Jedem sein Iod

Ab heute erhalten alle, die bis 50 Kilometer von einem AKW entfernt wohnen, eine Schachtel Iodtabletten.

Mit Iod kann man auch die sogenannte Elefantenzahnpasta herstellen. Von einer Nachahmung des Experiments muss allerdings abgeraten werden. Video: Youtube


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Zürich – Haben Sie Ihren Briefkasten heute schon geleert? War die Paketpost schon da? Ab heute nämlich dürfen Sie sich auf ein Geschenk des Bundes freuen: Jede und jeder, die und der im Umkreis von 50 Kilometern eines Atomkraftwerkes lebt – und das sind beinahe alle im Kanton Zürich – erhält eine Schachtel der Armeeapotheke, zwei Blister à 6 Tabletten à 65 Milligramm Kalium­iodid.

Die Tabletten sollen im atomaren Unglücksfall die Ioddepots in den Schilddrüsen füllen, damit diese kein radioaktiv verseuchtes Iod aufnehmen können. Laut der Geschäftsstelle Kaliumiodidversorgung treffen die ersten Pakete heute bei den Empfängern ein. Das Merkblatt wurde vorab in den letzten Wochen bereits verschickt. Im Verlustfall sind alle Informationen im Internet unter Kaliumiodid.ch abrufbar. Ab heute ist zudem die Hotline für Iod­fragen des Bundes freigeschaltet. Die Telefonnummer lautet: 0848'44'33'00.

Drei Fragen zum Umgang mit den Kalium­iodid­tabletten des Bundes, eine zum Geld und eine zum Namen:

  • Wohin mit den Tabletten? Am besten in die Hausapotheke. Das heisst, an einen trockenen, für Kinder unerreichbaren Ort, an dem Raumtemperatur herrscht.
  • Wann nimmt man die Tabletten ein? Wenn die Gefahr besteht, dass bei einem schweren Kernkraftwerksunfall radio­aktive Stoffe freigesetzt werden könnten, wird die Bevölkerung alarmiert und informiert, zum Beispiel über das Radio.
  • Was passiert, wenn ich die Tabletten versehentlich einnehme? Eigentlich nichts. Dennoch ist eine Einnahme von Iodtabletten «ohne behördliche Aufforderung zu vermeiden». Ein Arztbesuch ist nur bei einer Schilddrüsenkrankheit notwendig oder bei einem Kropf.
  • Muss ich die Tabletten bezahlen? Nein, die Kosten übernehmen die AKW-Betreiber. Das heisst: Wir bezahlen die Tabletten indirekt.
  • Weshalb heisst Iod Iod? Wird Iod verdampft, sind diese Dämpfe veilchen­farben, griechisch ioeides.

Alles eine Frage der Entsorgung

Als der Bund Anfang Jahr über die Verteilung informierte, wurde Kritik an der Verteilaktion laut. Die Tabletten schadeten mehr als dass sie nützen; sie seien Feigenblatt, um von den Gefahren der Atomenergie abzulenken; die Aktion diene einzig der Sanierung der Armeeapotheke. Einige Kritiker rieten denn auch dazu, die Tabletten gleich zu entsorgen, statt sie in der Hausapotheke zu versorgen.

Die letzte Iodverteilaktion liegt zehn Jahre zurück – damals wurde im Umkreis von 20 Kilometern verteilt; diese Tabletten sind in der Zwischenzeit an ihrem Ablaufdatum angelangt. Entsorgt werden sie unspektakulär bei der Apotheke oder der Drogerie des Vertrauens. Oder unter Berücksichtigung der elementaren Sicherheitsvorkehrungen (Schutzbrille, Kittel, Handschuhe) spektakulär im eigenen Kellerlabor oder der Küche.

Marc Bornand, Dozent für Chemie an der ZHAW in Wädenswil, findet es «ein bisschen schade», wenn so viel Kalium­iodid einfach fortgeworfen wird. Er hält regelmässig Showvorlesungen an der Fachhochschule, die mit spektakulären Experimenten Interesse für die Chemie wecken soll. Da findet das Kaliumiodid zum Beispiel in der Elefantenzahnpasta Verwendung. Durch die Reaktion von Kaliumiodid mit Wasserstoffperoxid entsteht in diesem Experiment eine lange Schaumschlange. Das Rezept dafür findet sich im Internet – Bornand rät jedoch davon ab, die Zahnpasta selber herzustellen. Es sei zwar tatsächlich spektakulär aber – wegen des starken Oxidationsmittels Wasserstoffperoxid –eben auch nicht ganz ungefährlich.

Ziemlich spektakulär ist auch der Versuch, der aus klarem Wasser nichts weniger als Gold macht. Man mische Blei(II)acetat Trihydrat, Kaliumiodid und konzentrierte Essigsäure. Aber Vorsicht: 1. hantieren Sie mit gefährlichen Inhalts­stoffen, 2. ist nicht alles Gold was glänzt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2014, 20:53 Uhr

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