«Ich hatte das Gefühl: Da ist etwas nicht sauber»

Polizist Felix Wenger ermittelt bei Gewaltverbrechen und Tötungen wie dem Fall Hönggerberg von 2007. Die Kantonspolizei wirbt mit seinem Gesicht für ebenso tüchtigen Nachwuchs.

«Eigentlich mache ich den Job, den ich immer wollte»: Felix Wenger, Spezialist für Kapitalverbrechen. Foto: Sabina Bobst

«Eigentlich mache ich den Job, den ich immer wollte»: Felix Wenger, Spezialist für Kapitalverbrechen. Foto: Sabina Bobst

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Das Plakat – es hängt derzeit in Zürich aus – ist starke Fotografie. Oder liegt es an der abgebildeten Person, dass man sich nicht leicht wieder löst? «Beenden Sie meine Karriere» steht da, darüber ein ins Finstere gerücktes Gesicht: Mit dem Mann möchte man keinen Streit. Seine Augen fixieren den Betrachter.

Die ironisch hochgezogenen Brauen wirken, als durchschaue er dessen Ausreden. Und die geschlossenen Lippen unter dem Schnauz signalisieren: Fertig geredet, Bürschchen, ich weiss, dass du es warst! Mit dem Plakat, perfektem Krimidesign, sucht die Kantonspolizei Zürich Nachwuchs. Das Foto zeigt Felix Wenger, Spezialist für Kapitalverbrechen. Er ist einer der Polizisten, die sich für die Kampagne zur Verfügung gestellt haben.

Sporttrophäen- und fotos

Dieses Gesicht will man kennen lernen. An einem Mittwochmorgen kommt es zum Treffen bei der Kripo an der Zürcher Zeughausstrasse. Wenger reicht die Hand, muss aber noch kurz für eine Minute oder zwei zurück an seinen Computer, um etwas zu beenden – Zeit, sein Büro zu mustern, in dem auch ein junger Schweizer mit Wurzeln in Bangladesh sitzt; Wenger bearbeitet gerade einen Fall, für den er einen Dolmetscher braucht. Das Büro ist . . . ein Büro. An der Wand hängen Sporttrophäen und -fotos. Aus dem schriftlichen Lebenslauf, den man erhalten hat, geht hervor, dass Wenger aktiver Handballer bei Pfadi Winterthur war und es als Junior in die Nati A brachte.

Mit 56 ist der frühere Sportler freilich ein wenig fülliger, der Bauch unter dem Hemd unübersehbar. Wenger trägt sportliche Freizeitschuhe, weiss aber um die Grenzen seiner Fitness: «Ich war mal auf 90 Kilo, jetzt bin ich wieder im 100er-Klub. Die Bänder sind vom Sport halt doch ein wenig ramponiert. Und man geht sowieso kaum noch joggen, wenn man um sieben oder so heimkommt.»

Der erste Fall blieb ungeklärt

Gewiss ist der Job bei der Abteilung Kapitalverbrechen streng und belastend. Wenger ist Adjutant, was unspektakulär tönt; in Deutschland wäre er der «Herr Kriminalhauptkommissar». In seiner langen Laufbahn hat er viel Dramatisches und Tragisches erlebt. Sein erstes Tötungsdelikt – das war auf der Duttweilerbrücke in Zürich: Ein türkischer Metzger wurde auf dem Weg zur Arbeit bei der Migros Herdern erschossen. Der junge Polizist Wenger war damals noch eine Art Lehrling, Sekretär des Bezirksanwalts: «Als Protokollführer erlebte ich die Einvernahmen, sah, welcher Riesenaufwand bei einer solchen Ermittlung betrieben wird. Und wie präzise man arbeiten muss.» Als Tatmotiv wurde Blutrache vermutet, es gab einen Verdächtigten, doch zu einer Festnahme kam es nie.

Bei der Abteilung Kapitalverbrechen hat Wenger seit 1998 unter anderem gut 30 Tötungsdelikte bearbeitet. In einigen Fällen war er Hauptsachbearbeiter. Er leitete die polizeilichen Ermittlungen im Auftrag und in enger Absprache mit der Staatsanwaltschaft und dem zuständigen Staatsanwalt, was heisst: Man lädt Leute zum Verhör, prüft und beantragt Überwachungsmassnahmen, setzt die Kollegen ein, hält den Kontakt zur Gerichtsmedizin und der Spurensicherung. Am Frührapport um 7.30Uhr wird die anstehende Ermittlungsarbeit auf die 15 Spezialisten – 12 Männer und 3Frauen – verteilt. Ein bekannter Fall, an dem Wenger beteiligt war, war die Tötung von Hönggerberg. 2007 wurde eine junge Frau bei einer Bushaltestelle von einem Unbekannten aus der Distanz erschossen.

Wenger erzählt: «Ich vernahm damals den Mann, der später als Täter feststand. Er war aufgefallen, als er sich am Tatort herumtrieb. Ich hatte das Gefühl: Da ist etwas nicht sauber. Ich bot ihn als Auskunftsperson auf, befragte ihn von neun Uhr morgens bis Viertel vor zwölf nachts, natürlich verbunden mit weiteren Ermittlungshandlungen wie Hausdurchsuchung und Pausen. Ich merkte, dass es in ihm arbeitete. Am nächsten Morgen gestand er.»Wengers Dienst heisst bald nicht mehr «Kapitalverbrechen», sondern «Leib und Leben».

