«Jetzt gibt es eine Blockwahl Bürgerliche gegen Linksgrüne»

Er ist in einem Postbüro aufgewachsen und hat schon einen Posträuber verteidigt: Nun möchte der Alternative Markus Bischoff Regierungsrat werden. Er ist bereit, sich von SP und Grünen einbinden zu lassen.

Redegewandt und kämpferisch: Markus Bischof ist bekannt geworden als Präsident der BVK-PUK.

Redegewandt und kämpferisch: Markus Bischof ist bekannt geworden als Präsident der BVK-PUK. Bild: Keystone

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Herr Bischoff, warum treten Sie als linker Städter jetzt für den Regierungsrat an und hatten den viel wahrscheinlicheren Sitz im Zürcher Stadtrat Richard Wolff überlassen?
Ich bin manchmal etwas wählerisch. Der Kanton interessiert mich als Gebilde mehr als die Stadt. Und zweitens war ich damals, als es um den Stadtrat ging, als Präsident derart tief in der BVK-PUK drin, dass mir die städtischen Wahlen schlicht zu weit weg waren. Da musste ich erst mal durchatmen und wieder meine Batterien nachladen.

Haben Sie auch Söhne, die in der Hausbesetzerszene verkehren wie AL-Kollege Wolff?
Ich habe zwei Töchter, die 13 und 18 sind.

Ihre Beweggründe: Lust am Wahlkampf, Profilierung der Partei oder bereits Ambitionen auf den Nationalrat?
Ganz klar: Ich will Regierungsrat werden, das interessiert mich wirklich. Natürlich ergibt eine Regierungsratskandidatur eine positive Wechselwirkung für die Kantonsratswahlen. Dort will die AL Fraktionsstärke erreichen. Über die Nationalratswahlen reden wir erst nach den kantonalen Wahlen.

Um Regierungsrat zu werden, muss sich die AL in ein Viererpaket mit Mario Fehr und Jacqueline Fehr von der SP und Martin Graf von den Grünen einbinden. Sind Sie dazu bereit?
Natürlich, das wäre ein starkes Zeichen der Linken. Da könnten wir unsere gemeinsamen Positionen aufzeigen. Zum Beispiel Steuerfragen, günstiger Wohnungsbau oder Kinderbetreuung. Da gäbe es viele Themen, die wir mit linksgrünen Rezepten angehen könnten.

Schadet Ihre Kandidatur nicht vielmehr dem Grünen Martin Graf oder der profilierten SP-Frau Jacqueline Fehr?
Nein, im Gegenteil! Jetzt gibt es eine Blockwahl Bürgerliche gegen Linksgrüne. Der Wahlzettel hat schliesslich sieben Linien. Zudem wirkt das belebend auf den Wahlkampf. Regierungsratswahlen haben häufig eher tiefe Stimmbeteiligungen. Mit einem engagierten linken Wahlkampf können wir mehr Leute an die Urne bringen.

Trotzdem: Sie als Rechtsanwalt wären doch eine Alternative für Graf, der als Nichtjurist Justizdirektor ist?
Ich führe sicher keinen Wahlkampf gegen Martin Graf. Wir haben schliesslich sehr viele gemeinsame Anliegen und schrecken nicht vor profilierten Meinungsäusserungen zurück. Meine Kandidatur soll eine Belebung des Wahlkampfes und des linken Bündnisses sein.

Dann dürfen Sie Graf auch wegen der Affäre Carlos nicht mehr kritisieren?
Die Affäre Carlos hat immerhin gezeigt, dass der Rechtsstaat funktioniert hat. Und dass Fehlentscheide passiert sind, das streitet niemand ab.

Aber schliesslich geht es nicht um die Justiz. Frei werden unter anderem die Finanzen. Habe Sie da überhaupt eine Affinität?
Ich bin von Natur aus ein Zahlenmensch und bin in Berg, St. Gallen, in einem Postbüro aufgewachsen. Dort war ich von klein auf mit Zahlen konfrontiert. Und ich persönlich habe durchaus eine haushälterische Ader.

