Immer mehr Kinder klagen über Stress

Ein wachsender Teil der Kinder und Jugendlichen fühlt sich gestresst und niedergeschlagen. Die Stiftung Pro Juventute sieht es als eine der grössten Gefahren.

«Jugendliche sind heute sehr viel reflektierter als noch vor ein, zwei Generationen», sagt Jugendpsychologe Urs Kiener. Video: Nicolas Fäs

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Sie haben Schlafprobleme und Kopfschmerzen, sind nervös und fühlen sich niedergeschlagen. Die Rede ist nicht von 40-jährigen Managern, sondern von 11-jährigen Schülerinnen und Schülern in der Schweiz. «Ich kann seit drei Wochen nicht mehr schlafen, habe Atemnot und fühle mich schwindlig. Ich kann fast nicht mehr in die Schule gehen», klagte beispielsweise ein 15-jähriges Mädchen, das sich dieses Jahr spätabends auf der Beratungshotline 147 der Pro Juventute meldete. Jetzt schlägt die Jugendstiftung Alarm: «Vor hundert Jahren haben wir Sanatorien für Tuberkulose-Patienten gebaut, heute müssen wir uns um dieses Thema kümmern», sagt die Direktorin Pro Juventute, Katja Wiesendanger, bei einem Mediengespräch am Freitag. Es bestehe eindeutig Handlungsbedarf.

Seit 2010 haben sich die Anfragen von Kindern und Jugendlichen, die sich wegen schwerwiegender persönlicher Probleme an die Pro Juventute wenden, fast verdreifacht. 29,5 Prozent der Beratungsgespräche an der Jugendhotline drehen sich um Suizidgedanken, Krisen, Angstzustände und depressive Stimmungen – Tendenz steigend.

Aktuelle Studien stützen diese Feststellung von Pro Juventute: Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellte 2014 fest, dass 27 Prozent der elfjährigen Kinder in der Schweiz unter Schlafproblemen leiden und 15 Prozent von ihnen das Gefühl der Niedergeschlagenheit nur allzu gut kennen. 2002 waren es noch 11 Prozent der 11-Jährigen. Mädchen sind ungleich mehr von den Symptomen betroffen als die Buben: «Mädchen setzen sich zusätzlich zum Druck von aussen innerlichen Druck auf», sagt Beatrix Wagner, Sozialpädagogin und Sorgentelefon-Beraterin. «Buben reagieren stärker auf äusserlichen Druck.»

Stress macht unglücklich

Schlafprobleme und Niedergeschlagenheit sind typische Stresssymptome. Die Juvenir-Studie der Basler Jacobs Foundation stellte 2015 fest, dass sich 46 Prozent der 15- bis 21-Jährigen sehr häufig bis häufig gestresst fühlen. Gleichzeitig ist nur die Hälfte von ihnen mit ihrem Leben zufrieden. Bei den 14 Prozent der jugendlichen Befragten, die sich selten oder nie gestresst fühlen, gaben ganze 91 Prozent der Jugendlichen an, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Bei den anderen mündet dieser Stress immer öfters in Burn-outs: «Ein immer grösser werdender Teil der Kinder leidet dermassen unter dem Druck, dass sie so erschöpft sind, dass sie handlungsunfähig werden und das Krankheitsbild der Erschöpfungsdepression entwickeln», sagt der Zürcher Kinder- und Jugendpsychologe Urs Kiener.

Freizeit ist am stressigsten

Die Ursachen des Stresses der Kinder seien vielschichtig. Kiener schickt voraus, dass sich im Umgang der Eltern mit den Kindern in den letzten Jahres eigentlich vieles verbessert habe. «Eltern gehen heute viel besser auf die Bedürfnisse der Kinder ein», sagt er. Kinder seien auch viel früher fähig, sich selber zu reflektieren. Ein Grossteil des Stress entstehe aber in der Freizeit.

«Kinder leiden unter extrem verplanter und fehlender selbstbestimmter Freizeit.»Urs Kiener

Viele Jugendliche würden sich aber auch selber unter Druck setzen. «Die heutigen Kinder sind ausserordentlich leistungs- und erfolgsorientiert», sagt er. Sie wollen perfekt sein, ohne sich ihrer eigenen Grenzen bewusst zu sein.

Hinzu komme die Angst, etwas zu verpassen. Da 99 Prozent der 12-Jährigen in der Schweiz heute ein Smartphone besitzen und Termine häufig kurzfristig vereinbart würden, sei das permanente Checken des Geräts nötig. «Dies kann zu einem Gefühl der Rastlosigkeit führen», sagt Kiener.

Zunahme von Suizidgedanken

Auch die Suizidgedanken nehmen bei Kindern zu. 2017 drehten sich 4,8 Prozent der Beratungsgespräche bei Pro Juventute um Suizid – so viele wie nie zuvor. 2009 waren sie noch in 0,7 Prozent der Gespräche Thema. «Allerdings wurde das Thema in den letzten Jahren auch enttabuisiert», gibt Beraterin Beatrix Wagner zu bedenken. «Es wurde eine Sprache für das Thema gefunden, was es einfacher macht, darüber zu reden.» Dennoch sei es eine Tatsache, dass eine zunehmende Zahl von Jugendlichen auf die Idee komme, Suizid zu begehen.

Eltern rät die Fachstelle, die Kinder ihre Freizeit selber bestimmen zu lassen. «Spiel wird heute mit unnützem Zeitvertreib gleichgesetzt», sagt Direktorin Wiesendanger. «Ein Fehler, denn die Forschung belegt, dass die Entwicklung der Kinder durch Spielen entscheidend gefördert wird.» Kinder bräuchten Zeit für Dinge, die ihnen Spass machen und über die sie frei verfügen können.

Pro Juventute will dem Stress-Phänomen mit einer Kampagne «Weniger Druck. Mehr Kind.» entgegenwirken. Ziel der Kampagne: Die Stressbelastung junger Menschen reduzieren. Dazu sollen erst Eltern und Schulen sowie Lehrbetriebe sensibilisiert, Wissen vermittelt und in einem weiteren Schritt Massnahmen erarbeitet werden. Pro Juventute will auch politische Forderungen ableiten: «Möglich wäre eine Stundenbegrenzung für die Arbeitsbelastung von Kindern», sagt Wiesendanger. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.10.2017, 20:19 Uhr

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