Im Bann des Brandstifters

22-mal schlug der Feuerteufel von Elgg zu. Die Polizei hat Verdächtige verhaftet und wieder freigelassen. Im Städtchen wächst die Sorge.

Angst und Argwohn sind allgegenwärtig: In Elgg und Umgebung geht ein Brandstifter um.

Angst und Argwohn sind allgegenwärtig: In Elgg und Umgebung geht ein Brandstifter um. Bild: Nicola Pitaro

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Elgg ist ein 4000-Seelen-Städtchen wie aus dem Bilderbuch. Doch unter der idyllischen Oberfläche brodelt es, seit immer wieder Holzbeigen und leere Gebäude in Flammen aufgehen. «Es ist einer von uns», sind sich die Elgger sicher. Sie misstrauen dem Hündeler, der nachts spazieren geht. Dem Reiter, der spät noch durch den Wald trabt. Dem unbekannten Autofahrer, der vor Strohballen oder einer Scheune hält. Der Feuerwehr, die immer so schnell zur Stelle ist, wenn es brennt. Doch darüber sprechen die Elgger nur hinter vorgehaltener Hand.

Im Volg ist der Brandstifter ein Small-Talk-Thema. Die Kundin, die fürs Wochenende einkauft, wohnt beim Oberhof, wo es zuletzt gebrannt hat. Es geht ihr besser, sie kann wieder schlafen. Die nächste Kundin, eine Schülerin aus Elgg, denkt täglich an die Brände. Sie wohnt mit ihrer Familie in einem Holzhaus und ist Reiterin. Von klein auf hat sie in der Reithalle trainiert, die Mitte November abgebrannt ist. Ihr Begleiter trinkt einen Schluck Redbull und sagt: «Den Psycho würde ich gerne stellen.»

Natascha Gathen, die Pächterin der grossen Reithalle, die neben der abgebrannten Reithalle steht, muss die Brandruine täglich anschauen. «Ich lebe nicht in Angst und Schrecken – aber da ist immer dieses ungute Gefühl.» Gathen lässt ihre Lehrtöchter seit dem Brand abends nur noch zu zweit arbeiten. Den Gedanken, was wäre, wenn beim nächsten Brand Menschen zu Schaden kämen, versucht sie wegzuschieben.

Der Täter am Stammtisch?

Am Stammtisch im Löwen trinkt eine ältere Elggerin ihren Kafi. «Wir haben gerade von dem geredet», sagt sie. Bei diesem feuchten Wetter passiere wohl nichts, denn auf dem weichen Boden würde der Brandstifter Spuren hinterlassen. Dann beugt sie sich näher und sagt ganz leise. «Ich habe einige Male gesagt, es sei schon länger nichts passiert, und kurz darauf hat es gebrannt. Was, wenn der Täter auch am Tisch sass und darauf reagierte?» Kürzlich habe ein Autofahrer mit Thurgauer Nummernschild vor einem Schopf gehalten, und sie habe gedacht: «Willst du den etwa anzünden?» Da habe sie sich gesagt: «Du Joggel, du schaust zu viele Krimis.» Es sei erschreckend, wie schnell man jemanden verdächtige. «Aber es ist so viel passiert.»

Im Alltag verhielten sie sich nicht anders als vor der Brandserie, sagen viele Elgger. Hakt man nach, tönt es ganz anders. Geht die Kioskfrau abends mit ihrem Hund spazieren, hat sie immer ein aufgeladenes Handy dabei. Bevor der Pensionär schlafen geht, fährt er noch schnell mit dem Auto den Waldrand ab. Viele haben Lichtmeldeanlagen installiert. Andere macht schon der Geruch vom Cheminée nervös. Bellen Hunde, kontrollieren die Elgger sofort, ob alles in Ordnung ist. Holzbeigen, Strohballen oder leere Hütten – alles sehen sie im Geist in Flammen aufgehen.

