Internet-Konsum: Ein Drittel der Primarschüler ist suchtgefährdet

Jedes vierte Kind in der ersten Klasse hat bereits einen eigenen Computer, wie eine neue Studie zeigt. Und sehr oft nutzen Primarschüler diesen ohne Kontrolle durch die Eltern.

Ein Viertel der Erstklässler sitzt täglich vor dem Bildschirm. Ein PC für Kinder gilt oft als Statussymbol.

Ein Viertel der Erstklässler sitzt täglich vor dem Bildschirm. Ein PC für Kinder gilt oft als Statussymbol. Bild: Hollandse Hoogte, Laif

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Die Kinder sind früher und häufiger auf dem Internet, als die Fachwelt bisher angenommen hat. Erstmals hat eine Studie im Kanton Zürich untersucht, wie leicht der Zugang von Primarschulkindern zur virtuellen Welt ist, warum sie sich dort aufhalten und was sie über die Gefahren wissen, die ihnen dort auflauern. Erstellt wurde die Studie durch die Fachstelle Zischtig.ch, die sich auf die Beratung von Lehrpersonen, Eltern und Schülern im Umgang mit neuen Medien spezialisiert hat. Befragt wurden 620 Schüler in Zürich, Kilchberg, Maur, Schlieren und Wald.

Studienleiter Joachim Zahn ist überrascht, wie leicht Primarschulkinder auf Computer, Internet und Smartphones zugreifen können. Das alleine aber sei noch kein Problem: «Das Gift liegt in einer hohen Verfügbarkeit des Internets kombiniert mit einer eingeschränkten Betreuung der Kinder», sagt Zahn. Diese Kombination sei vor allem in bildungsfernen, ärmeren Familien anzutreffen. Die Studie spricht von einem tiefen sozioökonomischen Status der Familie. Ausländer seien in dieser Gruppe besonders stark vertreten, so Zahn.

Die wichtigsten Erkenntnisse im Einzelnen:

Hohe Computerdichte. Bereits in der ersten Klasse besitzt jedes vierte Kind einen Computer. In der dritten Klasse ist es ein Drittel, in der sechsten bereits über die Hälfte der Kinder, die ein eigenes Gerät haben. Eine Erhebung aus dem Jahr 2004 ging noch von durchschnittlich 7 Prozent der Primarschulkinder mit eigenem PC aus. In Deutschland sind es 15 Prozent. «Oft gilt der PC für Kinder als Statussymbol», sagt Zahn. In ärmeren Zürcher Haushalten besitzt die Hälfte der Primarschüler bereits einen eigenen PC, gebildete und reiche Eltern scheinen zurückhaltender zu sein (32%). Ein Viertel der Erstklässler sitzt täglich vor dem Bildschirm. 97 Prozent der Haushalte haben Internetanschluss.

Schlechte Betreuung. Nur 11 Prozent der Kinder werden in der Regel bei ihrer Tätigkeit am Computer von den Eltern betreut. 62 Prozent sitzen alleine vor dem Bildschirm. Während in gut situierten Familien bloss ein Viertel der Kinder, ohne zu fragen, aufs Internet gehen darf, ist es bei den ärmeren Schichten fast die Hälfte. Entsprechend verhält es sich mit der Regel: Zuerst Hausaufgaben, dann Internet. «Die Regelung von Internetnutzung korreliert extrem mit der Beschäftigungssituation der Eltern», sagt Zahn. In Familien mit tiefem Bildungs- und Einkommensstand sind öfter beide Eltern erwerbstätig. Gleichzeitig bestehen weniger Regeln in der Anwendung der Medien.

Mangelhafte Aufklärung. Kinder sind schlecht informiert über die Gefahren im Internet. Viele haben das Gefühl, Social Networks seien gefährlich, können die Gefahr aber nicht genau benennen. Genannt werden auch sexuelle Belästigung, Gewalt und Pornografie – aber nur von 10 bis 15 Prozent der Kinder. Kaum bewusst sind ihnen das Suchtpotenzial der neuen Medien, die rechtlichen und finanziellen Fallen im Internet sowie die Gefahr des Missbrauchs von Fotos. Die wenigsten Kinder wissen, was ihre Eltern über Internet und Computer denken. «Es ist davon auszugehen, dass Eltern wenig über die Vor- und Nachteile digitaler Medien sprechen», sagt Zahn. Umgekehrt würden auch bloss drei von fünf Kindern mit ihren Eltern über Schwierigkeiten mit Inhalten aus dem Internet oder Tätlichkeiten sprechen.

