mich irritiert. Da wurde von Niederlagen gesprochen, die gar keine sind und von Vorfällen, die es so nicht gab. Ich habe Mühe mit leeren Behauptungen. Was ich gut nachvollziehen konnte, ist, dass ich als anständiger Verhandlungspartner gelte – das war ja auch Teil der Einschätzung meiner Arbeit durch den Politbetrieb.

Das war der positive Teil der Kritik. Wie sieht es mit dem negativen aus?
Wenn man als Politiker vorwärtskommen will, muss man manchmal auch einen Schritt zurückgehen. Das kann man vielleicht negativ interpretieren, aber ich lasse mich gerne daran messen, was ich erreiche.

Frühere SP-Hochbauvorsteher haben sich stärker exponiert als Sie. Ursula Koch mit der BZO, Elmar Ledergerber mit dem Stadion. Beide erlitten empfindliche Niederlagen. Agieren Sie deshalb vorsichtiger?
Ich mache nicht bewusst etwas anders. Aber ich will etwas erreichen. Das heisst: Ich muss nicht nur ein Ziel haben, sondern auch tragfähige Lösungen finden und politische Mehrheiten. Ursula Koch errang mit der damaligen BZO zunächst einen Sieg, aber danach geschah etwas, was man gar nicht wollte. Mit dem Kopf durch die Wand geht in der Schweiz nicht.

Bei den von Ihnen angesprochenen Vorfällen ging es um den Vorwurf, dass man sich fragt, wer im Hochbau wen steuert: der Vorsteher die Verwaltung oder umgekehrt. Wo haben Sie sich als Chef durchgesetzt?
Da gibt es einige Beispiele. Vorweg: Ich gebe meinen Fachleuten Spielraum, denn die haben ein riesiges Know-how, das man nutzen muss. Sie sind nicht da, um strammzustehen und Befehle zu empfangen. Aber ich gebe sehr wohl den Tarif durch. Zum Beispiel beim Schulhaus Blumenfeld. Dort gab ich den Auftrag, es für 10 Millionen Franken weniger zu bauen. Dasselbe beim Sportzentrum Heuried. Dort ging es um 20 Millionen. Ich sagte: so nicht.

Sie lachen?
Ja, dazu könnten Sie ein paar meiner Dienstchefs und -chefinnen befragen. Das macht nicht immer nur Freude. Was die Kosten angeht, steure ich ständig. Die Steuerung von unten gibt es nicht.

Als Sie letzte Woche die überarbeitete Revision Ihrer Bau- und Zonenordnung (BZO) präsentierten, buchstabierten sie durchs Band zurück.
Nein, das täuscht eindeutig. Was die grundsätzlichen Fragen angeht, die sich für Zürich stellen, hat sich nichts verändert. Wir sagen immer noch, dass es hier genügend Reserven gibt, um in den nächsten Jahren viel zu bauen – obwohl die Grundeigentümer starken Druck auf mich machten, mehr zuzulassen. Zugleich sagen wir, wie und wo die innere Verdichtung konkret stattfinden soll, indem wir mit einem kommunalen Siedlungsrichtplan ein neues, innovatives Mittel anwenden.

Die Förderung preisgünstiger Wohnungen kippte aus der BZO.
Das steht zwar nicht mehr in der BZO, dafür aber im regionalen Richtplan. Man muss diese beiden Instrumente immer gemeinsam betrachten. Ich liess die Idee nicht fallen, einen Anteil an preisgünstigen Wohnungen dort einzufordern, wo ein Grundstück durch eine Zonenänderung im Wert steigt. Wenn man von meiner politischen Agenda spricht, dann steht das ganz zuoberst.

Im linken Lager gibt es Stimmen, die Ihnen vorwerfen, beim preisgünstigen Wohnen zu wenig Dampf zu machen. Verstehen Sie die Enttäuschung angesichts von Überbauungen wie der Europallee?
An der Europaallee kann man nichts mehr ändern, aber die wurde lange vor meiner Zeit geplant. Schauen Sie auf die andere Seite des Bahnhofs, an die Zollstrasse. Dort habe ich ausgehandelt, dass ein Drittel an den preisgünstigen Wohnungsbau geht. Das Gleiche auf dem Areal Letzibach in Altstetten. Das sind klare Statements.

Und wie kamen Sie dazu, ursprünglich eine BZO-Revision vorzulegen, mit der sie die Genossenschaften vor den Kopf stiessen, indem sie das sogenannte Zürcher Untergeschoss strichen und ihnen so Wohnfläche wegnahmen? Die Genossenschaften sind doch die Kernklientel eines SP-Hochbauvorstands.
Wir haben es nicht gestrichen, sondern eingeschränkt. Das war eine Frage der Optik. Der raumplanerische Blick ist ein anderer als der, der von der eigenen Parzelle ausgeht. Wenn man über Stadtplanung spricht, versucht man, das Ganze im Auge zu haben, und aus dieser Sicht waren die Folgen der Änderung marginal. Die Gesamtkapazität der Stadt hätte sich kaum verändert. Der einzelne Grundeigentümer sieht das logischerweise anders. Er sieht, dass es für ihn einen Verlust bedeutet. Natürlich hätten wir das ahnen können, aber dafür gibt es ja das Einwendungsverfahren.

Ihnen war klar, was die ursprüngliche Lösung bedeutet hätte, und Sie fanden sie so in Ordnung?
Ja, weil es auf die Kapazität der Stadt keinen Einfluss hatte – das mussten wir auch dem Kanton nachweisen.

