In Zürich sterben zu viele Herzpatienten nach OPs

Das Unispital und das Stadtspital Triemli lassen ihre Herzchirurgie überprüfen – die Mortalitätsraten sind zu hoch.

Hinter den Kulissen der Herzkliniken gab es viele Veränderungen, die haben sich auf die Qualität ausgewirkt. Herzoperation im Stadtspital Triemli. Foto: Doris Fanconi

Hinter den Kulissen der Herzkliniken gab es viele Veränderungen, die haben sich auf die Qualität ausgewirkt. Herzoperation im Stadtspital Triemli. Foto: Doris Fanconi

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Die Zürcher Herzchirurgie hat ein Problem: Die Zahl der Todesfälle nach gewissen Herzoperationen ist sowohl im Unispital als auch im Stadtspital Triemli zu hoch. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Gesundheit für 2016. Auch über die gesamte Herzchirurgie betrachtet sterben zu viele Menschen: Laut einer Auswertung der beiden Spitäler lag die Mortalität deutlich höher, als man aufgrund des Risikoprofils der Patienten erwartet hätte. 2016 betrug die Sterberate im Unispital 4,8 statt 2,6 Prozent, im Triemli 5 statt 3,9 Prozent. Eine Zwischenanalyse der Daten zeigt auch für 2017 zu viele Todesfälle.

Am schlechtesten sind die Resultate bei den Bypässen. Laut den Zahlen, die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) veröffentlichte, haben die Herzchirurgen im Unispital Zürich 2016 insgesamt 141 Bypassoperationen durchgeführt an Patienten, die zuvor einen Herzinfarkt erlitten hatten. 10 Patienten starben. Das ergibt eine Mortalitätsrate von 7,1 Prozent – 2,5 Prozent mehr als der erwartete Wert. Im Stadtspital Triemli starben nach der gleichen Operation 5 von 58 Patienten, was eine Rate von 8,6 ergibt – 4,6 Prozent mehr als erwartet. Im Jahr zuvor hatte das Resultat im Triemli unter dem erwarteten Wert gelegen, während es im Unispital 2,3 Prozentpunkte darüberlag. Zum Vergleich: Im Berner Inselspital, das landesweit am meisten Herzoperationen durchführt, entspricht die Rate von 3,5 Prozent in beiden Jahren ziemlich genau der erwarteten Mortalität.

Das sind schlechte Nachrichten für die Allianz Herzchirurgie Zürich, die vor drei Jahren zwischen dem Stadt- und dem Universitätsspital vereinbart wurde, um die öffentliche Herzmedizin zu stärken. Herzchirurg Michele Genoni, Chefarzt im Triemli und Co-Chef im Unispital, bestätigt das Problem: «Die Zahlen sind nicht gut, besonders bei den Bypassoperationen haben wir nicht die gewünschte Performance.»

Besonders schwere Fälle

Er wolle nichts schönreden, sagt Genoni. Doch man müsse die Daten des Bundes relativieren. Sie würden die Realität ungenau abbilden, weil das BAG bei der Berechnung der erwarteten Mortalität lediglich zwei Faktoren berücksichtige: das Alter und das Geschlecht. Würden allgemeingültige medizinische Risikofaktoren wie frühere Operationen oder andere bestehende Krankheiten einbezogen, resultierten höhere Vergleichswerte. Genoni hat die Todesfälle nach Bypassoperationen in der BAG-Statistik detailliert analysiert und gesehen, dass fälschlicherweise auch schwer kranke Patienten darunter waren, zum Beispiel solche mit einem Loch im Herz. Dass deren Überlebenschancen kleiner sind, liegt auf der Hand.

«Die Patienten, die zu uns kommen, sind zunehmend schlechter ‹zwäg›», konstatiert Herzchirurgie-Chef Francesco Maisano. Das liegt daran, dass medizinisch immer mehr möglich ist und das Expertenwissen in einem Unispital am grössten ist. Auch das Triemli behandelt schwere Fälle, darunter viele Notfälle. «Doch die schwersten sind im Unispital», sagt Genoni. Die beiden Chefärzte wenden bei ihrer Datenerfassung deshalb ein differenzierteres Verfahren zur Risikoberechnung an als das BAG.

Grafik vergrössern

Allerdings resultierten auch so Mortalitätsraten, die über den erwarteten Werten lagen (siehe Grafik). Den Hauptgrund dafür sehen sowohl Maisano als auch Genoni in den vielen Führungswechseln: Die Uniklinik für Herzchirurgie hat in zehn Jahren vier Chefs gehabt. Jeder hat seine Standards implementiert, und bis heute werden unterschiedliche Konzepte angewandt. «Diese verschiedenen Schulen und gleichzeitig ein starkes Wachstum der Patientenzahlen haben zu Unruhe geführt», so Genoni. 2017 zählte die Klinik gut 1700 Patientinnen und Patienten, rund 300 mehr als zwei Jahre zuvor. Die Ärzte arbeiten teilweise sehr individuell, zudem mussten viele neue angestellt werden. Auch die Herzchirurgie im Triemli geriet führungsmässig etwas durcheinander, weil der Chef im Rahmen der Herzallianz jetzt zu 40 Prozent im Unispital arbeitet.

