«Ich kann nicht verstehen, warum sich Mütter dagegen wehren»

Könnten Kinder in der Schule essen, würde das viele Eltern entlasten. Doch oftmals lehnen gerade Mütter Einrichtungen wie Tagesschulen ab. Laut Ellen Ringier möchten sie damit ihre Existenz absichern.

Werde in Gesellschaft von Gleichaltrigen besser sozialisiert: Ein Junge auf dem Schulweg.

Werde in Gesellschaft von Gleichaltrigen besser sozialisiert: Ein Junge auf dem Schulweg. Bild: Keystone

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Wenn die Kinder eingeschult werden, möchten viele Mütter wieder arbeiten. Aber oft beginnt der Kindergarten später als die Geschäftssitzung. Oder die Mittagspause ist zu kurz, um zu Hause ein gesundes Menü auf den Tisch zu zaubern. In solchen Situationen kommen Eltern schnell an ihre Grenzen.

Damit sich Frauen nicht zwischen Kindern und Beruf entscheiden müssen, forderten FDP-Kantonsrätinnen Ende Dezember in einer Interpellation die versuchsweise Einführung von Tagesschulen in sämtlichen Quartieren von Winterthur und Zürich.

Für mehr Tagesschulen spricht sich auch Ellen Ringier, Präsidentin der Stiftung Elternsein und Herausgeberin des Magazins «Fritz und Fränzi» aus: «Es gibt viele gute Gründe für ein flächendeckendes Angebot an Tagesschulen.» Schliesslich gebe es nichts Unsozialeres als die Vorstellung, Kinder über Mittag nach Hause zu schicken, wo sie sich alleine tiefgefrorene Fischstäbchen aufwärmen müssen.

«Normale Familien»

In vielen anderen Ländern sei es das Normalste der Welt, dass Kinder fremdbetreut werden. «Ich kann nicht verstehen, warum man sich in der Schweiz so vehement gegen diese Idee wehrt», sagt Ringier.

Kinder würden in Gesellschaft von Gleichaltrigen besser sozialisiert als zu Hause und auch für den Schulbetrieb sei es förderlich, wenn die Kinder über Mittag in der Schule bleiben, ist die Familienexpertin überzeugt: «Wenn die Schulkinder nach einem längeren Unterbruch in die Schule zurückkehren, muss sie der Lehrer erneut in den Unterricht holen.»

Die Geschäftsfrau und SVP-Kantonsrätin Theresia Weber-Gachnang ist damit nicht einverstanden. Das treffe vielleicht für Einzelkinder zu: «Ich finde es unglaublich überheblich, wenn gesagt wird, dass sich Kinder in einer Betreuungsstruktur besser sozialisieren als Kinder, die in einer normalen Familie aufwachsen, in der die Eltern die Erziehungsverantwortung übernehmen.»

Familie oder Beruf

Ringier vermutet hinter der Ablehnung von Tagesschulen einen anderen Grund: «Mütter wehren sich gegen ganztägige Betreuungsstätten, weil sie ihnen die einzige substanzielle Rechtfertigung für ihren Tagesablauf entziehen würden.» Privatschulen hätten deswegen einen so grossen Zulauf, weil Kinder und Eltern dort ein flexibles Betreuungsangebot erhalten.

«Wer Kinder hat, soll Kompromisse eingehen, auch berufliche», fordert hingegen die SVP-Kantonsrätin Theresia Weber-Gachnang. Dies gelte für Männer wie für Frauen. «Wenn beide Elternteile die Arbeit als persönliche Freiheit ausleben wollen, kann es nicht die Aufgabe des Staates sein, deren Kinder zu hüten.»

Einkommensabhängige Finanzierung

Dass Tagesschulen den sich verändernden Familienstrukturen entgegenkommen, lässt Weber-Gachnang nicht gelten: «Ich finde es traurig, dass es fast schon normal ist, alleinerziehend zu sein.» Wenn sie sehe, dass die traditionelle Familie langsam ein Auslaufmodell sei, sorge sie sich um die Zukunft der Schweiz.

Die Zwickmühle sozial schwächerer Familien, die auf das Einkommen der Mutter angewiesen sind, erkennt aber auch die SVP-Politikerin. Tagesschulen seien in diesen Fällen ein Lösungsansatz, «dann begrüsse ich auch die einkommensabhängige Finanzierung».

Erstellt: 30.01.2012, 15:16 Uhr

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