«Kann ich nachfühlen, sogar als refomierter (weisser, alter) Mann»

Monika Stocker hat ihren Austritt aus der Kirche erklärt, Adolf Muschg ist ihr wieder beigetreten. Ein Schlagabtausch über die Religion.

Zurück in Zürich, haben sie sich getroffen: Monika Stocker und Adolf Muschg im Grossmünster. Fotos: Urs Jaudas

Zurück in Zürich, haben sie sich getroffen: Monika Stocker und Adolf Muschg im Grossmünster. Fotos: Urs Jaudas

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Von: adolfmuschg@xy.ch
28/11 2018 – 8:00:08
Betreff: glauben

Liebe Monika,
ich bin gerade in Japan. Versuchen wirs aber und nehmen uns diesen gemischten Schlagabtausch um den halben ­Erdball vor. Servierst du zuerst? Ich versuche zu parieren.
Liebe Grüsse

Von: monika.stocker@xy.ch
1/12/2018 – 08:01:02
Betreff: AW: glauben

Lieber Adolf,
ich bin aus der Kirche ausgetreten, und das mit 70. Ich bin ein treuer Mensch, und darum blieb ich so lange dabei – trotz meinem Kampf um Menschen- und Frauenrechte, die in der Kirche mit Füssen getreten werden. Ich hoffte.

Am 10.10. hielt Papst Franziskus eine Rede, in der er Abtreibung als Auftragsmord bezeichnete. Ich habe die Rede auf Italienisch mehrmals gehört, weil ich meinte, mich verhört zu haben.

Mord ist der massivste Tatbestand, den wir kennen, er beinhaltet Kaltblütigkeit und Vorsatz, und Auftragsmord delegiert zusätzlich feige. Ich spürte ein Messer im Rücken, ganz nah beim Herzen, und wusste: Das verändert alles. Tat es nicht. Es blieb still. Kein Bischof, kein Seelsorger nahm Stellung, auch jene nicht, die die Überforderung von Familien mit kleinem Budget, von alleinerziehenden Müttern am Rande des Nervenzusammenbruchs, von Spitalseelsorgern, die die Nöte von Frauen vor und nach Geburten, Fehlgeburten kennen – es blieb still. Wer schweigt, stimmt zu. Die Stellungnahme der feministischen Theologinnen erlöste mich aus der Starre, und ich schwieg nicht.

Du, Adolf, bist vor langer Zeit ausgetreten und dann vor wenigen Jahren wieder eingetreten. Warum?

Ich grüsse dich vom anderen Ende der Welt herzlich.


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Von: adolfmuschg@xy.ch
1/12/2018 – 12:03:02
Betreff: AW: AW: glauben

Liebe Monika,

zurzeit funktioniert meine Verbindung hier in Japan (zurzeit bin ich in Kyoto) nicht – ich muss dich bitten, für alle Mails die Adresse meiner Frau zu verwenden.

Mit besten Grüssen

Von: adolfmuschg@xy.ch
2/12/2018 – 14:09:02
Betreff: AW: AW: AW: glauben

Liebe Monika,

zuerst was Technisches: Mein Mail funktioniert wieder; bitte verwende es von jetzt an als erste Adresse. Ich arbeite hier mit dem ungewohnten Mac meiner Frau, nicht mit dem gewohnten Word, daher bleibe ich lieber auf dem Umweg über das Schweizer Mail.

Und jetzt endlich meine Antwort:

Deinen, euren Schritt kann ich nachfühlen, sogar als reformierter (weisser, alter) Mann. Und kann mir sogar vorstellen, dass Francesco als südamerikanischer Landpriester in jedem konkreten Fall auf eurer Seite wäre, d.h. derjenigen, wo ihm die grösste Not begegnet.