Würde ein linker Finanzdirektor als Erstes die Steuern erhöhen?
Die Finanzlage des Kantons ist nicht sehr rosig. Wir kommen in einen Finanzierungsengpass und müssen offen diskutieren, ob wir einen Leistungsabbau oder Mehreinnahmen wollen. In den letzten Jahren sind die Steuern nur immer gesenkt worden. Einzelne Steuern wie die Handänderungssteuer oder die Erbschaftssteuern wurden abgeschafft, der jährliche Ausgleich der kalten Progression gewährt. Zudem kommt mit der Unternehmenssteuerreform eine weitere finanzielle Einbusse auf den Kanton Zürich zu. Da darf und muss man auch offen über Mehreinnahmen diskutieren, auch wenn das vor Wahlen sehr unpopulär ist.

Und wo würden Sie sparen?
Ein riesiges Gebilde wie eine kantonale Verwaltung mit gegen 30'000 Angestellten hat immer Sparmöglichkeiten. Aktuell zum Beispiel beim Immobilienmanagement.

Weniger Strassen?
Strassen sind gewiss nicht meine Priorität. Aber die Infrastruktur muss man erhalten, alles andere wäre kurzsichtig.

Fahren Sie Auto?
Ich fahre Velo, habe ein GA und miete hin und wieder ein Mobility-Auto, zum Beispiel für Fahrstunden mit meiner Tochter.

Über Twitter sind gestern aus der AL-Versammlung heraus beleidigende Äusserungen gegenüber Mario Fehr (SP) verbreitet worden («Mario Fehr ist ein schwerwiegendes ästhetisches Problem»). Lässt sich die AL auch mit ihm in ein Paket einbinden?
Natürlich unterstützen wir nicht die gesamte Politik des amtierenden Polizeidirektors Mario Fehr, nachdem sich dieser am Montag gegen unsere Forderungen nach einem Verbot von Taser und Gummischrot eingesetzt hatte. Eine klare Mehrheit jedoch hat entschieden, dass wir nicht über Personen, sondern über gemeinsame Inhalte diskutieren und die Kandidaturen von SP und Grünen unterstützen wollen.

Und Sie persönlich?
Trotz politischer Differenzen – zum Beispiel beim Polizeigesetz – habe ich keine Bedenken. Mario Fehr und die SP stimmen in vielen Bereichen, zum Beispiel in der Sozialpolitik, mit uns überein. Zudem muss man in der Politik nicht immer mit allen Linken der gleichen Meinung sein, sonst wäre ich heute in der SP oder bei den Grünen.

Und warum sind Sie in der AL?
Bei der AL hat man als Politiker mehr Freiheit, wir können kritischer denken. Wir sind staatskritischer als die SP und glauben nicht an den Staat als Allheilmittel.

Als alternativer Stadtzürcher haben Sie theoretisch keine Chance auf dem Land. Wie stark verbiegen Sie sich politisch im Wahlkampf?
Da muss ich mich nicht verbiegen. Ich bin in der kleinsten St. Galler Gemeinde aufgewachsen. Ich weiss, wie man auf dem Land lebt und denkt.

Es heisst immer, der Bischoff sei zwar ein pointierter Linker, werde aber bei den Bürgerlichen trotzdem respektiert. Warum?
Ich bin sicher kein abgehobener Ideologe und kann gut mit allen Leuten reden.

Als Rechtsanwalt haben Sie beispielsweise einen Posträuber verteidigt oder den Vater im Horgner Zwillingsmord. Wie würde es sich da auf der Gegenseite anfühlen, in der Finanz- oder Justizdirektion?
Es kann doch nur nützen, wenn man im Leben beide Seiten gesehen hat und sich ein umfassendes Bild machen kann. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.10.2014, 12:21 Uhr

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