Dieses intensive Therapieprogramm erwartet Brian im Gefängnis

Bleibt es bei der stationären Massnahme, wird der als Carlos bekannt gewordene Brian in eine Forensisch-Psychiatrische Abteilung kommen. Was das heisst.

Wenn Brian seinen Therapeuten vertrauen kann, sind Fortschritte möglich. Illustration: Robert Honegger

Wenn Brian seinen Therapeuten vertrauen kann, sind Fortschritte möglich. Illustration: Robert Honegger

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Kann ein Häftling in einer ­Therapiesitzung den Eindruck erwecken, er sehe die Dinge jetzt anders, er habe seine Aggressionen nun im Griff? Das ist möglich, wenn der Therapeut seinen Klienten höchstens einmal pro Woche für eine Stunde sieht und von seinem restlichen Alltag im Strafvollzug gar nichts mitbekommt. Er kann nicht erkennen, dass der Klient seine Aggressionen nur verlagert hat und sie während der Arbeit oder abends auf der Wohn­gruppe auslebt.

Es ist naheliegend, dass es in einem solchen Fall unmöglich ist, die Rückfallgefahr eines Täters zuverlässig zu prognostizieren. Das wird spätestens dann zum besonders drängenden Problem, wenn es sich beim Täter um einen psychisch schwer gestörten, hoch rückfallgefährdeten Täter handelt, der deswegen von einem Gericht zu einer stationären therapeutischen Massnahme verurteilt wurde.

Schweizweit die erste Einrichtung ihrer Art

Seit ziemlich genau zehn Jahren gibt es innerhalb der Strafanstalt Pöschwies ein zweistöckiges ­Gebäude, das diesem Problem Rechnung trägt: In der damals schweizweit ersten Forensisch-Psychiatrischen Abteilung (FPA) werden in einem gesicherten Rahmen zwei Dutzend Straf­-täter mit einer stationären Massnahme, einer sogenannten 59er-Massnahme, behandelt.

Die Grundidee ist einfach: Es soll verhindert werden, dass das geschieht, was einleitend beschrieben wurde. Die 25 Personen, die aktuell in der FPA leben und die alle zu einer stationären Massnahme verurteilt wurden, stehen – abgesehen von der Zeit, während der sie in ihrer Einzelzelle eingeschlossen sind – unter Dauerbeobachtung.

Betreute und Betreuende leben zusammen, gestalten die Freizeit gemeinsam, essen und putzen zusammen. Auftretende Probleme wie Aggressionen, Schwierigkeiten mit Mitgefangenen oder emotionale Belastungen können sofort erkannt und thematisiert werden. Es ist in diesem Umfeld gar nicht mehr möglich, einem Therapeuten jahrelang während 24 Stunden am Tag nicht vorhandene Fortschritte vorzuspielen.

Bernd Borchard, Forensischer Psychologe im Amt für Justiz­vollzug und zuvor langjähriger Leiter der FPA, nennt das die «Therapeutisierung des Unterbringungsalltags». Anders formuliert: Der normale Alltag ­innerhalb der Strafanstalt wird gezielt für therapeutische Veränderungsprozesse genutzt. Fachleute sprechen von einem systematischen milieu- und psychotherapeutischen Setting.

Wie umgehen mit Brians Gewaltbereitschaft?

Welche Bedeutung die therapeutische Arbeit hat, zeigt sich allein am Umstand, dass die Arbeitspflicht zwar auch für die 59er-Klienten gilt, dass sie aber von dieser Arbeit für therapeutische Massnahmen freigestellt und dennoch finanziell entschädigt werden, als hätten sie ihre Arbeitspflicht in der Schneiderei, Gärtnerei oder dem Metallbau ?voll erfüllt. Borchard: «Arbeitszeit ist Therapiezeit und umgekehrt.»

Sollte es bei der gerichtlich angeordneten stationären Massnahme für Brian bleiben, erwartet den jungen Mann ein intensives Therapieprogramm. Vor dem Eintritt in die FPA müsste der 24-Jährige eine Vorbereitungsphase durchlaufen.

Bei Brian könnte sich aber noch ein anderes Problem stellen: seine Unberechenbarkeit und Gewaltbereitschaft.

Und wenn er sich verweigert? «Wir nutzen die Zeit vor dem FPA-Eintritt, um die Klienten über den Inhalt der milieutherapeutisch ausgerichteten Massnahme zu informieren. Wir ­versuchen, Vertrauen zu den Therapeuten herzustellen, die Betroffenen zu motivieren. Unsere Teams geben nicht so schnell klein bei, und versuchen das über viele Monate», sagt Borchard.

Bei Brian könnte sich aber noch ein anderes Problem stellen: seine Unberechenbarkeit und Gewaltbereitschaft. «Es müsse sich zeigen, ob er unsere Therapeuten als verhasste Vertreter eines Justizsystems wahrnimmt, oder als Problemlöser, die ihn auf seinem Weg therapeutisch unterstützen.» Sicher müsse man Schritt für Schritt nach der Maxime vorgehen: «Im Zweifel für die Sicherheit.»

Mehr Entlassungen als Neuaufnahmen

Dass im Zusammenhang mit einer stationären Massnahme von einer kleinen Verwahrung gesprochen wird, «macht uns gar nicht glücklich», sagt Borchard. «Bei uns gibt es keine kleine Verwahrung, sondern ein grosses Therapieangebot. Verwahrte Personen sehen hingegen kaum einen Therapeuten.»

Der Forensische Psychologe räumt auch mit der Vorstellung auf, dass eine Person mit einer 59er-Massnahme kaum mehr eine Chance habe, in die Freiheit entlassen zu werden. In der Verantwortung des Amts für Justizvollzug haben derzeit 239 Personen eine stationäre Massnahme. Davon leben 36 im gesicherten Rahmen der Pöschwies.

Im vergangenen Jahr traten 31 Personen eine 59er-Massnahme an. In der gleichen Zeit verliessen 35 Personen dieses System. «Diese Entwicklung, mehr Entlassungen als Neuaufnahmen, beobachten wird seit Jahren», sagt Borchard.

Erstellt: 09.11.2019, 09:52 Uhr

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