Nun ist er aber das Haupt eines Vereins, der vom Gebot «Du sollst nicht töten» keine Ausnahme zulässt. Das gilt – im Gegensatz zu den meisten seiner Vorgänger – auch für die «gesetzmässige» Todesstrafe. Auch dass er niemals Waffen segnen würde, passt uns wohl beiden in den Kram. Dass er das Tötungsverbot auf Flüchtlinge ausdehnt, welche die hohe Politik inzwischen mehr oder weniger billigend im Mittelmeer verschwinden lässt, findet eine Mehrheit schon nicht mehr ganz opportun. Und dass er in der Abtreibungsfrage keine guten Gründe akzeptiert, die dem schwächsten Beteiligten, dem ungeborenen Kind, das Leben nehmen, ist nur noch ein Skandal.

Aber nun hat der Verein, aus dem er nicht austreten kann, ein ganz eigenes Statut: das Evangelium. Es ist unangenehm absolut und verflucht unkorrekt, denn es stellt den Menschen in eine andere Dimension als der Sozialstaat oder die Bundesverfassung. Sein Kern ist eine Passionsgeschichte, die sich nicht nach unserer Bequemlichkeit portionieren lässt. Sie zeigt uns eine Menschheit, die jederzeit fähig und bereit ist, sich gegen alles zu versündigen, was sie sich als Humanität bescheinigt. Dafür steht das Kreuz. Auch dieser Papst trägt das seine, und ich finde es sogar in seinem Fluch gegen die Abtreibung wieder.

Ich bin kein Theologe, aber es könnte sein, dass mir heute gerade das die Religion teuer macht, was dich von deiner Kirche entfernt hat: dass sie am Konflikt, in dem der Mensch steht und fällt, nichts beschönigt und sich davon auch nichts abhandeln lässt. No deal. In der globalisierten Weltwirtschaft ein starkes Stück. Es hat meinen heiligen Respekt. Dir bleibt meine Sympathie. Sie könnte auch dir zu wenig sein.


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Von: monika.stocker@xy.ch
Datum: 3/12/2018 – 11:08:32
Betreff: AW: AW: AW: AW: glauben

Lieber Adolf,

ich halte mich an deine technischen Instruktionen und hoffe, so klappe es gut. Zur Sicherheit kannst du mir eine Kopie an mein anderes Mail senden.

Ja, du hast recht. Dass es no Deal gibt, wenn es um das Statut Evangelium geht, wie du sagst, ist stark und widerständig und gefällt mir auch. Nur – du weisst –, das «System» hat mit diesem Evangelium schon furchtbare Verbrechen legitimiert, und das Tötungsverbot war über Jahrzehnte nicht im Geringsten sakrosankt, sondern Tod und Mord und Folter und Hexenverbrennung und Heilige Kriege wurden damit legitimiert.

Doch zurück zum Hier und Jetzt. Für mich ist das Statut Evangelium, wenn wir bei diesem Begriff bleiben, auch eine frohe Botschaft, nicht nur die Passionsbotschaft. Barmherzigkeit und Versöhnung, Erbarmen als total altmodisches Wort – sie gehören für mich dazu. Lege ich mir da etwas zurecht? Ich bin auch nicht Theologin, aber mit 50 Jahren sozialer Arbeit als Lebenserfahrung ist für mich dieser Teil ebenso wichtig.

Ich grüsse dich herzlich

Von: adolfmuschg@xy.ch
Datum: 4/12/2018 – 12:53:59
Betreff: AW: AW: AW: AW: AW: glauben

Wie wahr, liebe Monika: Solange das Wort «Sünde» einen Sinn hat (und vielleicht reden wir noch über starke Beispiele dafür), bleibt die Kirche, jede Kirche, die Kardinal-Sünderin. Denn sie muss wissen, von Amtes wegen, womit sie es zu tun hat. Aber auch der kirchen­lose Mensch bekommt eine Ahnung aus der Genesis. Die Sünde ist der Preis der Freiheit; das Tier kennt beides nicht.

