Analyse

In Pristina wird der Täter von Pfäffikon als Hinterwäldler verspottet

Die Gesellschaft im Kosovo ist liberaler geworden. Die Bluttat von Pfäffikon hat nicht nur die kosovo-albanische Gemeinschaft in der Schweiz in einen Schock versetzt.

Urbane Schichten haben Aversionen gegen die konservative Diaspora: Einkaufsstrasse in Pristina.

Urbane Schichten haben Aversionen gegen die konservative Diaspora: Einkaufsstrasse in Pristina. Bild: Keystone

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Die Nachricht vom 59-jährigen Kosovaren, der in Pfäffikon seine Frau und die Leiterin des Sozialamtes erschossen hatte, wurde auch von den Medien in Kosovo aufgegriffen. «Solche Tragödien», sagt der Chefredaktor der Tageszeitung «Zëri», Astrit Gashi, «schaden nicht nur dem Ansehen unserer Landsleute in der Schweiz, sondern der kosovarischen Gesellschaft insgesamt.» Diese Ansicht teilen auch die Leser, die in den Online-Ausgaben der Zeitungen kommentieren. Der Täter wird meist als Hinterwäldler geschmäht, der Schande über das ganze Volk bringe.

Vorwiegend in den Städten herrscht eine starke Aversion gegen die Diaspora, die als zu konservativ gilt. Während die Gesellschaft in Kosovo seit Kriegsende vor 12 Jahren dank internationaler Präsenz liberaler geworden ist, bleiben vor allem ältere Migranten, die in Westeuropa leben, in patriarchalischen Rollenbildern gefangen. Sie können es oft nicht akzeptieren, wenn die Ehefrau in Familienangelegenheiten mitreden will oder wenn die erwachsenen Kinder ihre Zukunft selbst bestimmen.

Bildungsferne Schichten

Diese Zukunft malen sich die Väter so aus: Die Söhne und Töchter heiraten Frauen und Männer aus der Heimat, die Löhne liefern sie dem Familienoberhaupt ab, der in Kosovo für den Nachwuchs Häuser baut und den Traum von der Rückkehr hegt. In den urbanen Schichten in der Hauptstadt Pristina hat man nur Spott übrig für solche Zielvorstellungen, die fast nie in Erfüllung gehen. In Kosovo ist es mittlerweile gang und gäbe, dass einheimische Frauen Ausländer heiraten – Diplomaten, Nato-Offiziere und sogenannte Demokratieexperten.

Dass viele Kosovo-Albaner in der Schweiz konservativ seien, habe auch mit der Migrationsgeschichte zu tun, meint der Psychiater Sami Dalipi. Die Schweiz habe seit den 60er-Jahren auf dem Balkan hauptsächlich Leute aus bildungsfernen Schichten rekrutiert, die als Bauarbeiter gebraucht wurden. «Man hat diese Leute nach der erniedrigenden grenzsanitarischen Kontrolle in Gastarbeiterheimen und Baracken einquartiert, oft waren sie auch am Arbeitsplatz unter sich, Kontakte mit Einheimischen gab es kaum, von Integration war keine Rede», so Dalipi.

Rückständige Wertvorstellungen

Die meisten Fremdarbeiter hofften auf eine schnelle Heimkehr. Daraus wurde nichts. Zunächst verschärfte sich die Wirtschaftskrise in Jugoslawien, danach zerfiel der Vielvölkerstaat ganz. Viele Migranten mussten wegen des Krieges zu Beginn der 90er-Jahre ihre Familien nachholen und auch Verantwortung für sie übernehmen. Dieser Aufgabe waren die meisten nicht gewachsen. «Wie soll ein Migrant die Integration der Kinder fördern, wenn er jahrelang an den Rand der schweizerischen Gesellschaft gedrängt wurde?», fragt sich Dalipi, der aus Kosovo stammt.

igranten, die in den 70er-Jahren hierherkamen, sind heute zwischen 50 und 70 Jahre alt, häufig arbeitslos und verbittert, dass sie weder in der Schweiz noch in Kosovo richtig Wurzeln geschlagen haben. So orientieren sie sich wie der Täter von Pfäffikon an rückständigen Wertvorstellungen und missbrauchen die islamische Religion, um ihre Machtposition in der Familie durchzusetzen.

Erstellt: 17.08.2011, 09:58 Uhr

Karte

(Bild: TA-Grafik mrue)

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