«Ihm standen alle Türen offen für ein sorgen- und deliktfreies Leben»

Laut Richter Jürg Meier tötete der Galeristensohn seinen Freund «äusserst brutal und grausam». Jetzt muss er zwölfeinhalb Jahre ins Gefängnis. Die Verteidigung will den Fall weiterziehen.

Muss zwölfeinhalb Jahre ins Gefängnis: Der verurteilte Galeristensohn vor Gericht. Illustration: Robert Honegger

Muss zwölfeinhalb Jahre ins Gefängnis: Der verurteilte Galeristensohn vor Gericht. Illustration: Robert Honegger

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Wer irgendeine Reaktion auf das soeben Gehörte erwartete, der wartete vergeblich. War ihm bewusst, dass er – von der Höhe der Strafe einmal abgesehen – gerade das für ihn schlimmstmögliche Urteil erhalten hatte? Das Bezirksgericht Meilen hat ihn wegen vorsätzlicher Tötung, qualifizierter Vergewaltigung, mehrfacher teilweise qualifizierter sexueller Nötigung und wegen diverser Strassenverkehrsdelikte zu einer Freiheitsstrafe von zwölfeinhalb Jahren verurteilt. Davon hat er bereits 913 Tage verbüsst. Zudem ordnete das Gericht eine ambulante Suchtbehandlung während des Strafvollzugs an.

Aussergewöhnlich sind auch die Nebenfolgen seiner Delinquenz. Den Hinterbliebenen des toten Freundes und dem Vergewaltigungsopfer muss er Genugtuungen von insgesamt 75'500 Franken und Schadenersatz von fast 56'000 Franken bezahlen. Dazu kommen Prozessentschädigungen von 195'000 Franken sowie Gerichts- und Untersuchungskosten von 274'000 Franken. Nur seine Verteidigerkosten in Höhe von 156'000 Franken werden fürs Erste auf die Gerichtskasse genommen. Vorbehalten bleibt eine Nachforderung, sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse des Galeristen und Kunsthändlers erlauben.

«Sieht sich vor allem als Opfer»

Gerichtspräsident Jürg Meier sprach von einer «äusserst brutalen und grausam ausgeführten Tat», die sich am 30. Dezember 2014 in der elterlichen Villa in Küsnacht ereignet hatte. Der deutsche Staatsbürger, damals vollgepumpt mit Kokain und dem in der Anästhesie verwendeten Schmerzmittel Ketamin, hatte seinen «sehr guten, langjährigen Freund», den 23-jährigen Alex, mit einem sechs Kilogramm schweren Kerzenständer niedergeschlagen. Dann prügelte er mit einer fast zwei Kilogramm schweren goldenen Skulptur und einer antiken Dekorationsfigur weiter auf ihn ein, rammte dem noch lebenden Freund eine Kerze in den Rachen und erwürgte ihn schliesslich.

Umstritten und auch für das Gericht die zentrale Frage war: In welchem Zustand hat der 32-Jährige seinen Freund getötet? Hatte er, durch die Drogen ausgelöst, in einem psychotischen Schub dem 23-Jährigen laut Richter Meier «im wahrsten Sinne des Wortes den Schädel eingeschlagen»? Traf es also zu, dass sich Alex in jener Nacht quasi vor seinen Augen in einen grünen Alien mit roten Augen und langen Ohren verwandelt hatte, der ihm nach dem Leben trachtete und dessen Leben er auslöschen musste, um sein eigenes Leben retten zu können?

Diese Version der Geschichte mochte das Gericht nicht glauben. Jürg Meier sezierte die diversen Aussagen des Beschuldigten während der Strafuntersuchung; vor Gericht schwieg dieser zu den Vorwürfen. Es sei nicht zu übersehen, dass diverse Angaben der Wahrheit entsprechen. Aber ebenso auffallend sei, dass er im Laufe der Untersuchung seine Aussagen relativierte, zum eigentlichen Tatgeschehen wenig Detailliertes sagte und sich – bevor er überhaupt eine fehlende Erinnerung geltend machte – im Wesentlichen nur an Sachen erinnern konnte, die alle Schuld am Geschehen Alex zuschoben. Zudem habe der 32-Jährige, der sich «vor allem in der Opferrolle sieht», Angaben gemacht, die nicht zu dem bei Alex festgestellten Verletzungsbild passten.

