In den Teppich gewickelt

Ein manisch-depressiver Mann wird gegen seinen Willen in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Er wehrt sich vor Gericht und bekommt zum Erstaunen der Ärzte recht.

Sanatorium Kilchberg: Für S. war der Aufenthalt traumatisch, für die Klinikleitung lief alles korrekt ab.  Foto: Bildarchiv TA

Sanatorium Kilchberg: Für S. war der Aufenthalt traumatisch, für die Klinikleitung lief alles korrekt ab. Foto: Bildarchiv TA

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Es war Fasnacht im Kanton Zürich, und Fasnacht ist für Herrn Sonder­egger* die schönste Zeit im Jahr. Alle sind ein bisschen verrückt. Alle lachen, über sich selbst und über die anderen, und für ein paar Tage fällt er nicht auf, der Sonderling. Auch in diesem Jahr tanzte der 71-Jährige durch die Nächte, er war übermütig und wurde immer übermütiger. «Eines Abends verkleidete ich mich nach der ‹Tagesschau› als Domina», erzählt er. In High Heels und Korsett besuchte der schmächtige Mann das Bordell des Dorfes; er wollte mit seiner Verkleidung einen Witz machen und dann mit einer Dame im Whirlpool baden. Wie schon so oft zuvor.

Doch in dieser Nacht lief etwas schief. Was genau, ist schwer zu sagen, der Bordellbesitzer war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Offenbar geriet man in Streit über den ausgehandelten Preis. Herr Sonderegger sagt, dass mehrere Damen in sein Zimmer stürmten, als er bereits ausgezogen im Whirlpool sass. Man habe seine Kleider und sein Portemonnaie durchsucht und wollte ihn zwingen, mit der Kreditkarte mehrere Hundert Franken nachzuzahlen. Er hatte den Pool und die Frau nur eine halbe Stunde lang gebucht und bezahlt – und nicht eine ganze Stunde, wie es im Etablissement üblich sei. Man habe ihn festgehalten, die Geldforderungen seien immer höher geworden. «Sie waren sehr grob, der Bordellbesitzer hat mir die Faust gezeigt und gesagt, dass er mich verprügeln werde, wenn ich bis zum nächsten Abend nicht 1600 Franken zahle.» Irgendwann sei ihm die Flucht gelungen.

Verängstigt nach Bordellbesuch

Was auch immer vorgefallen ist: Herr Sonderegger war danach verängstigt. Er versuchte, den Bordellbesitzer bei der Polizei anzuzeigen, doch dort habe man ihn nicht ernst genommen. Plötzlich fühlte er sich überall verfolgt. Dehydriert, übernächtigt, überdreht und von einem Velounfall verletzt – so landete er schliesslich einige Tage später bei seinem Psychiater. Dieser entschied, dass die Fasnacht für Herrn Sonderegger mit einer fürsorgerischen Unterbringung im Sanatorium Kilchberg enden wird. Diagnose: «akute Selbstgefährdung im Rahmen einer Manie». Der Psychiater sagt, dass er grundsätzlich nicht über seine Patienten sprechen dürfe und dies auch nicht wolle. Im Allgemeinen sei aber die Frage, ob jemand gegen seinen Willen in eine psychiatrische Klinik einzuweisen sei, äusserst schwierig zu beantworten. Die entsprechende Entscheidung sei meist sehr anspruchsvoll, komplex und oft auch sehr belastend.

Für Herrn Sonderegger verlief der erzwungene Aufenthalt in der Klinik traumatisch. Er ist sich zwar bewusst, dass er krank ist. «Ich bin bipolar. Wenn ich traurig bin, dann bin ich minus, wenn ich fröhlich bin, dann bin ich plus», erklärt er. Trotzdem fühlte er sich damals zu Unrecht eingesperrt und rebellierte schon in der ersten Nacht. Er musizierte um ein Uhr auf seiner Handorgel, sang laut und tanzte durch den Gang. Seine Nacht endete im Isolierzimmer.

