«Ich habe dem Bundesrat die Leviten gelesen»

Anlässlich ihres 80. Geburtstages gab Emilie Lieberherr 2004 dem Tages-Anzeiger ein grosses Interview. Zu ihrem Tod wird es nochmals veröffentlicht.

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Frau Lieberherr, Sie feiern in beneidenswerter Kondition Ihren 80. Geburtstag. Würden Sie sich selbst als alt oder als Seniorin bezeichnen?
Das Wort Seniorin finde ich ein bisschen blöd. Entweder sind wir «älter» oder «alt». Das, was man früher «alt» nannte, das ist heute «älter». Mit der Veränderung der Lebenserwartung gehört man heute nicht zu den Alten, wenn man achtzig ist. Ich würde sagen, warten wir ab, bis ich neunzig bin, dann reden wir wieder vom Alter.

Sie haben das Alter noch vor sich.
Wir werden ja nicht nur älter, wir bleiben rüstig - das ist doch das Bemerkenswerte. Allerdings ist schon meine Grossmutter väterlicherseits im Toggenburg über achtzig geworden, ohne dass sie mir alt vorgekommen wäre. Mich faszinierte immer, wie sie aus der Neuzeit Sprünge in die Vergangenheit machen konnte. Sie war um 1850 geboren. Und ihre Grossmutter hatte noch die Französische Revolution erlebt. Als Schülerin hat mich diese Revolution als Zeitwende immer sagenhaft interessiert, und ich fragte meine Grossmutter oft, was man ihr aus dieser Zeit erzählt hatte.

Sie haben in der Familie oral history (mündliche Geschichtsüberlieferung) erforscht?
Ja, oral history wollte ich von ihr. Ich habe mich auch früh für Zeitungen zu interessieren begonnen. Ich weiss, dass ich schon in der zweiten Klasse den «Tages-Anzeiger» las. Diese Zeitung war die einzige, die damals in Erstfeld von Verträgern ausgetragen wurde. Mein Vater wollte, wenn er vom Dienst bei den SBB nach Hause kam, dass eine aktuelle Zeitung auf dem Tisch lag.

Und was würden Sie heute am liebsten als oral history weitergeben?
Ich habe ein gutes Gedächtnis. (Sie klopft dreimal auf den antiken Holztisch.) Ich erinnere mich ganz weit zurück. Und doch würde ich den Mädchen von heute zuerst vom Marsch auf Bern für das Frauenstimmrecht erzählen. Den habe ich am 1. März 1969 angeführt, das war das grosse Erlebnis für mich. Denn schon als Sekundarschülerin hatte ich Reden für das Frauenstimmrecht gehalten.

Ein frühes Engagement.
Ja, der Marsch auf Bern - wir haben so lange für das Frauenstimmrecht gekämpft . . . Ich stand auf der Tribüne am Bundesplatz und las dem Bundesrat die Leviten. Am Schluss sagte ich: «Jetzt nehmt alle eure Trillerpfeifen heraus und pfeift den Bundesrat aus, der nichts für uns tut.» Und die 5000 Frauen haben gepfiffen - das tut mir heute noch wohl. Damals bin ich übrigens von der Bundespolizei fichiert worden.

Dieser Auftritt ist Ihnen der wichtigste?
Ja, das war das Highlight meines Lebens. Am 14. September 1969 hatten wir dann das Frauenstimmrecht in der Stadt Zürich. Das war der Anfang der echten Anerkennung der Frauen. Das würde ich den Jungen erzählen. Ich erinnere mich aber auch noch sehr gut an den Zweiten Weltkrieg. Oder an meine Amtszeit als Stadträtin an die Jugendunruhen 1980, an die Drogenpolitik - und an mein erstes Geschäft, das ich 1970 im Stadtrat durchbrachte: Es war die Alimentenbevorschussung.

Den Marsch auf Bern leiteten Sie nicht als SP-Politikerin, sondern als Präsidentin des Konsumentinnenforums.
Ich war sogar noch nicht Parteimitglied, als ich von den Sozialdemokraten als Stadtratskandidatin aufgestellt wurde. Mein Motto war immer: Ich bin nicht die Wasserträgerin der Männer, solange es kein Frauenstimmrecht gibt, trete ich nicht in eine Partei ein. Aber ich machte bereits als Schülerin im Jugendparlament mit, meines Wissens als einziges Mädchen.

Hat die damalige Frauenbewegung für Sie Ähnlichkeiten mit der heutigen Bewegung der Alten?
Nein, das kann man nicht miteinander vergleichen. Zwar geht es in beiden Fällen um Emanzipation, aber bei den Frauen war es ein politischer Emanzipationskampf, und bei den älteren Leuten ist es ein Kampf um Solidarität. Das ist für mich weniger politisch. Sonst müsste ich fordern, man solle endlich mehr alte Leute in die Parlamente wählen. Aber dafür habe ich mich nie stark gemacht. Die Besserstellung der alten Menschen ist für mich eine Frage der sozialen Solidarität.