Die stärkste Antwort auf die Forderung nach Erbarmen schöpfe ich aus Dostojewskis Geschichte vom Gross-Inquisitor: Er glaubt, recht zu tun, wenn er die Abweichung vom einzig wahren Glauben verfolgt. Nun läuft ihm der grösste Abweichler in die Hände: Jesus selbst. Der Richter bittet ihn dringend um Entfernung aus der Kirche: Mit seinem Liebesgebot verlöre sie ihre Macht über die Seelen. Jesus verabschiedet sich wortlos: mit einem Bruderkuss. Das wäre das Erbarmen, vor dem der Christenglaube bestehen müsste.

Aber weisst du vielleicht, wie? Jetzt werde ich selbst zum Inquisitor.

Von: monika.stocker@xy.ch
Datum: 4/12/2018 – 15:23:34
Betreff: AW: AW: AW: AW: AW:AW: glauben

Oh, das geht mir jetzt etwas zu schnell. Ich muss das Schritt für Schritt überlegen. Ich möchte noch beim Statut des Evangeliums bleiben, wie du das genannt hast.

Da gibt es doch ein zentrales Verbot: Du sollst nicht töten, und ein ebenso zentrales Gebot, die Liebe. Übrigens, in allen monotheistischen Religionen ist das doch so, so weit ich das begreife. Und doch sind alle diese Religionen tief patriarchal. Die Hälfte der Menschheit ist schon mal sehr weit weg beim Liebesgebot, es sei denn, sie werden gebraucht zur Fruchtbarkeit. Sonst aber: Frauen stören, Frauen nerven, sind Sünderinnen, sind zu domestizieren und zu beherrschen, insbesondere ihre Sexualität. Die Sexualität ist die Sünde schlechthin, nicht etwa die Diskriminierung und die Unterdrückung.

Deshalb auch u.a. der Zorn auf die Aussage von Franziskus: Potenziell sind die Hälfte der Menschen Mörderinnen? Auch wenn meines Wissens, moderne Technologie hin oder her, eine Befruchtung einer Eizelle meistens noch einen Mann braucht! Lieber Adolf, lassen wir den Inquisitor doch mal aussen vor, erklär du mir einfach diese «Normalität», die offenbar bis ins 21. Jahrhundert trägt??!!


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Von: adolfmuschg@xy.ch
Gesendet: 5/12/2018 – 04:12:19
Betreff: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: glauben

Liebe: Wir sind uns wohl einig, dass man in ihr nicht sündigen kann, nur an ihr. Identitäre Diskurse sind für mich solche Sünden, und ich nehme den feministischen nicht aus. Er öffnet ein zu weites Feld und fesselt zugleich das Gehwerk, das uns darauf bewegen soll. Die Opferrolle für sich selbst oder die eigene Gruppe ist so eine Fessel, und zugleich eine Falle. Sie wird für andere gestellt, und man fällt selbst hinein. Dagegen lobe ich mir das Lausbubensprüchlein: «Ich nicht – er auch». Mein Vater war ein typischer Patriarch, aber ich weiss nicht, wer an seinen Grenzen mehr gelitten hat: meine Mutter oder er selbst. Ich bin nur traurig über zu viel ungelebtes oder vergiftetes Leben. Dennoch bewahre ich einige seiner Blüten lachend auf. «Müssen wir den Männern auch das noch abnehmen?», begründete meine Mutter ihr Nein zum Frauenstimmrecht.

Dafür wünsche ich mir dein Erbarmen mit dem Papst. Wer das Leben (wie du auch) für ein heiliges Gut hält, für den gibt es absolut keine private, auch keine soziale Lizenz zum Töten. Umso weniger, als die Behandlung «lebensunwerten Lebens» (die den heute Betroffenen gar nicht in den Sinn kommt) seine eigene abscheuliche Geschichte hat. Zu ihr gehört, dass sogar in einem Genozid die wirklichen Mörder nur das Beste wollen – für den eigenen Verband – und sich regelmässig als die eigentlichen Opfer ihrer Tat betrachten. Auch sie handeln nur aus Not – und mit «Anstand».