Der Stammtisch im Restaurant Obertor ist bis auf den letzten Platz besetzt. Eine Frau am Nachbartisch rät der Journalistin, keine Fragen zur Brandserie zu stellen. «Wir reden nicht gerne darüber», sagt sie. Für die Leute von auswärts sei der Brandstifter wohl faszinierend, für die Elgger bloss frustrierend. Hermann Krähenbühl ist mit 94 Jahren der zweitälteste Elgger. Er ergreift das Wort: «Wir haben alle Schüür oder Schöpfli, also das, was dieser Glünggi sucht. Da hat man einfach Angst.» Ausser wachsam zu sein, könne man nicht viel machen, sagt er, und bestellt noch ein Tschumpeli. Die Mitglieder vom Schützenverein am Nachbartisch nicken. «Man beginnt, den anderen genauer anzuschauen», sagt Bernhard Egg, Vizepräsident des Kantonsrats und Elgger. Ein nächtlicher Spaziergang genüge, um sich verdächtig zu machen. «Alle haben ihre Theorien, das ist schlecht für den Dorfgeist.» Die Frage: «Wo brennt es als Nächstes?» sei allgegenwärtig. Er wohne zwar im Zentrum, das weitgehend verschont wurde, doch neben einer leeren Liegenschaft. «Da sorgt man sich.»

Verdächtige festgenommen

Laut Gemeindepräsident Christoph Ziegler sind die Elgger zunehmend beunruhigt, ungeduldig, auch wütend auf den Brandstifter. Die Einsätze der Feuerwehr wegen Brandstiftung schlagen mit 50 000 Franken zu Buche. «Das belastet auch das Gemeindebudget.» Die Feuerwehrleute hätten stets die Nerven bewahrt, trotz der Gerüchte, einer von ihnen könnte der Brandstifter sein. Roger Gysi ist seit 28 Jahren bei der Feuerwehr Eulachtal und ist ihr Kommandant. Er sagt dazu: «Wir kennen und vertrauen uns – und stehen über solchem Geschwätz.»

Die Kantonspolizei Zürich hat bei ihren Ermittlungen diverse Personen überprüft und diese zum Teil vorübergehend in Haft genommen. Sie setze alle verfügbaren personellen und technischen Mittel ein, um die Brandserie zu klären, sagt Sprecher Werner Benz. Die Polizei bittet Personen, die etwas Verdächtiges gesehen haben oder die Täterschaft kennen, sich zu melden (Tel. 044 247 22 11). Für die Ermittlung des Brandstifters hat sie eine Belohnung von bis zu 10'000 Franken ausgesetzt. Bisher ohne Erfolg.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2012, 08:03 Uhr

Seit Februar 2011 wurde 22-mal Feuer gelegt

11. Februar: In Elgg brennt das Holzschnitzellager eines Bauern.

18. Februar: Erneut brennt ein Holzschnitzellager in Elgg .

18. Februar: Am gleichen Tag werden am Abend Strohballen im leeren Pferdestall der Reitsportlegende Paul Weier in Elgg angezündet. Schaden: 20 000 Franken.

18. Februar: Brandversuch beim Probelokal des Tambourenvereins Elgg .

28. Februar: Die Jagdhütte im Weiler Heurüti in Elgg brennt vollständig aus. Der Schaden beträgt 30 000 Franken.

3. März: Im thurgauischen Nachbardorf Aadorf werden zwei Holzbeigen in Brand gesteckt.

3. März: Gleichentags brennt eine Holzbeige beim Weiler Weiern TG.

15. März: In der Nachbargemeinde Hofstetten ZH brennen zwei Holzbeigen.

25. April: Beim Eichholz in Häuslenen TG wird eine 40 Meter lange Holzbeige angezündet.

8. Mai: Ein Baumstamm in der Nachbargemeinde Hofstetten brennt.

6. Juni: Ein Strohballen in der Nachbargemeinde Schlatt ZH brennt.

8. August: In der Nachbargemeinde Schlatt ZH brennt eine Holzbeige.

9. August: Diesmal brennen in Elgg zwei Holzbeigen. 10. August: Eine Holzscheune in Elgg brennt. 11. August: In Elsau nahe Oberwinterthur brennt eine Holzspaltenbeige.

13. August: Beim Farenbachtobel in Elgg brennt eine weitere Holzbeige.

23. September: Missglückter Brandanschlag auf ein leer stehendes Wohnhaus an der Hertenstrasse in Elgg .

29. Oktober: Eine Waldhütte an der Kollbrunnstrasse in Elgg brennt. Der Sachschaden beträgt ungefähr 15 000 Franken.

18. November: In Elgg brennt eine grosse Reithalle ab, der Schaden liegt bei mehreren Hunderttausend Franken.

22. Dezember. Eine Bretterbeige in Elgg brennt auf dem Gelände einer Sägerei.

6. Januar: Ein Lieferwagen brennt auf einem Elgger Firmengelände, ein Schaden von einigen Tausend Franken entsteht.

13. Januar: Holzscheite im Anbau eines alten Schopfs in Elgg brennen.

Auf den Feuerteufel wurde ein Kopfgeld ausgesetzt.

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