Es hat ihnen also nicht einer Ihrer Planer diesen Passus untergejubelt?
Nein, ich kenne meine Vorlagen sehr gut.

Wie war das beim Stadionprojekt? Sie sagten nach der verlorenen Abstimmung, Sie seien offen für ein privates Projekt. Warum haben Sie sich danach nicht zu Wort gemeldet, als die Stadt mit dem Festhalten an Ihrem alten Entwurf Privatinvestoren verärgerte?
Nach der Abstimmung wurde das zum Finanzgeschäft, denn seither geht es um Abgabe von Land an private Projekte. Da ist mein Kollege Daniel Leupi zuständig, und er wollte verständlicherweise zuerst mit diesen Privatinvestoren reden.

Darf man nicht den Anspruch haben, dass ein Hochbauvorsteher in solch wichtigen Fragen hinsteht und den Kurs vorgibt?
Doch, und als Hochbauvorsteher habe ich mich sehr ins Zeug gelegt für das Projekt, das abgelehnt wurde. Nach der Abstimmung wurde das aber wie gesagt zum Finanzgeschäft.

Nach der Abstimmung nicht mehr.
Das war ein interner Prozess. Ich machte die Ansage, dass wir offen sind für andere Lösungen. Aber dann musste man erst einmal den Stadtrat ins Boot holen.

Wo standen Sie in dieser Debatte?
Wir fanden in der Diskussion einen Konsens, dass wir am alten Projekt für die Wohnsiedlung und fürs Stadion festhalten wollten. Als wir dafür Kritik ernteten, ging es darum: Bewegt man sich oder nicht? Der Stadtrat hat entschieden, dem Wunsch der Investoren nachzukommen und sich zu bewegen. Das habe auch ich unterstützt. Ich bin überzeugt, dass wir jetzt eine tragfähige Lösung haben.

Und was fanden Sie vorher? Mussten Sie sich auch bewegen?
Ja, aber das war eine Diskussion, die intern geführt wurde, in der man den gesamten Stadtrat abholen musste.

Wenn es eine Diskussion gab, gingen die Meinungen auseinander.
(holt tief Luft) Das war etwas, was man ausdiskutieren musste.

Eine andere Grossbaustelle ist das Kasernenareal. Sind Sie zufrieden mit der präsentierten Lösung?
Ja, ich bin zufrieden. Ich habe seinerzeit das Bild vom Central Park geprägt. Wir sind zwar nicht New York, aber das Areal ist ein Ort von beachtlicher Grösse mitten in der Stadt. Indem er frei wird, tun wir Zürich und dem Quartier etwas sehr Gutes. Aber ich bin kein Sololäufer. Das Grundstück gehört dem Kanton.

Und der Kanton behält das grosse Kasernengebäude weiterhin für sich. Warum haben Sie dort nicht mehr rausgeholt für die Stadt?
Man muss sich fragen, was für die Stadt von vorrangiger Bedeutung ist. Für mich ist mit der Freigabe des ganzen Geländes das Grundanliegen erfüllt.

Hatten Sie keine Ansprüche, was das Hauptgebäude betrifft?
Natürlich gab es Diskussionen. Aber der Kanton hat auch Bedürfnisse, und ich glaube, man hat mit dem Bildungszentrum für Erwachsene, das er dort einquartiert, eine gute Lösung fürs Areal.

Im Ernst?
Ich finde, die Schule passt dorthin und belebt den Ort. Zudem wird das ganze Erdgeschoss geöffnet. Das ist entscheidend für die Stadt.

Das machte es für Sie erträglich, diese Pille zu schlucken?
Es ist nicht ein Schlucken. Nochmals: Wir sind nicht Eigentümer. Wir sind in Verhandlungen mit dem Kanton, das ist ein Geben und Nehmen, und wir haben sehr gut zusammengearbeitet.

Kommen wir noch zum Kongresszentrum. Sie wollten eines errichten auf dem Geroldareal in Zürich-West, aber dann hiess es plötzlich, man müsse stattdessen das alte Kongresshaus ausbauen. Warum dieses Hin und Her?
Das war kein Hin und Her. Es stimmt, ich bevorzugte für einen Neubau das Geroldareal. Aber die Verhandlungen dort scheiterten, und dann kam noch etwas anderes hinzu: Die Tonhalle und das Kongresshaus sind sanierungsbedürftig. Ursprünglich dachten wir, es genüge eine oberflächliche Pinselsanierung. Als wir aber genauer hinsahen, merkten wir: Das geht nicht, das muss man richtig anpacken. Damit bekam das auch eine finanzpolitische Dimension. Wenn man beides vorangetrieben hätte, die Sanierung und den Bau eines neuen Zentrums, wäre das ein Finanzabenteuer geworden. Deshalb fällte ich den Entscheid, die Reissleine zu ziehen.

Eine andere Version der Geschichte geht so: Wenn das Quartier und die linke Wählerschaft aufmuckt, wie beim Geroldareal geschehen, dann gibt der SP-Hochbauvorstand nach.
Der Tenor aus dem Quartier war nicht eindeutig. Natürlich gab es kritische Stimmen, da muss man immer gut hinhören. Aber wenn ich von einem Projekt überzeugt bin, verfechte ich es auch.

Gegen die Quartierinteressen?
Ich kann Ihnen ein Beispiel geben: Den Swissmill-Turm habe ich durchgesetzt gegen einige SP-Vertreter und gegen das Quartier, in dem ich selbst wohne. Aus Überzeugung.

Erstellt: 07.11.2014, 14:24 Uhr

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