In Kloten können jetzt auch Möchtegernpiloten abheben

Gleich neben dem Flughafen Zürich starten nun auch Nicht-Piloten durch – in einem Cockpit eines Langstreckenjets, eines Helis oder als Mitglied der Flugstaffel des PC-7-Teams. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat die vier Simulatoren getestet.

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Er ist längst ein hoffnungsloser Fall. Reto Seipel hat das Flugfieber: Er ist Linien-, Militär- und Doppeldeckerpilot; Mitbetreiber des aviatischen Restaurants Runway 34 in Glattbrugg, wo die Gäste unter einer ausrangierten, sowjetischen Ilyushin speisen und des «Graf Z» im Glattpark, dessen Interieur vom Zeppelin LZ 129 Hindenburg inspiriert ist. Das Flugfieber hat Seipel damit aber nicht geheilt. Er will nun seine Gäste damit anstecken. Mit einem vierköpfigen Team hat er die Runway 34 Sim Academy gegründet. Diese betreibt ab nun in einem Anbau des Runway 34 vier Flugzeug-Simulatoren.

Wer sich dabei einen Computerbildschirm mit Joystick vorstellt, irrt. Der Blickfang ist eine ausgemusterte PC-7-Maschine, die zuletzt im Dienst des PC-7 Teams, einer Kunstflugstaffel der Schweizer Luftwaffe, stand. Das rot-weisse Flugzeug steht in der Mitte einer mehreren Meter hohen 180-Grad-Leinwand, auf der die Landschaft vorbeizieht. Es ist eine Leihgabe des Bundes.

Für 199 Franken die Stunde werden die Kunden im Cockpit dieses Propellerfliegers zu Piloten der Staffel und sind Teil eines Formationsfluges durch die Schweiz. Hinzu kommen je ein Cockpit eines Boeing 777 Langstreckenjets, eines Bell Jet Ranger Hubschraubers und einer Beechcraft King Air Propellermaschine. Im kommenden Frühjahr soll der weltweit einzige Simulator der legendären, viermotorigen Super Constellation aus den 1950er-Jahren die «Flotte» der Sim Academy ergänzen.

Ob die Möchtegern-Piloten sich als Captain in der Kanzel des Langstreckenjets oder als Staffelpilot im PC-7 Platz nehmen, assistieren ihnen die Instruktoren der Academy. Als erfahrene Flieger kennen sie die Tücken der jeweiligen Maschinen und gehen den Kunden zur Hand, bevor es zu einem Absturz kommt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat die vier Simulatoren getestet.

Pilatus PC-7: Jagd auf die Staffelkollegen:

In die einmotorige, rot-weisse Propellermaschine steigt niemand ohne grünes Fliegerkombi. Das Namensschild mit der Aufschrift «Turbo 4» bezeichnet die Position im Verband der PC-7-Staffel, welche die Möchtegern-Pilotin einnehmen soll – jener hinter dem Anführer. Klingt nach einem Kinderspiel. Weit gefehlt. Zwar ist der Start auf der Piste von Meiringen leichter als gedacht. Sobald aber kurz darauf die Staffel am Horizont auftaucht, beginnt die nervenaufreibende Jagd. Die eindrückliche Berglandschaft zieht unbeachtet vorbei. Im Zickzack-Flug hetzt «Turbo 4» hinter den fünf anderen Fliegern her. «Eine Richtungskorrektur erfordert auch gleich eine Gegenbewegung, damit die Maschine stabil bleibt», hilft Instruktor Reto Seipel vom Rücksitz aus. Der wilde Ritt beruhigt sich – zumindest ein bisschen.