Von da an gab es jeden Tag Machtkämpfe. Herr Sonderegger wollte keine Medikamente schlucken, man drohte ihm mit weiteren Aufenthalten im Isolierzimmer, er wurde ausfällig, warf mit Bechern um sich und setzte einmal die Zelle unter Wasser. Die Ärzte ordneten an, er müsse die Nächte im Isolierzimmer verbringen, damit er andere Patienten nicht dauernd wecke. Doch er fürchtete sich davor, eingeschlossen zu werden, und wehrte sich vehement. Manchmal konnten ihn die Pfleger überreden, im «Iso» zu schlafen. Manchmal brachten sie ihn mit Gewalt in die Zelle, indem sie ihn übermannten, in einen Teppich wickelten und ins Zimmer trugen. Zwangsmedikation und -isolation nennt man die Massnahmen, mit denen der Patient sieben Nächte am Stück in Schach gehalten wurde.

Mehr Schaden als Nutzen

Schliesslich wurde ein Angehöriger auf die Situation aufmerksam, nachdem er einen Anruf von Herrn Sonderegger erhalten hatte. «Er war in Panik. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen und versuchte, ihn zu beruhigen», erzählt der Angehörige, der Herrn Sonder­egger heute als Anwalt vertritt. Am Anfang sei er ganz auf der Seite der Ärzte gestanden und habe nicht an deren fachlicher Kompetenz gezweifelt. «Aber dann hat ein Assistenzarzt behauptet, es werde keine Zwangsmedikation durchgeführt, was offenkundig gelogen war.»

Der Anwalt ist mittlerweile überzeugt, dass man Herrn Sonderegger mit der Behandlung mehr geschadet als genützt habe. «Der Zwang hat ihn unnötig provoziert und ihn noch kränker gemacht, er hätte sich auch freiwillig behandeln lassen», sagt er. Die Situation wurde durch die Tatsache verschlimmert, dass Herr Sonderegger vor etlichen Jahren in derselben Klinik als Psychiatriepfleger gearbeitet hatte. Er fühlte sich blossgestellt und beobachtet und bat darum, dass man ihn in eine andere Klinik verlege. Doch das geschah nicht.

Patient schikaniert

«Die Polizei und die Pfleger, alle haben ihn nur ausgelacht, niemand nahm ihn ernst», sagt der Anwalt. Sein Klient lebe am Rand der Gesellschaft, er benehme sich komisch, sei schwach und es sei einfach, ihn als Spinner abzutun. Er jedoch sei überzeugt, dass Herrn Son­deregger in dieser ganzen Geschichte Unrecht geschehen sei.

Der Anwalt legte Beschwerde gegen die fürsorgerische Unterbringung ein und nahm sich die Klinik vor. Nun macht er dem Sanatorium Kilchberg und dem Bezirksgericht Horgen Vorwürfe: Die Zwangsmedikation sei nach dem neu geltenden Gesetz nicht richtig durchgeführt worden, man habe die formellen Schritte nicht eingehalten. Eine Beschwerde gegen die Zwangsmassnahmen sei vom Gericht unterschlagen und nicht weiter bearbeitet worden. Man habe den Patienten schikaniert und medizinisch nicht richtig behandelt.

Das Spital ist anderer Ansicht. «Die Behandlungsmassnahmen und Zwangsmassnahmen sind aus Sicht der Klinik vorschriftsgemäss, korrekt und unter Einhaltung der bestehenden Sicherheitsstandards durchgeführt worden», sagt René Bridler, der Ärztliche Direktor des Sanatoriums. Es erstaune ihn aber nicht, dass Herr Sonderegger die fürsorgerische Unterbringung als negativ und leidvoll empfunden habe. Dies sei aufgrund der besonderen Umstände häufig der Fall, auch wenn alles korrekt ablaufe. «Eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit und zwangsweise Verabreichung von Medikamenten wird von vielen Betroffenen als erniedrigend erlebt.» Bei ­einer akuten Manie sei es aber wichtig, dass der Schlafrhythmus wiederhergestellt werde, weil Schlafmangel die Krankheit aufrechterhalte. Dazu müsse der Patient Medikamente einnehmen.