«Zum Job gehört, dass man offen und neugierig bleibt»

Der Doppelname ist so bildhaft wie genau; es geht nämlich in dieser Abteilung nicht nur um Mord und Totschlag, sondern auch um Delikte, bei denen Menschen bedroht oder gefährdet werden. Etwa eine Reihe von Raubüberfällen auf Tankstellen 2006, mit Beginn in Zürich-Schwamendingen, wobei auch geschossen wurde. Schliesslich verhaftete die Polizei einen Dominikaner und seinen Mittäter aus Venezuela. «Geographic profiling» hatte geholfen. Dabei analysiert man die Tatorte («Jagdgebiet») und versucht zu bestimmen, wo die Täter leben («Ankergebiet»). Wenger über Innovation: «Zu unserem Job gehört, dass man offen und neugierig bleibt und neue Methoden annimmt.»

Zum Beispiel die 3-D-Simulation. Wenger lädt eine DVD in seinen Computer, lässt einen Film ablaufen. Man sieht mehrere schematisierte Personen in einem Raum, die sich bewegen, zur Seite werfen, ducken oder irgendwie an einer Person kleben; diese eine Person schiesst, die Bahn der einzelnen Kugeln ist exakt nachgezeichnet.

Wenger selbst hat nie geschossen

Es handelt sich um die Rekonstruktion einer Rangelei in einem Internetcafé an der Zürcher Josefstrasse 2006. Damals wollten Polizisten einen dominikanischen Dealer anhalten. Der Dealer, der 100 Gramm Kokain in den Socken trug, schoss siebenmal. Ein Wunder, dass bloss einer der Polizisten verletzt wurde, und erst noch nur leicht an der Hand. Der Polizeifilm zeigt die Abläufe exakter, als man es sprachlich schildern kann. «So etwas macht auch dem Richter Eindruck.»

Hat Wenger selber einmal geschossen? Nein, sagt er und erzählt eine Geschichte, die aus dem Abstand lustig klingt: Vor Jahren wird Wenger zu einem Einbruch gerufen. Er, ein Kollege und ein Polizeiaspirant fahren zu dem Haus, er befiehlt dem Kollegen, draussen zu warten, und dreht mit dem Aspiranten eine Runde um das Haus. Plötzlich ein Schuss im Inneren. Der Kollege ist wider die Anweisung ins Haus gegangen. Dort hört er im Bad Geraschel, der Duschvorhang bewegt sich, der Kollege schiesst. Es ist die Katze, die vom Täter in der Dusche eingeschlossen wurde. Sie bleibt unverletzt.

Die richtige Partnerin gefunden

In Krimis sind Kriminalkommissare oft traumatisiert von dem, was sie zu sehen bekommen. Felix Wenger sagt, wie es ihm mit der Gewalt ergeht; es klingt weniger fatal. «Man muss am Tatort ruhig bleiben, lose und luege. Aber natürlich gibt es Dinge, die unangenehm sind. Etwa, wenn bei einer Leiche schon die zweite, dritte Generation Fliegen unterwegs ist. Die Aufgabe trägt einen in solchen Situationen.» Er klaubt ein Foto aus einer Akte: ein Mann, tot, erdrosselt, Körper und Kopf halb in eine Plane gewickelt und verkohlt; die Täter versuchten, die Leiche zu verbrennen.

«Du brauchst die richtige Partnerin für diesen Job», sagt Wenger; ab und zu müsse man halt arbeiten, solange es nötig sei. «Wenn ein Fall im Anlaufen ist, gehe ich heim, schlafe vier, fünf Stunden, dann rumort es wieder in mir, und ich grüble: Was muss ich als Nächstes machen, was steht an, was darf ich nicht übersehen oder habe ich übersehen?» Hart sei der Umgang mit Angehörigen von Opfern: «Wenn Sie die Eltern befragen über das Leben ihres Sohnes oder ihrer Tochter – das geht nahe, gerade wenn man selber Kinder hat.» Und belastend sei auch, wenn eine Ermittlung stagniert. «Dann ist es wichtig, dass man in einem anderen, auch kleineren Fall Erfolg hat. Das baut auf.»

Schon Wengers Vater war bei der Kripo

Wenger lebt mit seiner Frau in Hinwil, die zwei Kinder sind erwachsen. Er ist mit dem dortigen Pfarrer befreundet, jedes Jahr einmal verreisen die zwei ins Ausland, als Leiter des Konfirmandenlagers. «Da reden wir auch über belastende Ereignisse. Das tut gut.» Aber eigentlich mache er «den Job, den ich immer wollte und auf den ich hinwirkte». Sein Vater war schon bei der Kripo, zuletzt als Bezirkschef in Andelfingen: «Der Vater hatte sein Dienstzimmer in der damaligen Wohnung. Wenn Einvernahmen stattfanden, mussten wir Kinder auf unser Zimmer oder die Wohnung verlassen.»

Und die Plakataktion mit seinem Gesicht? «Es ist wie im Sport, wo ich zuerst selber spielte und dann Trainer wurde», sagt Felix Wenger. «Jetzt bin ich als Polizeier an einem Ort, wo ich an den Nachwuchs denke, an die Zukunft nach mir.» Es hätten sich dank der Werbung auch schon Interessenten gemeldet. Er selber will noch einige Zeit weiter Kriminalpolizist bleiben: «Sechs, sieben weitere Jahre sollen es schon sein, dann überlege ich, ob ich den Abgang mache.»

Erstellt: 28.04.2012, 08:02 Uhr

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