Preis pro Stunde: 199 Franken


Jet Ranger Helikopter: Präzisionsarbeit gefragt

Die Leinwand um das nachgebaute Hubschrauber-Cockpit zeigt die Skyline von Manhattan. Geht es erst ums Abheben, bleibt keine Zeit, die Aussicht zu geniessen: Die Maschine im Schwebeflug ruhig zu halten, entpuppt sich als regelrechter Kraftakt. Nicht etwa weil die Mukis gefragt sind, sondern weil die Maschine Feingefühl und Präzision erfordert. Und ist der Hubschrauber mit Hilfe von Instruktor Thomas Beer mal Richtung Freiheitsstatue unterwegs, zeigt sich dass auch Koordination erwünscht ist: Mit den Pedalen kontrolliert die Möchtegern-Pilotin die Drehung des Hubschraubers um die eigene Achse; mit dem sogenannten «Kollektiv» (einem waagrechten Hebel zwischen den beiden Sitzen) lässt sich die Geschwindigkeit sowie das Auf und Ab regulieren; durch den «Stick» (ein Steuerknüppel zwischen den Knien) bewegt sich der Heli schliesslich nicht nur nach links und rechts, sondern auch vor- und rückwärts. Dieser Simulator kennt kein Pardon und quittiert unsanftes Steuern sofort: Er steht auf einer Bewegungsplattform – definitiv nichts für zu sensible Magen, glücklicherweise kann diese auch ausgeschaltet werden.

Preis pro Stunde: 139 Franken


Boeing 777: Die 1001 Knöpfe

Die Triple Seven ist das grösste zweistrahlige Verkehrsflugzeug der Welt – und das bekommt der Möchtegern-Pilotin im nachgebauten Cockpit zu sehen. Knöpfe und Signallämpchen soweit das Auge reicht – faszinierend. Beängstigend. Hier monopolisieren die Instrumente die Aufmerksamkeit. Ausserhalb des Fensters zeigt die 200-Grad-Leinwand die Piste des Honkonger Flughafens Chek Lap Kok. Auf dem Bildschirm darunter der künstliche Horizont. Wie bei einem Intsrumentenflug üblich, gibt Instruktor Andrea Frizzi den Flugplan im Computer ein: Starten, an der Skyline der Stadt vorbei, Anflug auf die inzwischen stillgelegte Hongkonger Piste von Kai Tak, durchstarten und zurück nach Chek Lap Kok. Der Bordcomputer leistet dabei Hilfestellung – eigentlich. Zwar weist er mit der akkustischen Mitteilung «rotate» die Möchtegern-Pilotin an, dass er schnell genug rollt, um abzuheben; zeigt ihm, welcher Fluglinie er folgen muss, um sein Ziel zu erreichen und warnt ihn, wenn er zu tief fliegt. Allerdings bringt die Informationsflut die Novizin an ihre Grenzen. Zum Glück hilft Instruktor Frizzi über alle Unzulänglichkeiten hinweg.

Preis pro Stunde: 179 Franken


Beechcraft King Air: Wo es schweissige Hände gibt

Keine echte Maschine, keine 1001 Knöpfe, keine Bewegungsplattform, die grosse Leinwand ist nicht rund sondern flach und umgibt kein Cockpitgehäuse: Im Vergleich scheint er unspektakulär, der Simulator des Flugzeugs in dem beispielsweise die Landestopografen der Schweiz unterwegs sind. Wer aber glaubt sich im Pilotensitz zurücklehnen zu können, liegt falsch. Das zeigt sich beim Überflug des Pfannenstiels und der Landung auf der Piste 34 des Zürcher Flughafens. Denn das Steuer dieses Simulators leistet je nach Geschwindigkeit mehr oder weniger Widerstand. Realitätsgetreu lassen abrupte Temporeduktionen oder -erhöhungen die Maschine spürbar bocken – dann sind Nerven und Gelassenheit gefragt. Hektische Reaktionen machen die Situation nur noch schlimmer. Und mit dem Aufsetzen auf der Piste ist es nicht getan. Das Ausrollen stellt nämlich jeden Tanzkurs in den Schatten: Wer seine Füsse nicht mit Fingerspitzengefühl beherrscht bringt die Maschine ins Schleudern. Und erst wenn die King Air stillsteht bemerkt die Möchtegern-Pilotin die vor lauter Anspannung schweissigen Hände.

Preis pro Stunde: 90 Franken


Fazit: Die Simulatoren sind nicht mit jenen auf dem Bürotisch zuhause zu vergleichen. Sie vermitteln dem Möchtegern-Piloten das Gefühl, ganz nahe am Geschehen zu sein, stellen ihn dadurch vor ganz verschiedene Herausforderungen und lassen ihn zuweilen staunen. Der Anfänger kann dabei selbst entscheiden, wie viel Unterstützung er von den Instruktoren in Anspruch nehmen will – so wird ein Flug entweder zu einem spielerischen Ausflug in die Welt der Piloten oder zu einer kniffligen Aufgabe.

www.simacademy.ch
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.01.2015, 12:43 Uhr

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