Junge Frau mit privatem Sexvideo gemobbt

Ein Jugendlicher hat ein Sexvideo, das seine Ex zeigt, online gestellt. Es hat sich in Windeseile verbreitet. Für Experten hat Cybermobbing neue Dimensionen erreicht.

15'000 «Gefällt mir» an einem Tag: Ein Mädchen am PC.

15'000 «Gefällt mir» an einem Tag: Ein Mädchen am PC. Bild: Keystone

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Am Dienstag hat der Ex-Freund das Video auf Facebook gepostet, noch am selben Tag haben es über 15'000 Leute angeschaut, mit einem «Gefällt mir» versehen und weiterverbreitet. Das Video zeigt den Intimbereich einer jungen Frau, die sich mit einer Ice-Tea-Flasche befriedigt. Facebook löschte das Video, doch es kursieren Kopien, wie die Pendlerzeitung «20 Minuten» schreibt, die den Fall publik gemacht hat. Im Netz seien nun auch Sexbilder mit der Migros-Ice-Tea-Flasche aufgetaucht, die im Gegensatz zum Video auch das Gesicht der Frau zeigen. Ob es sich dabei um dieselbe Frau handelt, darüber wird spekuliert. Mediensprecher Marc Besson bestätigt, dass bei der Kantonspolizei Zürich eine Anzeige vorliegt und Ermittlungen aufgenommen wurden. Aufgrund des laufenden Verfahrens kann er keine weiteren Informationen preisgeben.

Noch immer sorgt das Video für Gesprächsstoff, auf Onlineforen in der Schweiz und in Deutschland sowie auf Pausenplätzen. Vor der KV Business School kennen alle befragten Jugendlichen den Clip. «Es muss doch jedem klar sein, dass man von sich kein solches Video machen lässt», sagt Svetlana (17). Ihre Einstellung: «Man sieht mich live, oder man sieht mich nicht.» Ihrem Freund würde sie schon sexy Bilder von sich schicken, räumt Sandra (18) ein. «Aber was, wenn er die postet, wenn es aus ist?» Auch Virginia (16) zeigt Verständnis für die Frau auf dem Video: «Klar sollte man aufpassen mit intimen Fotos oder Filmen. Aber wenn man verliebt ist, ist man blind.» Sie jedenfalls werde in Zukunft noch vorsichtiger sein.

Für Sean (15) ist der Bursche, der das Sexvideo online gestellt hat, «ein armseliger Kerl». Die Frau habe bloss einen Moment nicht nachgedacht. «Absolut blöd» habe sie sich verhalten, findet hingegen Christoph (20). Solche Aufnahmen könne man von sich machen und jemandem zeigen, dann aber gehörten sie sofort gelöscht. Sabrina (19) hat das Thema satt: «Dem Mädchen gehts bestimmt megaschlecht. Doch alle reden vom Ice-Tea-Video und machen blöde Witze.» Wie diesen: «Ist dein Freund im Bett ein Lappen, kauf dir Ice Tea für 95 Rappen.»

«Gibt es nichts Wichtigeres?»

Die befragten Jugendlichen haben alle bereits intime Fotos von andern gesehen, doch dieser Fall sei speziell: «Selten gibts ein Schlagwort – und alle wissen, worum es geht», sagt Lukas (18). Warum «20 Minuten» diese Geschichte so prominent platziert hat, versteht Oliver nicht. «Gibts nichts Wichtigeres auf der Welt?» Roland Zurkirchen von der Fachstelle für Gewaltprävention will keine Medienschelte betreiben: «Die Berichterstattung über solche Vorfälle ist wichtig, um die Jugendlichen für die Risiken im Netz zu sensibilisieren.» Noch immer unterschätzten auch Jugendliche, die mit Internet, Smartphones und sozialen Netzwerken aufgewachsen sind, deren Dynamik. Etwa zwölf Fälle von Cybermobbing landen pro Jahr auf seinem Pult. Solch weite Kreise hat noch keiner gezogen.

Einen Cybermobbing-Fall, der so weite Verbreitung fand, habe es in der Schweiz noch nie gegeben, sagt auch Pro-Juventute-Direktor Stephan Oetiker. Bei den Vorrecherchen zur Cybermobbing-Präventionskampagne habe sich gezeigt, dass zwei Drittel der Befragten nicht wüssten, an wen sie sich im Notfall wenden könnten. Der Kindernotruf der Pro Juventute (Tel. 147) berät zwei bis drei Cybermobbing-Opfer pro Woche.

Erstellt: 07.12.2012, 07:46 Uhr

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