«Ich spürte die Hitze des Blitzes am Arm und im Gesicht»

Seit 14 Jahren jagt Cyrill Steiger Gewitter. Auch an diesem Wochenende macht er sich auf die Suche nach dem schönsten Blitz – und nach dem Kick, wenn er nur wenige Meter neben ihm einschlägt.

Der Blitzschlag: Cyrill Steigers Video aus 12 Metern Nähe. (Video: Youtube.com)


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Steiger, wieso gehen Sie auf Sturmjagd?
Mein Ziel ist es, die Schönheit der Blitze und der Gewitter zu zeigen und diesen noch nicht restlos erforschten Wetterphänomenen auf den Grund zu gehen. Für gute Fotografien und Videoaufnahmen lege ich Tausende von Kilometern pro Jahr zurück.

Wie finden Sie heraus, wo die «schönsten» Blitze einschlagen?
Dazu muss ich rund 30 verschiedene Parameter auswerten. Die Luftfeuchtigkeit spielt dabei genauso eine Rolle wie Warmluftströmungen, Windprofile oder Luftdruck. Aufgrund dieser unterschiedlichen meteorologischen Daten kann ich dann die Gewitterwahrscheinlichkeit berechnen. Bei den Kalkulationen spielt natürlich auch meine langjährige Erfahrung eine grosse Rolle.

Normalerweise sucht man Schutz vor einem Gewitter. Sie gehen mitten hinein. Ein gefährliches Hobby!
Gefährlich ist es auf jeden Fall. Die Blitze haben unglaubliche Stromstärken und auch die orkanartigen Böen sind sehr kräftig. Für die meisten kommen Gewitter überraschend. Darin liegt der Unterschied. Ich habe in meinen 14 Jahren Erfahrung als Sturmjäger schon Hunderte Gewitter und zigtausend Blitze erlebt und gesehen und kann die Gefahr gut einschätzen.

Hatten Sie noch nie Angst?
Doch, es gab eine gefährliche Situation, bei der ich in der Nähe von Winterthur von einem Gewitter überrascht wurde. Ich war damals in meiner Freizeit mit meinem Hund im Wald unterwegs und konnte durch die Bäume hindurch nicht erkennen, dass sich ein Gewitter rasch näherte. Plötzlich schlug 60 Meter vor uns ein Blitz in einen Baum ein. Da wurde es mir schon sehr mulmig. Wenn ich auf Gewitterjagd bin, kann das nicht passieren. Dann bin ich sehr konzentriert und habe die Übersicht. Respekt habe ich immer; aber Angst nicht.

Sind Sie danach jemals wieder einem Blitz so nahe gekommen?
Ja, sogar viel näher. Am 12. Juli 2011 ist quasi ein alter Traum von mir in Erfüllung gegangen: 12 Meter neben meinem Auto schlug ein Blitz ein – und ich konnte ihn auf Video aufnehmen. Ich spürte die Hitze des Blitzes am Arm und im Gesicht. Und ich spürte die Druckwelle. Der peitschende Knall des Donners ist gleichzeitig zu hören; sogar ein Knistern der sogenannten Fangladung.

Haben Sie das vorausberechnet?
Ja, damit habe ich gerechnet. Mein Ziel war, einen solchen Naheinschlag auf Video zu bannen, dass der Blitz neben meinem Auto oder ins Auto selbst einschlägt. 150 Meter Distanz und mehr zum Einschlagsort habe ich schon oft erlebt. Das Ultimative steckt im Seltenen.

Das kann lebensgefährlich sein!
Zugegeben: Ich bin in dieser Hinsicht schon sehr wagemutig. Aber ich brauche diesen Adrenalinkick.

Bleibt nach diesem Wahnsinnserlebnis überhaupt noch ein Wunsch offen?
Es gibt noch vieles, das in meiner «Sammlung» fehlt. Ich würde beispielsweise gerne einen Kugelblitz filmen, denn ich glaube fest daran, dass es sie wirklich gibt. Auch würde ich gerne ein Bild von einem sogenannten Red Sprite oder Blue Jet machen. Diese Blitzarten wurden vor nicht allzu langer Zeit entdeckt und können bis zu 100 Kilometer in die Stratosphäre hinaufreichen.

Und welche Prognosen stellen Sie für das Wochenende?
Meine Berechnungen zeigen, dass heute Nacht um circa 22–23 Uhr eine aktive Gewitterzelle ins Tessin kommen wird. Danach ziehen noch einige kräftige Zellen von Mailand Richtung Bergamo. Ich überlege mir deshalb gerade, ob ich ins Tessin fahren soll. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.08.2011, 16:31 Uhr

Der Sturmjäger

Cyrill Steiger ist Sturmjäger aus Leidenschaft. «Ich ging schon als 6-Jähriger oft mit meinem Vater segeln. Dabei habe ich die unbändige Natur, die Kraft der Winde und der Gewitter erlebt. Diese nicht beherrschbare Gewalt übte schon früh eine spezielle Faszination auf mich aus», sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch.

Vor 14 Jahren hat Steiger als Hobby mit dem Stormchasen angefangen – «just ein Jahr bevor der Film ‹Twister› einen regelrechten Sturmjäger-Boom auslöste».

Der gelernte Werbefotograf und freischaffende Journalist betreibt selbst Forschungsarbeiten über Blitze und Gewitter und erstellt regelmässig Prognosen auf dem Schweizer Sturmforum. Steiger wurde 1960 geboren und lebt in Winterthur.

Artikel zum Thema

Blitz und Donner über Zürich

In der vergangenen Nacht entlud sich ein kräftiges Gewitter über Zürich. Tagesanzeiger.ch zeigt deshalb die spektakulären Biltz-Bilder von Keystone-Fotograf Alessandro Della Bella aus vergangenen Jahren. Mehr...

Blitz schlug in Wohnhaus ein

In Uster hat gestern Sonntagnachmittag ein Blitz in ein Wohnhaus eingeschlagen. Der Schaden beträgt über 20'000 Franken. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Neue Perspektiven der Schweiz erleben

Die Air Zermatt AG und der Autovermieter Hertz sorgen für eine sichere und erlebnisorientierte Mobilität, die neue Perspektiven eröffnet.

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Nations League mit Delikatesse

Wettermacher Der Name der Hose

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...