Chefs haben sich angefreundet

Nach anfänglichen Schwierigkeiten – Triemli und Unispital waren früher Konkurrenten – verstehen sich der Italiener Maisano und der Tessiner Genoni heute gut. Sie ergänzen sich fast perfekt. Maisano operiert viele schwierige Fälle und sorgt mit seiner Forschung für die internationale Ausstrahlung der Zürcher Herzchirurgie. Genoni, als Präsident der Fachgesellschaft der Schweizer Herzchirurgen national bestens vernetzt, kümmert sich im Unispital vor allem um Strukturen und Qualität. In den vergangenen drei Jahren haben er und Maisano schon verschiedene Verbesserungen eingeleitet. «Die Herzallianz bringt viel», sagt der ärztliche Direktor des Unispitals, Jürg Hodler. «Doch es dauert einfach eine Zeit lang, bis alle nötigen Massnahmen entwickelt, umgesetzt und wirksam sind.»

Michele Genoni (links) und Francesco Maisano. Bilder: Reto Oeschger/Urs Jaudas

«Wir sind auf gutem Weg», sagt auch Genoni und nennt erste Erfolge: Die Assisstenzärzte konnten ihre Überzeit abbauen, die Visiten wurden vereinfacht, die Patienten bleiben weniger lange im Spital und erhalten beim Austritt gleich ihren Bericht mitgeliefert. Und, was Genoni besonders hervorhebt: Die Infektionsraten konnten drastisch reduziert werden. «Vor einem Jahr noch habe ich auf der Visite jeweils zwei bis drei Patienten mit einer Wundinfektion im Brustbein gesehen, heute sehe ich praktisch keine mehr.»

Dahinter steckt viel Arbeit. Hygi­e­niker des Triemli sind ins Unispital gegangen und umgekehrt, sie haben einen Tag lang im Operationssaal beobachtet und dann ein Hygienekonzept entwickelt. Darin werden zahlreiche Punkte geregelt, zum Beispiel das Händewaschen, die Position der Tische, die Abdeckung der Patienten, die Verwendung der Desinfektionsmittel oder der Antibiotikaeinsatz. «Durch die Beschäftigung mit dem Thema und die Vereinheitlichung der Regeln haben wir eine massive Verbesserung erreicht», sagt Genoni.

Audit durch internationale Experten

Auf die hohen Sterberaten haben Genoni und Maisano reagiert, indem sie ein Audit ihrer Kliniken durch internationale Experten beantragten, was die Spitalleitungen bewilligten. Hodler sagt dazu: «Wenn wir ein Problem sehen, gehen wir dem nach, wir wollen Transparenz schaffen.» Im Unispital hat das Audit vorletzten Donnerstag stattgefunden. In einer ersten Besprechung hätten die Experten die fehlende Standardisierung als Hauptproblem genannt, so Genoni. Ihren detaillierten Bericht liefern sie in vier Wochen ab. Im Triemli findet die Inspektion erst im Herbst statt.

Zum Standard gehört, dass die Chefärzte die Leistung jedes einzelnen Herzchirurgen regelmässig anhand von sechs Kriterien beurteilen, darunter die Mortalität, der Blutverbrauch und die Infektionsrate. Das hatte jetzt Folgen: Einzelne Oberärzte dürfen nicht mehr allein operieren, sondern werden nochmals trainiert. Die ersten Resultate dieses Jahres lassen hoffen: Im Januar und Februar ist die Sterberate sowohl im Unispital als auch im Triemli deutlich unter die erwarteten Raten zurückgefallen. Ob die Verbesserung nachhaltig ist, wird sich zeigen.

Zu viele Herzkliniken

In Zukunft sollen die Zahlen zu den Herzoperationen landesweit genauer und besser vergleichbar sein. Die Fachgesellschaft unter Präsident Genoni hat vor einiger Zeit ein Register lanciert, an dem sich alle 18 Herzchirurgien der Schweiz beteiligen. Sie erfassen von jedem Patienten und jeder Patientin rund 300 Daten. Tests haben gezeigt, dass diese derzeit noch nicht die nötige Validität haben. Laut Genoni wird das Register, das von der Post betrieben wird, voraussichtlich im Jahr 2020 funktionieren. «Sieht das System dann, dass ein Spital irgendwo ein Problem hat, wird es ihm die Gelbe Karte zeigen.» Genoni erhofft sich davon auch eine Bereinigung in seinem Fachgebiet: «18 Herzkliniken sind zu viele. Die Daten werden helfen, Zentren mit ungenügender Qualität zu schliessen.» Er ist zuversichtlich, dass die Zürcher nicht dazugehören.

Erstellt: 31.03.2018, 07:56 Uhr

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