Junge Mutter wegen Entführung ihres Sohnes verurteilt

Eine 24-Jährige entführte ihren vier Monate alten Sohn nach Italien, um zu verhindern, dass er bei einer Pflegefamilie untergebracht wird. «Jeder macht Fehler», sagt sie vor Gericht.

Sprach die Mutter schuldig: Obergericht in Zürich.

Sprach die Mutter schuldig: Obergericht in Zürich.

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Die damals 24-jährige Anna (Name geändert) war im Herbst 2013 zum zweiten Mal Mutter geworden. Aufgrund der Verhältnisse - unter anderem leidet die vierfach vorbestrafte Frau an einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderlinetyp sowie an einer Entwicklungsstörung - ernannte die zuständige Kesb eine Beiständin für das Kind.

Nach Italien statt zur Kinderärztin

Zwei Monate später stellte die Beiständin fest, das Kind sei in der alleinigen Obhut der Mutter akut gefährdet, weil die Mutter nicht in der Lage sei, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und zu befriedigen. Deshalb bringe sie den Säugling zwangsläufig immer wieder in ungünstige bis gefährdende Situationen. Die Kesb folgte dem Antrag der Beiständin, der Mutter für die Dauer vertiefter Abklärungen die Obhut superprovisorisch zu entziehen. Das Kind wurde in einer geeigneten Institution platziert.

Weitere zwei Monate wurde der Frau mitgeteilt, dass ernsthaft in Erwägung gezogen werde, den Säugling in einer Pflegefamilie unterzubringen. Trotzdem wurde ihr wenige Tage später erlaubt, ihr Kind alleine von der Institution zu einem Termin bei der Kinderärztin zu begleiten. Doch stattdessen bestieg die Frau den Zug nach Mailand und fuhr von dort in eine Stadt nördlich von Rom, wo ihr damaliger Freund wohnte. Neun Tage später wurde sie dort verhaftet.

«Man lernt aus Fehlern»

Das zuständige Bezirksgericht verurteilte die Frau unter anderem wegen Entführung und Entziehens von Unmündigen zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von zehn Monaten und ordnete eine ambulante Therapie während des Strafvollzugs an. Dagegen beschwerte sich die inzwischen 26-Jährige beim Obergericht. Sie akzeptierte zwar den Schuldspruch, wollte aber eine mildere Bestrafung und einen Aufschub der Strafe zugunsten der ambulanten Massnahme.

«Es tut mir wirklich leid. Es war ein Fehler. Ich bin dran, mein Leben zu ändern», sagte die Frau zum Gericht. Zu den Tatvorwürfen wollte sie sich nicht mehr äussern. Ihre diversen Vorstrafen entschuldigte sie mit dem Hinweis, sie sei damals «jung und dumm» gewesen. «Jeder macht Fehler, und man lernt daraus. Jetzt ist das anders.» Tatsächlich scheint sich die Frau, die auch verbeiständet ist, in einer betreuten Wohngruppe stabilisiert zu haben.

Vater einer Kollegin angeschwärzt

Doch das war noch nicht alles, was vor Obergericht zur Sprache kam. In das Kapitel «jung und dumm» gehört wohl auch ein Vorfall aus dem Jahr 2012. Anna war bei ihrer minderjährigen Kollegin Britta (Name geändert) zu Hause, als es zwischen Britta und ihrem Vater mitten in der Nacht zu einer lautstarken Auseinandersetzung wegen ihrer hohen Handyrechnung kam. Der Vater auferlegte der Tochter Hausarrest, womit die Tochter überhaupt nicht einverstanden war.

Nachdem ein «Fluchtversuch» durch ein Fenster gescheitert war, bat Britta ihre Kollegin, bei der Polizei anzurufen und zu sagen, sie werde von ihrem Vater geschlagen, bedroht und festgehalten. Wenn dann die Polizei vor Ort erscheine, könne sie zusammen mit der Polizei die Wohnung verlassen. Sie tat, wie ihr geheissen, worauf die Polizei erschien und in der Folge gegen den Vater ein Strafverfahren wegen Drohung und Tätlichkeiten eröffnet wurde. Anna trug dies am Mittwoch zusätzlich eine Verurteilung wegen falscher Anschuldigung ein.

«Strafe in dieser Höhe verdient»

Das Obergericht bestätigte die zehnmonatige Freiheitsstrafe. «Sie verdienen eine Strafe in dieser Höhe», sagte der Gerichtsvorsitzende. Ihr Verschulden wiege nicht mehr leicht. Doch im für die Frau entscheidenden Punkt änderten die Oberrichter das erstinstanzliche Urteil: Die 26-Jährige muss die Strafe vorläufig nicht absitzen, sondern darf ihre bereits laufende ambulante Therapie in Freiheit fortsetzen.

Und die Kinder? Das erste siebenjährige Kind der Frau ist bei seiner Tante untergebracht. Das inzwischen zweieinhalbjährige Kind lebt tatsächlich bei einer Pflegefamilie. Die Mutter weiss nicht wo, aber sie sieht es regelmässig. «So, wie es ist, ist es gut», sagt sie. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.05.2016, 13:17 Uhr

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