Jeder Bezüger ein Betrüger?

Todesschütze Jeton G. scheint das perfekte Beispiel für den angeblich viel zu grosszügigen Sozialstaat zu sein.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er fuhr Jaguar und bezog doch Sozialhilfe; er kam mit dem Gesetz in Konflikt, wurde aber eingebürgert; er arbeitete nie, war renitent, und doch wurde ihm die Sozialhilfe nie gekürzt. Kurz: Todesschütze Jeton G. scheint das perfekte Beispiel für den angeblich viel zu grosszügigen Sozialstaat zu sein.

Kein Wunder, hat die SVP gestern im Kantonsrat genau dieses Klischee bedient und einmal mehr nach strengeren Gesetzen gerufen. Dumm ist nur, dass die Geschichte Jeton G. ausgerechnet in Regensdorf spielt, direkt unter den Augen von SVP-Kantonsrätin Barbara Steinemann. Sie sitzt nicht nur in der lokalen Fürsorgebehörde – sie gilt auch als eine der schärfsten Kritikerinnen des heutigen Sozialsystems. Dass die Linke dies genüsslich ausschlachtete und Steinemann vorwarf, schuld am Schlamassel sei ihre Behörde, ist ebenfalls kein Wunder. Zumal Wahlkampf ist.

Populistische Scheindebatten helfen nichts

Nur: Will man ernsthaft über Sozialhilfe reden – und das ist nötig angesichts der Vorwürfe, die im Raum stehen –, helfen populistische Scheindebatten nichts. Denn wenn Jeton G. zu einem nicht taugt, dann als Beispiel für den Sozialhilfebezüger schlechthin. Nach allem, was bisher bekannt ist, ist der gebürtige Kosovare ein Gewalttäter, Betrüger und Straftäter. Damit ist er wie der Hooligan im Fussball: eine Randerscheinung, aber eine extrem ärgerliche.

Wegen Leuten wie ihm nach strengeren Regeln für alle zu rufen, wie dies die SVP tut, klingt zwar, als würde man etwas tun, ist aber der falsche Weg. Das träfe vor allem jene, die sich benehmen. Tatsache ist: Das Gesetz böte heute schon die Handhabe, um einem Jeton G. die Hilfe zu streichen. Aber es harzt bei der Umsetzung. Das wiederum ist kein Grund für linke Häme. Wenn sich Laienbehörden mit solchen Fällen schwertun, braucht es Lösungen, nicht Vorwürfe.

Blockt die Linke Diskussionen mit Vorwürfen ab, macht sie es der SVP zu leicht. Diese erhebt Jeton G. nur zu gern zum Paradebeispiel, stempelt jeden Sozialhilfebezüger zum potenziellen Sozialhilfebetrüger und legitimiert so den angestrebten Sozialabbau. Das ist letztlich, als würde man Fussballspiele verbieten, statt gegen Hooligans vorzugehen.

Erstellt: 09.03.2015, 23:17 Uhr

Artikel zum Thema

Regensdorf sucht das Datenleck

Jetzt hat auch die SVP-Hochburg ihren Sozialskandal. Die bürgerliche Sozialbehörde hat dem mutmasslichen Todesschützen Jeton G. Sozialhilfe bewilligt. Und jemand hat den Medien geheime Informationen gegeben. Mehr...

Affoltern: Verdächtiger bezog Sozialhilfe und fuhr Jaguar

Jeton G. wird als Schütze im Tötungsdelikt von Zürich-Affoltern verdächtigt. Jetzt werden Details aus seinem Leben bekannt: Sein Einkommen besserte er mit einer lukrativen und illegalen Tätigkeit auf. Mehr...

Das halbe Dorf wählt SVP

Obwohl in den letzten Jahren zur Kleinstadt gewachsen, funktioniert Regensdorf noch wie ein Dorf. Die Politik kämpft mit den typischen Problemen einer Agglogemeinde – und setzt auf scheinbar linke Rezepte. Mehr...

Bild

Liliane Minor, Zürich-Redaktorin über die Debatte
um Sozialhilfebetrüger Jeton G.

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Es ist immer Zeit, Danke zu sagen

Erst die Gönner machen die Arbeit der Krebsliga möglich. Der Tag des Testaments bietet Gelegenheit darüber zu sprechen, wie wir anderen etwas Gutes tun können.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...