«Ich war mit der Genua-Untersuchung überlastet»

ETH-Experte Bernhard Elsener hat als Gutacher für den Brückeneinsturz in Genua demissioniert. Auslöser war die Kritik italienischer Anwälte.

ETH-Professor Bernhard Elsener: «Wenn ich weiter als Experte gearbeitet hätte, wäre ich in ein Burnout gelaufen.» Bild: Manuela Matt

ETH-Professor Bernhard Elsener: «Wenn ich weiter als Experte gearbeitet hätte, wäre ich in ein Burnout gelaufen.» Bild: Manuela Matt

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ETH-Professor Bernhard Elsener ist einer von drei Experten, die im vergangenen Herbst mit der Beurteilung des Brückeneinsturzes von Genua betraut worden sind. Zuletzt geriet er aber in die Kritik, wie der «Blick» berichtete. Dies, weil er im Tessiner Fernsehen sagte, dass die Morandi-Brücke heute noch stehen würde, wenn alle Trägerteile verstärkt worden wären. Mit diesen Aussagen ging der Experte, der auch Gemeindepräsident von Rüschlikon ist, nach Ansicht der Anwälte der Beschuldigten und der zuständigen Staatsanwältin zu weit. Elsener sollte deshalb laut italienischen Medienberichten das Mandat entzogen werden – eine Massnahme, der er jetzt mit seiner Demissionierung zuvorkommt.

Sie sagten im letzten September, es sei eine grosse Ehre und Anerkennung für Ihr berufliches Schaffen, als Brückenexperte nach Genua berufen worden zu sein. Nun hören sie auf, wieso?
Ich war überlastet. Ich habe eine Professur in Sardinien. Von Februar bis Ende Juni gebe ich dort jede zweite Woche Vorlesungen. In der anderen Woche musste ich jeweils nach Genua fahren. Ich wollte aber auch noch zu Hause sein, nicht zuletzt bin ich auch Gemeindepräsident in Rüschlikon, ein Amt, das mir Freude macht.

Es soll auch Druckversuche auf Sie gegeben haben.
Ja, es gab Diskussionen mit Anwälten. Das war aber nur der Auslöser. Der Grund für meine Demission ist die zeitliche Belastung. Wenn ich weiter als Experte gearbeitet hätte, wäre ich in ein Burnout gelaufen. Ich spürte die Belastung körperlich.

«Ich ging davon aus, dass ich vor allem fürs Aktenstudium beigezogen würde. Aber wir mussten Trümmer analysieren.»

War das Ausmass der Arbeit nicht absehbar?
Ich dachte, an Weihnachten sei die Arbeit erledigt. Als ich letzten September ernannt wurde, ging ich davon aus, dass ich vor allem für das Aktenstudium beigezogen würde. Wir mussten aber die Trümmer sichern und analysieren, dann auch die Teile der abgebrochenen Morandi-Brücke anschauen und dokumentieren, damit sie bei einem Gerichtsprozesses verwendet werden können.

Die Arbeit ist also noch nicht so weit wie ursprünglich geplant?
Es geht immer noch darum, Beweise zu sichern, und noch nicht um die Frage der Ursache. Die Untersuchung kann noch lange dauern.

Was ist mit dem Gutachten der Empa in Dübendorf passiert?
Die Eidgenössische Materialprüfungsanstalt Empa hat das Gutachten fristgerecht im Dezember abgegeben. Es ist aber noch unter Verschluss. Alles bleibt geheim, bis das Beweissicherungsverfahren abgeschlossen ist. Die Empa hat keine Folgeaufträge im Zusammenhang mit der Morandi-Brücke erhalten. Die Brückenteile, die nach Dübendorf geliefert worden sind für die Untersuchung, sind bereits vor Weihnachten wieder zurückgeschickt worden.

Sie sind als Experte beigezogen worden nicht zuletzt, weil Sie als Schweizer unabhängig sind. Wie geht es nun weiter?
Meine beiden Kollegen, mit denen ich sehr gut zusammengearbeitet habe, sind genauso unabhängig wie ich. Hier besteht keine Gefahr.

«Die Kollegen, mit denen ich gut zusammengearbeitet habe, sind genauso unabhängig wie ich. Hier besteht keine Gefahr.»

Würden Sie eine solche Aufgabe wieder annehmen, wenn Sie gefragt würden?
Aufgrund der Erfahrung und der hohen zeitlichen Belastung nur noch, wenn das Ende klar definiert ist.

Wie sieht es jetzt in Genua am Unglücksort aus?
Gegenwärtig laufen die Abbrucharbeiten auf der Westseite der Brücke. Auf der Ostseite stehen die beiden Pfeiler noch.

In einem Jahr soll bereits eine neue Brücke stehen. Glauben Sie daran?
Wenn Sie in Genua mit den Leuten sprechen, glaubt niemand daran.

Erstellt: 02.05.2019, 09:14 Uhr

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