Jugendkriminalität: «Die ersten Massnahmen sind oft zu weich»

Jeder dritte straffällige Jugendliche im Kanton Zürich wird rückfällig, wie eine Untersuchung des Bundesamtes für Statistik zeigt. Jugendpsychologe Allan Guggenbühl glaubt, man müsste Ersttäter härter anfassen.

«Normalerweise geht man von einer Rückfallquote von 20 Prozent aus»: Jugendpsychologe Allan Guggenbühl.

«Normalerweise geht man von einer Rückfallquote von 20 Prozent aus»: Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Bild: Keystone

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Eine Untersuchung, die 7356 Fälle von Minderjährigen genauer anschaute, die zwischen 2003 und 2006 verurteilt wurden, zeigt: Fast 35 Prozent aller straffälligen Jugendlichen im Kanton Zürich werden rückfällig. Eine hohe Zahl.
Das ist wirklich eine relativ hohe Zahl. Normalerweise geht man von einer Rückfallquote von 20 Prozent aus.

Was sind die Gründe dafür?
Man muss hier genau unterscheiden. Einerseits gibt es gewisse Delikte, die heute schneller zu einer Anzeige führen als früher. Ein Beispiel sind Ladendiebstähle: Früher regelte man dies meist noch mit einem Anruf bei den Eltern und sah von einer Anzeige ab. Heutzutage zieht man die Justiz meist viel schneller hinzu. Andererseits kann es auch sein, dass man bei den Jugendlichen nicht die richtigen Wiedereingliederungsmassnahmen ergriffen hat. Oft sind die Erstmassnahmen zu weich.

Was meinen Sie damit?
Nehmen wir das Beispiel eines gewalttätigen Jugendlichen: Oft werden diese noch immer mit Sozialstunden bestraft. Sie arbeiten ein paar Stunden in einem Spital ab und die Sache ist gegessen. Viel wichtiger wäre es aber, dass sich die Jugendlichen ganz konkret mit ihrer Tat befassen müssen – und das über einen längeren Zeitraum. Auch gewisse Einschränkungen können hilfreich sein: Zum Beispiel ein Ausgeh- oder ein gewisses Rayonverbot, dessen Nichteinhaltung Konsequenzen hat.

Und alleine diese Massnahmen helfen?
Natürlich hängt es auch vom Willen des Einzelnen ab und oft auch davon, wie das Umfeld oder die Familie in den Prozess miteinbezogen werden kann. Wenn man aber einen Jugendlichen während rund eines Jahres mit seiner Tat konfrontiert, ihm so klar wird, welche Schuld er trägt, und es während dieser Zeit zu keinen weiteren Vorfällen kommt, so stehen die Aussichten recht gut. Vorausgesetzt, der Jugendliche hat auch eine Struktur wie beispielsweise eine Lehrstelle.

Ist die Rückfallquote im Kanton auch so hoch, weil Zürich als grösste Schweizer Stadt besonders viele Kriminelle anzieht?
Was bei Grossstädten sicher der Fall ist: Es gibt immer eine Vielzahl von Szenen oder Kreisen, in denen Jugendliche manchmal fast wie in Gettos leben. Sie sind dort von einem Milieu umgeben, das beispielsweise Klauen als etwas völlig Normales ansieht. So nach dem Motto: Es klaut ja sowieso jeder, und erwischt wird man eh nicht. Das Problem ist, dass diese Wahrnehmung oft auch zutrifft: Sie werden tatsächlich selten erwischt. Wenn sie dann mit der Justiz in Berührung kommen, denken sie sich einfach, sie seien dumm gewesen. Beim nächsten Mal passiere ihnen das aber nicht mehr.

Erstellt: 28.09.2012, 10:56 Uhr

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Soll man Ersttäter härter anfassen?

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