Direkter Tötungsvorsatz

Auch die Aliengeschichte, die er erst fast ein Jahr nach seiner Verhaftung erstmals vorbrachte, sei «nicht glaubhaft», weil sie «inhaltlich schwer nachvollziehbar» sei und es ihr «an jeglichen Realitätskriterien mangelt». Das Bezirksgericht orientierte sich an den ersten Angaben des Beschuldigten, die er wenige Stunden nach der Tat bei der Hafteinvernahme zu Protokoll gegeben hatte. Demnach war es in jener Nacht in der elterlichen Villa zu einem Streit zwischen den beiden Männern gekommen. Zum einen ging es um die schwedische Volksmusik, die abgespielt wurde. Zum andern drehte sich der Streit um die Frage, ob man mit dem Konsum von Ketamin aufhören soll.

Den genauen Ablauf der Auseinandersetzung zwischen den durch Drogen euphorisierten Männern konnte auch das Gericht nicht rekonstruieren. Es ging aber davon aus, dass Alex den 32-Jährigen zuerst in den gläsernen Wohnzimmertisch stiess. Darauf habe der Beschuldigte mit einer «deutlich überschiessenden Reaktion» geantwortet. Dass er Alex eine Kerze in den Rachen rammte, zeige, dass er dessen Tod wollte. Deshalb sei er wegen direktvorsätzlicher Tötung zu verurteilen.

Auch die Beurteilung der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigungen stellte für das Gericht eine besondere Herausforderung dar. Denn das betroffene Opfer, die damalige Freundin des Galeristen, hatte erst 13 Monate nach der Tat Strafanzeige erstattet. Zuvor war sie – im Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt an Alex – dreimal von der Polizei befragt worden, ohne die Vergewaltigung zu erwähnen. Das Gericht glaubte den «hochgradig detaillierten, farbigen, mit zahlreichen Nebensächlichkeiten und originellen Assoziationen» versehenen Schilderungen der Frau. Demgegenüber habe der Beschuldigte «keine kohärenten», zum Teil nachweislich falsche Angaben gemacht. Zudem passe ein solches Delikt auch zur Persönlichkeit des 32-Jährigen, der vordergründig nett, aber eben auch ganz anders sein könne, «wenn es nicht nach seinen Vorstellungen läuft».

Schwer beeinträchtigt

Bei der Festsetzung der Strafe von zwölfeinhalb Jahren berücksichtigte das Gericht auf der Grundlage eines ergänzten Gutachtens die schwere Verminderung der Schuldfähigkeit im Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt. Der Stoss in den Tisch habe zu diesem «unkontrollierten Ausbruch von Aggression» geführt. Objektiv sei die Tat in der Nähe des Mordes, bei einem schweren Verschulden anzusiedeln. Dieses werde aber durch die verminderte Zurechnungsfähigkeit stark relativiert.

Die Sexualdelikte bezeichnete Richter Jürg Meier als «rabiat und gefühlskalt». Der Mann – ihm standen laut Meier «alle Türen offen für ein sorgen- und deliktfreies Leben» – habe seine Partnerin nicht nur gedemütigt, sondern auch in Todesangst versetzt. Es sei nachvollziehbar, dass es sich für die betroffene Frau um ein «äusserst traumatisches Erlebnis» gehandelt habe.

Zu seinen Gunsten wurde berücksichtigt, dass die Untersuchung lange dauerte und dass er zu Beginn teilweise geständig war. «Von gereifter Einsicht und Reue» könne aber «nicht ansatzweise die Rede sein». Was er gesagt habe, «waren blosse Lippenbekenntnisse».

Äussern sich zum Urteil: Staatsanwalt Alexander Knauss und der Medienanwalt des Beschuldigten Andreas Meili. Video: Stefan Hohler/Tamedia (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2017, 22:03 Uhr

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