Jetzt ist er «Staatsfeind Nummer eins»

Peter Organ will mit Actionstreifen Hollywood erobern. Nach einem Schiessunfall am Set in Rapperswil wird der Zürcher Oberländer plötzlich ein wenig berühmt.

Peter Organ mit seinem Dodge Challenger Hellcat vor dem Kloster Einsiedeln. Das Auto kommt auch in seinem Film vor. Foto: Samuel Schalch

Peter Organ mit seinem Dodge Challenger Hellcat vor dem Kloster Einsiedeln. Das Auto kommt auch in seinem Film vor. Foto: Samuel Schalch

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Wenn Peter Organ durch einen Korridor läuft, wird es finster. Man könnte ihn für einen Türsteher halten, der etwas Schlechtes gegessen hat; das Gesicht ist ungemütlich. Sein Lebensmotto laut Instagram: Si vis pacem para bellum – Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor.

Am vergangenen Samstagmorgen wurde Peter Organ plötzlich ein bisschen berühmt. Nur nicht so, wie er es sich vermutlich gewünscht hat. Bei einem Filmdreh in Rapperswil kam es zu einem Schiessunfall mit drei Verletzten. Die Polizei beschlagnahmte darauf zahlreiche Waffen.

«Für die Behörden bin ich jetzt der Staatsfeind Nummer eins», sagt Organ. Selbst am Telefon klingt er so, als sei sein Leben ein Actionfilm.

Was man über Peter Organ wissen muss: Der 44-Jährige will ein berühmter Schauspieler und Filmproduzent werden. In Holly­wood. Als Zweijähriger war er aus Polen in die Schweiz gekommen, nach Uster. Er bewahrte seinen Akzent, und so passt er perfekt in die Klischee-Maschine Hollywoods, wo die Bösen aus dem Osten und die Guten aus der anderen Richtung kommen.

Bislang spielte er nur in kaum bekannten Filmen mit. Etwa als Bösewicht in «Kill ’Em All» mit der Actionlegende Jean-Claude van Damme (laut dem Portal Rotten Tomatoes sind nur 13 Prozent der Kritiken positiv).

Blut und kaputte Zähne

Eigentlich ist Peter Organ Zahnarzt. Seine Familie arbeitet schon in der vierten Generation in dem Beruf. Auch seine Frau ist Zahnärztin (sie haben zwei ­kleine Kinder). Zusammen mit seiner Mutter führt Organ eine Praxis in Hittnau bei Pfäffikon. «Wissen Sie», sagt Organs Mutter und lacht, «Peters Sternzeichen ist Zwilling. Er hat zwei Persönlichkeiten, ein Engelchen auf der einen Schulter, ein Teufelchen auf der anderen.»

Bei seinem neuesten Film «Smokers» vertraut Peter Organ auf seine Kernkompetenz. Das heisst: viel Blut und kaputte Zähne. Der Actionfilm handelt von einer Fehde innerhalb eines Mafiaclans. Organ ist Produzent und spielt eine der Hauptrollen, einen Mafioso, der Clan-Oberhaupt werden will. Gedreht wurde in Rumänien, den USA und in der Schweiz. Das Budget geben die Macher nicht bekannt.

Dreharbeiten im Restaurant Doppio-Gusto in Feusisberg. Video: Youtube

In der Boomerang-Bar in Rapperswil-Jona sollte eine Schiesserei inszeniert werden, mit Platzpatronen. Doch plötzlich floss echtes Blut. Zwei Schauspielerinnen und ein Schauspieler wurden verletzt. Augenzeugen vermuten, dass sich Plastikteile im Lauf der Waffe befanden. Denkbar ist auch ein Fabrikationsfehler der Munition.

Am übelsten traf es eine 24-Jährige. Ein Schuss erwischte ihr rechtes Bein, und sie musste mit dem Helikopter ins Spital geflogen werden. Die Verletzung sei «mittelschwer», berichtet die Kantonspolizei St. Gallen. Alle drei Verletzten befinden sich noch in Behandlung.

Zwei Tage später, am Montag, dreht Peter Organ weiter am Film «Smokers». Diesmal in einem Restaurant in Feusisberg. Es ist der letzte Drehtag, und in einem grossen Finale werden ein paar Mafiosi umgenietet. «You mother­fucker!», schreit einer, als er im Kugelhagel zu Boden geht.