Recht auf Freiheit

Die Stiftung Pro Mente Sana kritisiert, dass die Zwangsmassnahmen in diesem Fall über Nacht angeordnet wurden. In der Krankenakte heisst es: «Am Tag lässt sich Herr S. mit viel Personalbetreuung auf der Station gerade noch soweit führen, dass Zwangsmassnahmen vermieden werden können. In der Nacht ist die Belastung unzumutbar.» In den Nachtstunden ist der Personalbestand abgesenkt, es ist nur eine Ärztin im Einsatz. «Ist der Patient einfach deshalb eingesperrt worden, weil man in der Nacht weniger Personal hat?», fragt Christoph Lüthy von Pro Mente Sana. Zwangsmassnahmen seien nicht dazu gedacht, um Personalprobleme zu lösen. Sie dürfen laut Erwachsenenschutzrecht nur dann angeordnet werden, wenn jemandem ernsthafter Schaden droht, oder um eine schwerwiegende Störung des Gemeinschaftslebens zu unterbinden.

Der Sanatorium-Direktor sagt, dass Zwangsmassnahmen nicht aufgrund von mangelndem Personal angeordnet werden, man beschäftige ein sehr gutes Kader. Aber er räumt ein, dass es in Zukunft schwierig werde, den Standard zu halten: Es gebe in der Psychiatrie ein ­Rekrutierungsproblem.

Klinik ist eine Provokation

Elf Tage nach der Einweisung hiess das Obergericht die Beschwerde von Herrn Sonderegger gut und wies die Klinik an, den Patienten zu entlassen. Das Obergericht hat in seinem Urteil den Begriff der Selbstgefährdung enger definiert als das Bezirksgericht: Dass der Mann aufgrund seiner Erkrankung sein soziales Netz verlieren könnte, gelte nicht als Selbstgefährdung. «Nach den Schilderungen über das Verhalten mag der Patient ein anstrengender und aus dem Rahmen fallender Mitmensch sein. Auch wenn die Situation für die Nachbarn und andere gelegentlich lästig erscheinen mag oder sie sich in ihrer Ruhe gestört fühlen könnten, geht daraus keine konkrete Selbstgefährdung hervor», heisst es im Urteil. Eine freiwillige Behandlung sei auch deswegen angebracht, weil die Unfreiwilligkeit des Aufenthaltes in der Klinik für Herrn S. eine grosse Belastung und möglicherweise auch eine Provokation sei.

Dass das Obergericht ein psychiatrisches Gutachten stürzt, komme relativ selten vor, sagt der Gutachter Witold Tur. Doch gerade im Bereich der Zwangsmedikation habe sich die Gerichtspraxis verändert – es wird schwieriger, Zwang zu begründen. «Der Begriff der nicht abzuwendenden Gefahr wird heute strenger ausgelegt», sagt Tur. Das sei zwar mühsam für die Ärzte. Aber das Recht auf Freiheit sei das zweithöchste Gut nach dem Recht auf Leben.

«Hoher Normierungsdruck»

Auch wenn man dem Sanatorium Kilchberg in diesem Fall vorwirft, zu viel Zwang angewendet zu haben, begrüsst der Direktor das «liberale Urteil». «Ich persönlich wünsche mir eine Psychiatrie, die auf Freiwilligkeit beruht», sagt Bridler. Er würde es eindeutig begrüssen, wenn die Psychiatrie nicht Polizeiaufgaben übernehmen müsste. Aber er bezweifle, dass unsere Gesellschaft bereit sei, Leute jenseits der Norm zu tragen. «Es herrscht ein hoher gesellschaftlicher Normierungsdruck, psychische Krankheiten sind bis heute stigmatisiert.»