Zeitkiller. Kinder gehen in erster Linie aus Langeweile ins Internet. 40 Prozent gaben dies als Hauptgrund an, dahinter folgt Spass bei 24 Prozent. Immerhin knapp 7 Prozent geben an, dass sie die Medien zur Überbrückung oder Verdrängung von Einsamkeit verwenden. Weitaus am häufigsten suchen die Kinder Spielseiten auf, gefolgt von Youtube, Google und Facebook. Interessanterweise haben bereits 17 Prozent der Drittklässler ein Facebook-Profil, in der sechsten Klasse sind es 48 Prozent. Dabei richtet sich das Angebot ausdrücklich an über 13-Jährige.

Suchtpotenzial. Rund 35 Prozent der Kinder weisen erste Anzeichen von Onlinesucht auf: Sie verweilen länger als vorgenommen online, haben Mühe, das Gerät abzuschalten, geraten in Streit mit den Eltern wegen des Internetkonsums und messen dem PC einen hohen Stellenwert zu. «Die grösste Gefahr, die vom Internet ausgeht, ist die Suchtgefahr», sagt Zahn. Vor allem dieses Thema müsse mit den Kindern häufiger und altersgerecht diskutiert werden. «Heute beschränken sich die Warnungen vieler Eltern darauf, dass die Kinder am Bildschirm viereckige Augen bekommen.»

Positive Seiten. Für Zahn lauern in den neuen Medien nicht bloss Gefahren. Das Internet helfe den Kindern an Informationen zu kommen und Kommunikation zu pflegen. In Communities können sie sich austauschen und Lebenshilfe holen. «Ein kompetenter Umgang mit dem neuen Medium bringt dem Kind auch Vorteile», sagt Zahn.

Morgen Donnerstag informiert der Verein Zischtig.ch zusammen mit der Stadtpolizei auf der Zürcher Rathausbrücke von 9 bis 17 Uhr über die altersgerechte Nutzung des Internets und den Schutz vor möglichen Gefahren – im Rahmen des Tages der Medienkompetenz.

Erstellt: 26.10.2011, 07:23 Uhr

Internetregeln

Was erlaube ich meinem Kind?

Die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat einen Leitfaden für Eltern zusammengestellt mit Fragen und Antworten rund um den Konsum von Bildschirmmedien. Die wichtigsten Ratschläge:


  • Zeitlimiten definieren und einhalten (siehe Interview unten). Das gilt für Internet, Gamen, aber auch fürs Fernsehen.

  • PC und Spielkonsolen gehören nicht ins Kinderzimmer.

  • Kinder im Primarschulalter sollen nur in Absprache mit den Eltern ein Profil auf einem Social Network erstellen. PrivatsphäreEinstellungen überprüfen. Facebook erst ab 13 Jahren.

  • Kinder ermahnen, keine persönlichen Daten wie Adresse oder Telefonnummern auf dem Internet bekannt zu geben. Oder nur zusammen mit den Eltern.

  • Kinder auf Gefahren in Foren und Chats aufmerksam machen: niemals eine ChatBekanntschaft alleine treffen.

  • Nicht alleine auf Filtersoftware für nicht kindgerechte Seiten vertrauen. Zusätzlich das altersgerechte Gespräch mit den Kindern zu Themen wie Gewalt und Sexualität suchen.

  • Über Sucht sprechen. Und auf Suchtanzeichen achten: Onlinezwang, Schuldgefühle, Entzugserscheinungen.

  • Kinder, die sich unwichtig und unverstanden fühlen, sind besonders suchtanfällig.

  • Mit dem Kind mitspielen und mitsurfen, sich dafür interessieren, was es online macht.

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