Sie waren nicht einmal in einer Partei und wollten Stadträtin werden?
Nein, eigentlich wollte ich gar nicht als Stadträtin kandidieren. Aber im Herbst 1969, am letzten Sonntag vor Ablauf der Frist, bin ich dazu überredet worden. Vertreterinnen der Frauenorganisationen und Gewerkschafterinnen sagten: Du hast immer für das Frauenstimmrecht gekämpft, jetzt kannst du nicht kneifen. Am gleichen Tag, an dem ich im März 1970 in den Stadtrat gewählt wurde, kamen auch die ersten Gemeinderätinnen ins Stadtparlament. Wir hatten alle null Erfahrungen auf diesem Parkett.

Aber Erfahrungen aus der Frauen- und der Konsumentinnenbewegung?
Ich war 1961 eine der Mitbegründerinnen des Konsumentinnenforums. Dieses Thema interessierte mich, seit ich etwa 1954 in meinem Ökonomiestudium an der Uni Bern eine Arbeit über amerikanische Konsumentenorganisationen geschrieben hatte. Adam Smith und andere Wirtschaftstheoretiker hatten viel über die Produktion und Verteilung von Gütern nachgedacht, aber wenig über den Konsum. Dabei ist das Konsumieren doch der Griff des Verbrauchers in die Wirtschaft hinein. Als mein Professor die Arbeit zurückbrachte, sagte er den 200 Studenten (unter ihnen waren nur drei Frauen): «Über dieses Thema und über die Verfasserin werdet ihr noch einiges hören.» Als ich dann 1961 von einem längeren Amerika-Aufenthalt zurückkam, war das Konsumentinnenforum am Entstehen, an dem ich mich sofort beteiligte. Vier Jahre später wurde mir das Präsidium angeboten. Im Konsumentinnenforum waren alle Parteien vertreten, auch deshalb fand ich es besser, als Präsidentin überparteilich zu bleiben.

Beruflich waren Sie damals Lehrerin an der Berufsschule für Verkaufspersonal. Konten Sie diese Erfahrung auch in der Politik verwerten?
Ja. Nach meiner Matur in Ingenbohl kam ich 1947 nach Zürich. Ich hatte in der Zeitung ein Stelleninserat gesehen: Verkaufstrainer gesucht. Bei Oscar Weber durchlief ich eine Schulung. Der berühmte Fussballer Poldi Kielholz war mein Ausbildner. Da musste ich in jeder Branche verkaufen. Auf diese Weise lernte ich, meine Scheu zu verlieren. Ich war damals noch eine Landpomeranze. Aber Verkaufstraining und Verkaufspsychologie haben mich interessiert. Das war eigentlich die Grundlage meiner ganzen politischen Tätigkeit. Im Verkauf muss man auf Menschen zugehen - das muss man in der Politik auch. Im Verkauf muss man herausfinden, was der Mensch will und braucht - das muss man in der Politik auch. Ich habe alles beim Verkauf gelernt.

Der Verkauf als Schule des Lebens?
Der Verkauf hat mich tatsächlich nie mehr losgelassen. Als Werkstudentin unterrichtete ich Verkaufspersonal. Und Ende der 50er-Jahre reiste ich durch Amerika und war im Dezember in Los Angeles. Ich sagte mir: In Amerika möchte ich einmal einen Weihnachtsverkauf erleben. Also meldete ich mich beim grössten Warenhaus und wurde in der Abteilung für die teuersten Toilettenartikel eingesetzt. Im Grunde genommen, bin ich eine geborene Verkäuferin.

Wenn Sie auf Ihr bisheriges Leben zurückschauen: Auf was sind Sie am meisten stolz?
Stolz bin ich darauf, dass es mir gelungen ist, ein Studium zu absolvieren zu einer Zeit, da Frauen nicht an die Universität gingen und Mädchen im Kanton Uri keine Mittelschule besuchen konnten. Es war damals nicht üblich, dass Kinder - erst recht nicht Mädchen - aus der Arbeiterklasse studierten. Ich aber wollte studieren, um einmal die Frauen zu vertreten. Zuerst dachte ich an ein Jus-Studium, doch dann wählte ich Ökonomie. Mit grosser Selbstüberwindung habe ich das - als Werkstudentin und ohne einen Franken vom Staat - erreicht. Aus all dem ist mein späteres Engagement für das Stimmrecht und für die Gleichberechtigung der Frauen erwachsen.

Falls Sie heute als liebenswürdige Diktatorin eine Veränderung verfügen könnten - was würden Sie durchsetzen wollen?
Dass Kinder nie unterdrückt, geplagt und missbraucht werden. Jedes Kind sollte die Chance haben, ein Leben in Frieden leben zu können. Und bei den Kindern gibt es ja auch die Buben. Als Sozialvorsteherin wurde ich ab und zu gefragt: «Sie setzen sich nur für Frauen ein. Wo bleiben denn wir Männer?» Darauf antwortete ich: «Ihr gehört zu den Jungen, und bei den Alten seid ihr auch dabei - doch als Männer brauche ich für euch nichts zu tun. Die Emanzipation des Mannes müsst ihr selber machen.»

(Tages-Anzeiger) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.01.2011, 15:58 Uhr

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