Herr Sonderegger lebt jetzt wieder in seiner Einzimmerwohnung, er bäckt Zopf, hört Radio Klassik und sagt, er nehme seine Medikamente. Nicht so hoch dosiert, dass er ganz normal werde. Ein bisschen anders möchte er schon sein. Auf seinen Psychiater, der ihn eingewiesen hat, ist er nicht böse. Aber er hat eine Patientenverfügung geschrieben, in der steht, dass er nie mehr im Sanatorium Kilchberg behandelt werden möchte. Zudem erhält er Genugtuung, weil man nun seiner Geschichte nachgeht und etliche Verfahren im Gang sind. So läuft gegen das Bordell eine Strafanzeige wegen Bedrohung, Nötigung und Betrugsversuchs. Das Sanatorium hat er wegen Körperverletzung angezeigt, und gegen die Kantonspolizei wurde ein Aufsichtsverfahren eingeleitet, um zu klären ob die Beamten falsch gehandelt haben.

* Name von der Redaktion geändert.

Erstellt: 16.11.2014, 23:48 Uhr

Kanton Zürich

3000 fürsorgerische Unterbringungen

Die Schweiz belegt bei Zwangseinweisungen in die Psychiatrie europaweit einen Spitzenplatz.

Laut dem Erwachsenenschutzgesetz darf jemand gegen seinen Willen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden, wenn er oder sie psychisch krank, geistig behindert oder schwer verwahrlost ist und eine Behandlung anders nicht möglich ist. Im Durchschnitt trifft dies in der Schweiz auf jeden vierten Patienten in einer psychiatrischen Klinik zu, womit das Land in Europa zu den Spitzenreitern zählt. Nur Österreich und Finnland haben höhere Quoten. Im Kanton Zürich gab es 2013 rund 3000 sogenannte fürsorgerische Unterbringungen, das entspricht etwa 20 Prozent aller Eintritte.

Seit Anfang 2013 neue gesetzliche Bestimmungen in Kraft traten, dürfen Zwangsmassnahmen wie Isolation, Fixierung oder Zwangsmedikation auch bei einem erzwungenen Klinikaufenthalt nicht mehr automatisch erfolgen, sondern müssen separat angeordnet werden. Zwang ist nur erlaubt, wenn dem Patienten oder der Patientin ohne Behandlung ernsthafter Schaden droht oder Dritte ernsthaft gefährdet werden könnten.

Der Nationale Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ) hat diesen Herbst erstmals Zahlen zum Thema publiziert. Im Jahr 2013 war die häufigste angewandte Zwangsmassnahme die Isolation (2554 Fälle), gefolgt von Zwangsmedikation (1232 Fälle) und Sicherheitsmassnahmen wie Bettgitter (506 Fälle).

Grosse Unterschiede

Laut der Studie gibt es grosse Unterschiede zwischen den psychiatrischen Kliniken. In rund der Hälfte der 63 befragten Einrichtungen werden kaum Zwangsmassnahmen angewendet – bei 10 Kliniken gibt es hingegen signifikant mehr Behandlungen gegen den Willen der betroffenen Personen. «Das muss nicht bedeuten, dass diese Kliniken schlechter sind», sagt Regula Ruflin von ANQ. In der Erhebung seien sehr unterschiedliche Spitäler vertreten, von der Burn-out- bis zur Universitätsklinik. Die Zwangsmassnahmen seien stark von den Patienten abhängig, die behandelt würden. Noch sind alle erhobenen Daten anonymisiert, den Spitälern wurden die Vergleichswerte der anderen Kliniken mitgeteilt. «Mit der nationalen Erhebung beginnt nun die Diskussion über dieses sensible und wichtige Thema», so Ruflin. (Simone Schmid)

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