Warum die SP in ihrer Hochburg am stärksten verlor

Im Kanton Zürich haben die Sozialdemokraten schmerzlich viele Stimmen eingebüsst. Prominente Parteimitglieder über die Gründe.

Jacqueline Badran: «Die SP ist eine unglaubliche Projektionsfläche für alles, was ungerecht läuft.»

Jacqueline Badran: «Die SP ist eine unglaubliche Projektionsfläche für alles, was ungerecht läuft.»

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«Genau das», sagt Markus Späth, «kann ich mir nur schwer erklären.» Der kantonale SP-Fraktionschef ist etwas ratlos, wenn es um die Verluste seiner Partei geht. Am meisten erstaunt ihn, wo die SP Stimmen eingebüsst hat: in der Stadt Zürich. In der linken Hochburg ist der SP-Wähleranteil am Sonntag um knapp 6 Prozent eingesackt – ein dramatisches Ergebnis. Gleichzeitig haben die Grünen knapp 10 Prozent dazugewonnen, die GLP über 6 Prozent.

Als Historiker kann sich Späth den Einbruch nur mit der Geschichte erklären. Diese zeigt: «Wir verloren, wenn die Grünen gewannen.» Nur im Zürcher Wahl-Frühling 2019 habe dieses Prinzip weniger verfangen.

Auch die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran zeigt sich nachdenklich und sucht nach Gründen für den Verlust: «Ich weiss es nicht, wirklich nicht», sagt sie. Badran ist die diesjährige Panaschierkönigin. Keine Nationalrätin ist derart viel auf andere Listen aufgeschrieben worden wie sie. Badran fragt sich, was sich im vergangenen halben Jahr verändert hat. «In den Kantonsratswahlen konnten wir uns in Zürich halten.» Eine Begründung sieht sie in der Wirkung der Grünen: «Möglich, dass sie für die Menschen eine Art Projektionsfläche für ihre Träume geworden sind. Die SP hingegen ist eine unglaubliche Projektionsfläche für alles, was ungerecht läuft. Das habe ich in unzähligen Gesprächen gemerkt.» So gesehen, sei die SP in Zürich ein Opfer ihres Wahlerfolgs.

Grün statt SP punktet

Die neu gewählte Stadtzürcher Nationalrätin Céline Widmer hat während des Wahlkampfs häufig erlebt, dass potenzielle SP-Wähler diesmal auf die grüne statt auf die rote Liste gesetzt haben. «Um ein Zeichen zu setzen», sagt Widmer. Mit den gross angelegten Demonstrationen sei das Klimathema fast nirgends so deutlich geworden wie in Zürich. Ähnlich sagt es Marco Denoth, Co-Präsident der Stadtzürcher SP: «Neben den Klimademos gab es für die SP-Themen kaum Medienaufmerksamkeit.»

Tatsächlich hat die SP ihre Stimmen schweizweit hauptsächlich an ihre einstige Juniorpartnerin verloren. Das verdeutlicht die Nachwahlumfrage von Tamedia vom Montag. Sie zeigt, dass die Grünen bei der Anhängerschaft der SP stark punkten konnten: 20 Prozent der SP-Wählerschaft von 2015 haben bei den nationalen Wahlen diesen Sonntag die Grünen gewählt. Das ist die grösste Verschiebung zwischen zwei Parteien bei der aktuellen Neubesetzung des Parlaments.

Unter anderem deshalb hat die SP im Nationalrat vier Sitze verloren. Zwei davon gehen auf das Konto der Zürcher SP, zwei auf jenes der Berner Partei. Die Grünen konnten allerdings auch einen beachtlichen Teil an neuen Wählerinnen und Wählern mobilisieren. SP-Kantonsrat ­Davide Loss sagt dazu selbst­kritisch: «Wir haben uns beim Klimathema schlecht verkauft.»

Andere Sozialdemokraten ­sehen nebst dem Klima weitere Gründe für den Verlust – zum Beispiel die Persönlichkeiten auf der SP-Liste. Das Fazit von ­Kantonsrat Jonas Erni aus Wädenswil: «Daniel Jositsch und Chantal Galladé haben auf der Nationalratsliste gefehlt.»

Der Rechtsprofessor aus Stäfa ist heute Ständerat und erzielte vor vier Jahren über 140'000 Stimmen. Auch die zurückgetretene Galladé war damals ein wichtiges Aushängeschild für die Partei. Sie sammelte über 115000 Stimmen, inzwischen ist sie GLP-Mitglied. Ausser der Zürcher Überfliegerin Jacqueline Badran erreichte in diesem Jahr keine Kandidatin und kein Kandidat aus der Zürcher SP mehr als 100'000 Stimmen.

Viele SP-Sympathisanten haben also die Grünen gewählt, wie schon in vergangenen Jahren. Zum ersten Mal zeichnet sich aber ein neues, bedrohliches Bild für die SP ab: Noch nie erreichten die Grünen mit 14 Prozent einen fast ähnlich grossen Wähleranteil wie die SP, die am Sonntag von 21 auf 17 Prozent fiel. Die Grünen sind nun nicht mehr ­Juniorpartnerin der SP, sondern politisieren auf Augenhöhe.

«Wofür steht die SP?»

Für Koni Loepfe, ehemaliger Präsident der Stadtzürcher SP, steht nun eine wichtige Frage im Raum: «Was ist die Identität der SP?» Die Grünen besetzen das Öko-Thema, die CVP profiliert sich mit der Prämienverbilligung und die GLP steht für einen europäischen Kurs. Für ihre Zukunft sei nun entscheidend, wie sich die SP positioniere, sagt Loepfe.

Auf die Frage, wie weiter, sagt Badran: «Wir machen unser Ding und versuchen, das besser zu kommunizieren. Und ich muss auch sagen: Nach dem ersten Schock habe ich mich unglaublich gefreut über den Linksrutsch. Jetzt können wir verwirklichen, wofür wir seit 50 Jahren gekämpft haben.» Eine sozialliberale oder linke Kurskorrektur forderten die Angefragten nicht.

Erstellt: 22.10.2019, 06:30 Uhr

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