«Stephen King der Schweiz»

Am Ende des Drehtags hat Organ Zeit für ein Interview. Über den Unfall mit den Schusswaffen will er auf Anraten seines Anwalts schweigen. Aber dann steigt der Druck in seiner Stimme, und er beginnt zu reden. «Weil ich Hollywood in die Schweiz brachte, werde ich wie ein Schwerkrimineller behandelt», sagt Organ. «Ich wurde zum Staatsfeind Nummer eins, schreiben Sie das!» Sein Handy sei sogar konfisziert worden. Und man habe einen ganzen Drehtag verloren, was «extrem viel Geld» koste.

«Wenn Hollywood davon erfährt, landet die Schweiz auf einer schwarzen Liste, und dann wird hier nie mehr gedreht», sagt Organ. «Die Amerikaner haben Power, sie haben auch das Bankgeheimnis zerstört.»

Als er sich ein bisschen beruhigt, erzählt er aus seinem ­Leben. Sieben Monate pro Jahr arbeitet er als Zahnarzt («Obwohl ich wie ein Gangster aussehe, haben mich die Leute gern, denn ich setze die Spritzen sehr sanft»). Die übrige Zeit verbringt er mit Filmemachen.

«Ich kann Geschichten einfach aus dem Ärmel schütteln. HBO ist an einer Verfilmung meines Buchs interessiert.Peter Organ

Organ machte die Highschool in den USA und studierte Zahnmedizin in Polen. Während des Studiums kämpfte er halbprofessionell als Thaiboxer. Zum Film kam er erst vor fünf Jahren. Sein Vater erlitt seinen dritten Herzinfarkt. «Und es heisst, der vierte sei tödlich», sagt Organ. Deshalb seien sie zusammen nach Hollywood gereist, für sechs Wochen. Er habe «sicher 500 Leute» auf der Strasse gefragt: «Do you know somebody from the movie business? I would like to become a movie star.»

Einer habe ihm schliesslich den richtigen Kontakt vermittelt. «Mein markantes Gesicht und meine Kampffähigkeiten sind gefragt», sagt Organ. Er spielte einige Nebenrollen, nun produziert er mit «Smokers» seinen ersten Film. Noch dieses Jahr soll er auf Netflix oder Amazon erscheinen.

Ansonsten malt er auch, er betreibt Kampfsport, und er ist Autor des Buchs «Hunger – Die Bestie in dir». Genre: Horror ­Science-Fiction. «Man sagt, ich sei der Stephen King der Schweiz», sagt er. «Ich kann Geschichten einfach aus dem Ärmel schütteln. HBO ist an einer Verfilmung des Buchs interessiert.»

Echte Waffen am Set

Als die Boulevardmedien vom Unfall am Set erfuhren, gewährten sie Peter Organ mehr Filmzeit, als er bislang als Schauspieler erhielt. Er nutzte das Rampenlicht und schmückte seine Geschichte aus: Die Polizei habe geglaubt, die Schiesserei sei echt, und man habe ihn abgeführt, «wie einen Straftäter». Bis abends um 22 Uhr sei er auf dem Posten festgehalten worden.

Als Hanspeter Krüsi von der Kapo St. Gallen davon hört, schüttelt er den Kopf derart, dass der Telefonhörer rauscht. Von «abführen» könne keine Rede sein. Man habe die Beteiligten lediglich befragt. Und da die Filmcrew aus 25 Leuten bestehe, habe das eben etwas gedauert. Schon gar nicht habe man das Ganze für echt gehalten.

«Wir wussten nichts vom Filmdreh», sagt Krüsi. «Und wenn wir davon gewusst hätten, hätten wir ihn nicht bewilligt. Am Set beschlagnahmten wir zwölf Schusswaffen, darunter Maschinenpistolen und Schrotflinten. Damit dürfen Sie nicht einfach durch die Gegend spazieren und ein bisschen herumknallen.»

Die Polizei hat daher noch ein paar Fragen: Warum benutzte die Filmcrew echte Waffen? Sind sie registriert? Wer hat die Munition organisiert? «Die Befragungen werden noch andauern. Dann übernimmt die Staatsanwaltschaft», sagt Hanspeter Krüsi.

Als Peter Organ das Wort «Polizei» hört, steigt der Druck wieder: «Bis zum Unfall war ich ein grosser Patriot, aber damit ist jetzt Schluss.»

Erstellt: 22.01.2020, 06:28 Uhr

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