Jeder zehnte Schweizer Franken wird in der Stadt Zürich verdient

Die Wirtschaft in Zürich wächst schneller als im Rest der Schweiz. Stadtpräsidentin Corine Mauch verlangt, dass der Bund seinem Wirtschaftsmotor mehr Sorge trägt.

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Die 364 000 Beschäftigten in der Stadt Zürich haben sich ins Zeug gelegt: Sie haben im Jahr 2009 Dienstleistungen erbracht und Waren produziert, die einen Wert von 58 Milliarden Franken haben. So hoch war in jenem Jahr das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Stadt, wie Walter Wittmer, Leiter von Statistik Stadt Zürich, gestern an einer Präsentation sagte. Er hat die Zahlen vom Institut Créa der Universität Lausanne erheben lassen.

Sie zeigen, wie wichtig die Stadt Zürich für die Wirtschaft des ganzen Landes ist: Jeder zehnte Franken wird hier verdient. Nimmt man die Agglomeration dazu, ist es sogar jeder fünfte. Die Wirtschaft in Zürich zeigt sich zudem deutlich dynamischer als im Rest der Schweiz: Das Zürcher Bruttoinlandprodukt ist zwischen 1992 und 2009 um 74 Prozent auf 58 Milliarden Franken gestiegen – jenes der Schweiz wuchs lediglich um 52 Prozent auf 535 Milliarden.

Sensible Zürcher Konjunktur

Einen grossen Teil der 58 Milliarden Franken – mehr als ein Drittel – haben die Banken verdient. In guten Jahren ist ihre Dominanz zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht ein Segen für die Stadt: 2006 und 2007 stieg die Kurve des Bruttoinlandprodukts dank ihnen steil an, sie haben Tausende von Arbeitsplätzen geschaffen. Während der darauffolgenden Finanzkrise aber fiel die Kurve umso tiefer.

Wegen der starken Finanzindustrie reagiert die Konjunktur in Zürich sensibler als in anderen Städten. Die Wirtschaft des Kantons Bern etwa, die von der öffentlichen Verwaltung gestützt wird, ist äusserst resistent gegen Krisen – aber auch gegen Boomphasen. Selbst die Basler Wirtschaft mit der Pharmaindustrie zeigt sich konstanter als die Zürcher. Wie Michael Böniger von Statistik Stadt Zürich ausführte, gehört die Finanzbranche zu den volatilsten. Stabil sind neben der Verwaltung auch das Gesundheits- und Sozialwesen sowie der Detailhandel.

Unterstützung der Pendler

Die starke Finanzbranche verhilft der Stadt Zürich aber auch zu einer hohen Wertschöpfung: Ein Beschäftigter erwirtschaftete hier 2009 im Durchschnitt 190 000 Franken, das sind 20 Prozent mehr als im Schweizer Mittel. So konnte Zürich, wo kapp 5 Prozent der Schweizer Bevölkerung lebt, 11 Prozent des Bruttoinlandprodukts erarbeiten – dank der hohen Wertschöpfung und dank der Unterstützung der Pendler, die aus anderen Gemeinden nach Zürich zur Arbeit kommen.

Dennoch sind im Schatten der Finanzindustrie auch andere Branchen herangewachsen: Bedeutend sind heute das Gesundheits- und Sozialwesen sowie die Bereiche Immobilien, Informatik, Forschung und Entwicklung – und die Verwaltung. Laut Heike Frost von der städtischen Wirtschaftsförderung will die Stadt weitere Branchen unterstützen, um die Abhängigkeit von der Finanzbranche zu senken, die Kreativwirtschaft etwa oder Life Sciences.

Bund soll Lasten abgelten

Nach Ansicht von Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), sind diese Zahlen äusserst wertvoll für den «Wirtschaftsmotor Zürich». «Sie machen die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt sichtbar. Das kann uns helfen, unseren Anliegen mehr Gehör zu verschaffen.» So müsse der Bund etwa die Lasten, welche Zürich als Grossstadt trage, deutlich besser abgelten. Im Vergleich zu peripheren Regionen komme sie schlecht weg.

Corine Mauch und Sozialvorsteher Martin Waser (SP) bemühten sich an der Präsentation sichtlich, dezent aufzutreten. Natürlich seien die Zahlen geeignet, den Anti-Zürich-Reflex wachzurufen, sagte Corine Mauch auf eine Frage aus dem Publikum. Letztlich würden Stadt und Region aber voneinander abhängen. Ohne die Pendlerinnen und Pendler aus der Region wäre Zürich wirtschaftlich weniger leistungsfähig, und umgekehrt sei die Region auf die Stadt angewiesen. «Es braucht eine funktionierende Arbeitsteilung zwischen Stadt und Region im Interesse des ganzen Landes.» Und Waser doppelte nach: «Ohne Umland wäre die Stadt Zürich heute nicht da, wo sie ist. Das ist eine Respektsbekundung.»

«Zürich braucht Ausländer»

Nach Meinung von Martin Waser muss die Arbeitsteilung auch über die Landesgrenzen hinaus funktionieren. «Für den Standort Zürich ist es matchentscheidend, dass er das Arbeitskräftereservoir anderer Länder anzapfen kann.» Politisch sei dies zwar nicht immer einfach zu vertreten. Aber wenn die Schweiz die Schotten dichtmachen und die bilateralen Verträge kündigen würde, wie manche Stimmen forderten, käme es zu einer wirtschaftlichen Katastrophe. IT-Unternehmen zum Beispiel, die auf ausländische Spezialisten angewiesen seien, würden innert weniger Jahre abwandern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2011, 10:32 Uhr

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