In einem Floh von einem Flugzeug will er allein die Welt umfliegen

Am Mittwoch startet Carlo Schmid einen Weltrekordversuch. Er will als jüngster Pilot die Welt umfliegen.

Als jüngster Pilot einmal um die Welt: In zwei Tagen hebt Carlo Schmid mit seiner Cessna zur Weltumrundung ab.

Als jüngster Pilot einmal um die Welt: In zwei Tagen hebt Carlo Schmid mit seiner Cessna zur Weltumrundung ab. Bild: Sophie Stieger

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In Gedanken hat er die Welt bereits umflogen. Schon mehrfach. In seinem geistigen Flugsimulator hat er jede der 43 Städte seiner Route angeflogen. Er hat jeden Anflug, jedes Pistensystem vor seinem inneren Auge und den Flugfunk vieler Destinationen im Ohr. Über das Internet hat er sich mit dem Englisch in Kalkutta vertraut gemacht oder mit den Masseinheiten, von denen russische Lotsen sprechen. Und im Kopf hat er sämtliche Gefahrenzonen – Zonen, in denen geschossen werden könnte.

Am Mittwoch, endlich, wird Carlo Schmid auf dem Militärflugplatz Dübendorf seine gemietete Cessna 210 besteigen, einen Floh von einem Flugzeug, und erstmals real die Welt umfliegen. Schafft er es, wird der 22-Jährige der jüngste aller «Earthrounders», Erdumrunder, sein und ins Guinnessbuch der Rekorde eingehen. Dafür braucht er wie schon Jules Vernes Helden 80 Tage.

Krank werden ist die grösste Gefahr

Er werde fast jeden Tag 4 bis 5 Stunden fliegen, erzählt Carlo Schmid, und wenn er von seiner Reise erzählt, dann strahlen seine Augen. Sie strahlen fast das ganze Gespräch über. Es ist später Abend. Zuvor hat er das Bordbuch abgeholt, am nächsten Morgen wird er die Rettungsausrüstung ins Flugzeug bringen, und dazwischen hat er einen Interviewtermin hineingequetscht. Die Reise wird ihm alles abverlangen; er fliegt allein und durch alle Klimazonen, auf die er die Cessna neu abstimmen muss. Einmal wird er bei 60 Grad Celsius schmoren, dann wieder schlottern.

Ein kleiner Fehler schon könnte seiner Reise ein Ende setzen; würde er die Cessna bei der Landung nur etwas zu steil aufsetzen, ginge der Propeller kaputt, die nur knapp über dem Boden rotieren. Es dauerte Monate, bis er weiterfliegen könnte. Aber die Landung, sagt er, habe er nun im Griff. Die grössere Gefahr sei, dass er krank werden könnte.

Flugzeuge putzen, um fliegen zu lernen

Ein Flugzeug fliegt dröhnend heran, wenige Meter über den Dächern. Natürlich kennt Carlo Schmid den Flugzeugtyp. Schliesslich stand er als kleiner Junge mit seinem Vater jeweils bei Wind und Wetter an der Piste 28 und beobachtete die landenden Flieger. Gross geworden ist er in Kloten, ständig die Anflugschneise vor Augen. Als er 15 war, begann er wie sein Vater mit Segelfliegen. Mit 16 erhielt er die Lizenz, mit 17, in einem Alter, in dem seine Kollegen noch nicht einmal Auto fahren dürfen, die Privatpilotenlizenz.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Idee eines Weltumflugs bereits in seinem Kopf festgesetzt. Der Keim hat die Internetsite Earthrounders.com gelegt, die alle Piloten feiert, die in einem Kleinflugzeug die Welt umflogen haben. Es sind lediglich 87. Seither richtete Carlo Schmid sein ganzes Tun und Denken auf die Reise aus. Während seiner KV-Lehre auf einer Bank sparte er jeden Franken, in seiner Freizeit putzte er Flugzeuge, damit er die teuren Flugstunden bezahlen konnte.

Eine halbe Million gesammelt

Er fand auch einen Fluglehrer, der ihn förderte. «Das war ein Drill wie im Militär», sagt er. Wenn er freihatte, musste er rund um die Uhr zur Verfügung stehen: um 3 Uhr morgens aufstehen, um 3.30 Uhr das Eis vom Flugzeug kratzen, bis auch der kleinste Eiskristall entfernt war. Er checkte Öl, Luftdruck und Kerosin, erstellte Wetterkarten, flog, lernte Theorie, übte im Flugsimulator, flog wieder. Bis am späten Abend. Der Lehrer trainierte mit ihm auch heikle Situationen, flog etwa in eine Vereisung hinein. Heute, so sagt Carlo Schmid, mache er die langen Checks im Cockpit im Schlaf, habe alle Abläufe für alle möglichen Vorfälle komplett verinnerlicht.

Die halbe Million Franken, die die Reise kostet, sammelte er mithilfe von Kollegen. Der eine gestaltete die Internetseite, andere sind für die Finanzen zuständig, für Public Relations, für Fotos oder die Projektleitung. Sie taten es alle gratis und höchst professionell. Und so stehen auf seiner Website medienwirksame Sätze wie: «Vielleicht scheitere ich, aber aufgeben werde ich nie.»

Auf vieles verzichtet

Die halbe Million hatten sie bald zusammen. Sie machten unzählige Präsentationen bei möglichen Sponsoren und lancierten eine grosse Sammelaktion; wer 100 Franken spendete, konnte seinen Namen auf das Flugzeug drucken lassen. Und Fraui, einer von Carlo Schmids Kollegen, schrieb einen Song für ihn, «Zäme um d’Wält». Und der Musiker stiess damit prompt auf Platz 8 der Hitparade vor.

Im Gespräch mit Carlo Schmid fallen immer wieder Wörter wie Durchhalten, Konzentration, Disziplin. Er hat auf vieles verzichtet, was für Gleichaltrige selbstverständlich ist. Dennoch wirkt er nicht verbissen, sondern entflammt. «Wenn ich im Flugzeug sitze, dann bin ich mit all meinen Gedanken ganz präsent. Ich kann total abschalten und den Alltag hinter mir lassen», sagt er.

Kein Egotrip

So ist für ihn der Guinnessbucheintrag lediglich ein «schöner Nebeneffekt», der es ihm erleichterte, Sponsoren zu finden. Der Erlös der Sammelaktion, die er mit dem Umflug verbindet, kommt dem Kinderhilfswerk UNICEF zugute. Der 22-Jährige sagt, er wolle nicht, dass der Weltumflug sein Egotrip werde. Deshalb habe er nach Wegen gesucht, wie auch die Allgemeinheit davon profitieren könne.

Läuft alles nach Plan, landet Schmid am 29. September auf dem Militärflugplatz Dübendorf. Dann wird er 108 Stunden und 52 Minuten geflogen sein und 40'000 Kilometer zurückgelegt haben. Und dieses Mal ganz real. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2012, 09:09 Uhr

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