Jäger jagen Spaziergängerin Schrecken ein

Eine junge Frau geriet im Zürcher Oberland unerwartet in eine Treibjagd. Wie Jäger und Fussgänger mit dieser Situation umgehen sollten.

Jagdverwalter Urs Philipp über Waidmänner: «Er weiss stets, wo seine Kugel einschlägt, wenn sie ihr Ziel verfehlt.»

Jagdverwalter Urs Philipp über Waidmänner: «Er weiss stets, wo seine Kugel einschlägt, wenn sie ihr Ziel verfehlt.» Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das trockene Herbstwetter lockt Spaziergänger, Läufer, Reiter, Pilzler und Hündeler in die Zürcher Wälder. Das verfärbte Laub bietet noch wenige Tage ein eindrückliches Naturschauspiel. Just diese Idylle ist aber auch die Kulisse der Hochsaison der Jäger. Wie schnell Gemütlichkeit einem Schrecken weicht, erlebte kürzlich eine junge Spaziergängerin. Sie war in einem Waldstück beim Flugplatz Speck in Fehraltorf unterwegs, als sie sich plötzlich einem an einem Baum lehnenden Jäger gegenüber sah. Der Mann hatte eine Waffe in der Hand und wartete am Rande des Waldwegs. In einiger Entfernung fielen Schüsse – eine Treibjagd war in vollem Gange.

Weder in der Gemeindezeitung noch am Eingang des Waldstückes hätten sich Hinweise darauf befunden, moniert die 23-Jährige gegenüber der Lokalzeitung «Regio.ch». Mit zahlreichen Jägern war in diesem Waldstück die Jagdgesellschaft Fehraltorf in Aktion gewesen. Deren Obmann, Andrea Picenoni, betont, dass weder für Spaziergänger, Läufer noch für Hündeler eine Gefahr bestanden habe. Allerdings komme es immer wieder vor, dass sich Passanten ob der Jäger erschreckten. Picenoni räumt ein, dass nicht auf sämtlichen Wegen im Gehölz Warnsignale auf die Jagd hingewiesen hätten. An den Strassen, die durch das Waldstück führten, hätten an diesem Tag hingegen drei Triopane davor gewarnt.

«Wir schiessen nicht ziellos»

Grundsätzlich sind die Jäger im Kanton Zürich gesetzlich nicht dazu verpflichtet, eine Jagd anzukündigen. Laut Max Keller, Obmann des Jagdbezirks Weinland, täten sie es in der Regel aber trotzdem und zwar auf verschiedenen Kanälen. Schliesslich herrsche eine Koexistenz von Jägern und Fussgängern in den Waldgebieten. «Wir stellen Warntafeln auf Wegen auf, die in Waldstücke hineinführen, publizieren unsere Jagdtermine in den Gemeindeblättern und informieren Vereine, die davon betroffen sein könnten – etwa die Reiter», sagt er.

Der Obmann bedauert aber, dass die Fussgänger die Hinweise oft einfach ignorierten. «Auf den Wegen sind sie aber auch dann nicht in Gefahr. Wir schiessen schliesslich nicht ziellos durch die Gegend, sind in der Regel ortskundig und kennen auch das Wegnetz im Waldstück, in dem wir jagen.» Heikel werde es erst, wenn die Leute kreuz und quer durchs Gehölz streiften. «Treffen wir an einer Treibjagd auf Spaziergänger, erklären wir ihnen, was vor sich geht, worauf sie sich meist ohne Aufforderung aus dem Waldstück entfernen.»

Keller betont, dass in der Jagdsaison Vorsicht geboten sei – und zwar auf beiden Seiten. Das gelte insbesondere für Hundehalter. Sie müssten ihre Tiere gut im Griff haben oder zwingend an die Leine legen. Er hat dabei nicht etwa Angst um den Hund. Die Gefahr, dass die Waidmänner ihn mit einem Wildtier verwechselten, sei sehr klein. «Die Jäger sind gehalten, ein Tier vor dem Abschuss anzusprechen, das heisst genau zu identifizieren.» Bevor er den Abzug durchziehe, müsse er das Alter eines Rehs beurteilen können und ob es sich dabei um einen Bock oder eine Kuh handle. «Nein, das Schlimmste ist, wenn sich ein Hund an der Jagd beteiligt.»

Auf keinen Fall verstecken

Fischerei- und Jagdverwalter Urs Philipp sind in den vergangenen 15 Jahren drei Zwischenfälle bekannt, bei denen Personen bei sogenannten Gesellschaftsjagden verletzt wurden. In zwei Fällen waren Treiber betroffen. Im dritten wurde ein Passant von Schrot verletzt.

Philipp empfiehlt Fussgängern, die unerwartet in eine Gesellschaftsjagd hineingeraten, sich unaufgeregt zu entfernen. «In dieser Situation darf man sich auf keinen Fall hinter einem Busch oder Baum verstecken. Es gilt: je besser sichtbar, desto besser.» Grundsätzlich müssten die Jäger jederzeit damit rechnen, dass ein Passant auftauchen kann. «Deshalb ist der Aspekt Sicherheit ein wichtiger Punkt in ihrer Ausbildung.»

Seit dem 1. Oktober und noch bis Ende Januar finden in den Zürcher Wäldern Treibjagden statt. Die Gesellschaften müssen dabei dem Kanton melden, wenn sie in ihrem Revier eine Jagd veranstalten.

«Wir nutzen die Gelegenheit, Kontrollen durchzuführen», führt Philipp aus. Er kontrolliere etwa, ob alle Jäger im Besitze eines Treffsicherheitsnachweises seien, wie der Anlass organisiert sei, wie die Teilnehmer eingewiesen würden oder welche Hunde dabei seien.

Aus dem Vorfall gelernt

Die Fehraltorfer Jäger haben auf den Vorfall reagiert: Künftig sollen zusätzliche Schilder sowie eine Ankündigung im Publikationsorgan der Gemeinde die Fussgänger warnen.

Erstellt: 05.11.2015, 14:43 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Es ist immer Zeit, Danke zu sagen

Erst die Gönner machen die Arbeit der Krebsliga möglich. Der Tag des Testaments bietet Gelegenheit darüber zu sprechen, wie wir anderen etwas Gutes tun können.

Blogs

Sweet Home Machen Sie mehr aus Ihrem Sofa

Geldblog Georg Fischer fährt Achterbahn

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...