In Winterthurer Hotel vom Jihad überzeugt

Sarah O. (20) traf sich vor fünf Jahren im Hotel Töss mit Salafisten. Kurz darauf schloss sie sich in Syrien dem IS an. Nun wurde sie verhaftet. Was geschah?

Der Auftritt von Izzudin Jakupovic in Winterthur gilt als Schlüsselmoment für eine ganze Reihe von Jihad-Reisenden aus der Region. Foto: PD

Der Auftritt von Izzudin Jakupovic in Winterthur gilt als Schlüsselmoment für eine ganze Reihe von Jihad-Reisenden aus der Region. Foto: PD

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Viele Wege führen über Winterthur – so scheint es zumindest, wenn es um Reisen in den Jihad geht. Ende September 2013 nahm die damals 15-jährige Gymnasiastin Sarah O. aus Konstanz an einer Benefizveranstaltung im Winterthurer Hotel Töss teil. Bei dem Salafistentreffen wurde auch für Syrien Geld gesammelt – und offenbar Jihad-Propaganda verbreitet.

Kurz darauf, im Oktober 2013, reiste Sarah O. ins Umland der syrischen Metropole Aleppo. Anfang 2014 heiratete sie dort den deutsch-türkischen Jihadisten Ismail S., mit dem sie später ­drei Kinder hatte. Nach dem Zusammenbruch des Kalifats setzte sich die Familie vor etwa sechs Monaten in die Türkei ab, wo alle verhaftet wurden. Letzte Woche wurde Sarah O. nach Düsseldorf abgeschoben und in Gewahrsam genommen.

Vernetzt mit Süddeutschland

Schon 2014 gingen die deutschen Behörden davon aus, dass Sarah O. nach dem Besuch in Winter­thur den Beschluss fasste, nach Syrien zu reisen. Weil der Vater der Konstanzer Gymnasiastin im Thurgau arbeitete und auch mit dem Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) in Kontakt stand, war Sarah O. mit der Schweiz gut vertraut.

Umgekehrt gab und gibt es Verbindungen zwischen der Winterthurer Salafistenszene und Gleichgesinnten im süddeutschen Raum. Eine Vernetzung gab es auch mit Österreich, vor allem mit dem Wiener Hassprediger und IS-Verbindungsmann Mirsad Omerovic. Dieser war an der Benefizveranstaltung in Winterthur zwar ebenfalls als Redner angekündigt, doch erliessen die Behörden ein Einreiseverbot. 2016 wurde er in Graz wegen ­Rekrutierung von Jihadisten zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Als Redner trat im Hotel Töss der bosnischstämmige Hassprediger Izzudin Jakupovic auf, damals ein Vertrauter von Mirsad Omerovic. Was der in Deutschland lebende Prediger den Zuhörern erzählte, ist zwar nicht bekannt; unmittelbar nach seinem Winterthurer Auftritt lud Jakupovic aber ein mit Bildern von IS-Flaggen unterlegtes Vortragsvideo auf Youtube hoch.


Bildstrecke: Razzia in der An'Nur-Moschee in Winterthur (November 2017)


Mit eindringlichen Worten forderte er die Zuhörer darin auf, nach Sham (Syrien) auszureisen. Das Haus der Gläubigen stehe in Syrien: «Wenn du doch suchst nach der Hijra (Anmerkung: Auswanderung), dann wandere doch aus dahin, wo Allahs Gesandter dir das empfiehlt. (…) Dann geht nach Sham, (…) dann geh nach Sham, mein lieber Bruder.» Die Benefizveranstaltung, organisiert vom deutschen «Hilfswerk» Ansaar International, war so etwas wie der Startschuss für eine ganze Reihe von Jihad-Reisenden aus der Region Winterthur.

Der Konvertit und regelmässige An’Nur-Moscheegänger S.V. gab später im Polizeiverhör zu, dass der Prediger Izzudin Jakupovic seine Reise nach Syrien in die Wege geleitet habe. S.V. hielt sich Ende 2013 zum Teil bewaffnet und in Kampfmontur in der Region von Aleppo auf. Der bekennende IS-Sympathisant behauptete aber, er habe sich dort nur in der humanitären Hilfe engagieren wollen.

Was aber geschah mit Sarah O. in Syrien?

Rund ein Jahr nach dem Salafistentreffen im Hotel Töss reisten die damals minderjährigen Geschwister V.L. und E.L. via Irak nach Syrien zum IS. Sie sind beide wieder zurück in der Schweiz und warten nun auf ihren Prozess. Die beiden waren auch bestens mit dem IS-Anhänger S.V. bekannt, der wiederum eine führende Rolle in der Koranverteilaktion «Lies!» spielte.

Was aber geschah mit Sarah O. in Syrien? Der deutsche Generalbundesanwalt wirft der deutsch-algerischen Doppelbürgerin vor, schon kurz nach ihrer Ankunft eine Ausbildung mit Schusswaffen durchlaufen zu haben. Nach Deutschland zurück schrieb die Konstanzerin damals, dass sie jetzt bei der al-Qaida mitmache.

Bewaffnet im Polizeidienst

Schon im Februar 2014 habe sie dann für den IS Wach- und Polizeidienste übernommen und sich deshalb auch eine Schusswaffe besorgt, schreibt der Generalbundesanwalt weiter. Es ist anzunehmen, dass Sarah O. bei der berüchtigten Religionspolizei des IS mitmachte, denn dies war die einzige Einheit, in der beim IS bewaffnete Frauen Dienst taten – vor allem um die strengen Kleidervorschriften für Frauen durchzusetzen.

In ihrer Wohnung hätten Sarah O. und Ismail S. auch Neuankömmlinge, also vermutlich andere Jihadisten aus Europa, beherbergt. Über die sozialen Medien verbreitete Sarah O. IS-Propaganda und versuchte, andere Gläubige für die Ausreise nach Syrien zu gewinnen. Ihr Ehemann, ein damals 21-jähriger Kölner, war mit seinem um ein Jahr älteren Bruder 2013 nach Syrien gereist. Bereits 2008 hatten die beiden versucht, sich Waffen zu beschaffen, indem sie die Besatzung eines Streifenwagens in einen Hinterhalt lockten und mit Messern angriffen. Das Vorhaben schlug aber fehl, und die damals 16 beziehungsweise 17 Jahre alten Brüder wurden verhaftet. Im Verhör sagten sie, sie hätten mit den geraubten Waffen einen Anschlag auf US-Soldaten in Heidelberg geplant. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2018, 06:05 Uhr

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