Als Richtschnur in diesem Dickicht dient mir, dass Jesus, der einer politischen Konstellation geopfert wurde, sich selbst nicht als Opfer verstand. «Lass diesen Kelch an mir vorübergehen» und «Mein Gott, warum hast du mich verlassen». So betet kein selbst ernannter Märtyrer. Wer ihn, als es darauf ankam, verlassen hat, waren seine männlichen Jünger – die Frauen blieben, und Frauen waren auch die treibende Kraft für die Verbreitung des Evangeliums im Römischen Reich. Was hat meinen Vater an den Katholischen am meisten irritiert? Dass sie zu einer Frau beten durften. Heimlich beneidete er sie darum, aber das war ja Götzendienst! Ich hätte mehr davon brauchen können, und ich glaube, er auch.


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Von: monika.stocker@xy.ch
Datum: 05/12/2018 – 09:29:29
Betreff: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: glauben

Lieber Adolf,

da haben wir doch ein fundamentales Missverständnis. Diskurse sind für mich notwendig, im wahrsten Sinn des Wortes, und keine Sünden.

Ich meine nicht, dass die Frauen generell Opfer sind. Im Gegenteil: Sie sind sehr bewusste und denkende Partnerinnen und werden als solche von den Institutionen (nicht nur der Kirche) nicht ernst genommen. Sie bleiben aussen vor, und das schadet zuerst einmal der Institution, den Institutionen.

Wenn du sagst, der Papst würde als südamerikanischer Landpfarrer anders reden als an der Spitze der Institution, die er vertritt, was heisst denn das? Wo führt diese Spaltung zwischen Ideologie und Realität hin? Die Realitäten passen sich nie – die Geschichte lehrt uns das, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen – den Ideologien an. Die scheitern immer, früher oder später. Aber, was macht diese Spaltung mit dem Papst, aber auch mit allen Menschen?

Diese Spaltung können Männer leben, Frauen lernen es mühsam und können es doch kaum. Das habe ich in der Politik erlebt. Sollen wir das überhaupt lernen? Geht nicht daran die Welt kaputt, die Menschen, das Zusammenleben? Das Beste wollen … ja, für wen? Da gab es doch schon Kant (handel stets so …), da gab es Jesus (liebe deinen Nächsten …), und da gibt es den simplen Kalenderspruch: Was du nicht willst, das man dir tu …

Verstehen wir uns da? Können wir uns da verständigen, oder trennt uns da ein je langes Leben mit seinen halt doch geschlechtsspezifischen Erfahrungen?

Ich grüsse herzlich nach Japan.¨


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Von: adolfmuschg@xy.ch
Gesendet: 6/12 2018 – 21:12:53
Betreff: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: glauben

Liebe Monika,

Austreten, Wieder-Eintreten: Mir scheint, wir haben diese Schritte gegen (gegen?) unsere Kirchen nicht nur als Menschen verschiedener Konfession getan, sondern auch mit verschiedenen persönlichen Hintergründen.

Warum ich wieder eingetreten bin, fragst du? Inzwischen bin ich älter geworden als mein Vater und habe es nicht mehr nötig, gegen ihn zu demonstrieren. Die Kirche steht für etwas, was in keiner Rechnung aufgeht – und was immer so absurd gewesen ist wie das Gebot der Feindesliebe. Das ist eine Garantie gegen Erfolg und guten Verkauf, die der Mensch nötiger hat als das tägliche Brot – eine Erinnerung daran, wie er sein müsste, wenn er denn zu retten wäre.

Darin verbirgt sich, glaube ich, die einzige Hoffnung auf seine Zukunft, und wenn sie ein Witz sein sollte, deutet sie auf einen starken Humor der Schöpfung; unsere Wirtschaftsbilanzen erlauben ihn nicht. Ich brauche ihn; er ist mir so etwas wie heilig geworden, weil ohne ihn die kollektive Unvernunft des Primaten Mensch nicht auszuhalten wäre, und sein persönliches Elend auch nicht.

Zurück zu Francesco: Du vermisst an eurem Oberhirten, gegen deine Erwartung, die Liebe in einer Frage des praktischen sozialen Lebens, die dir (nicht nur) als Frau am Herzen liegt. Sie war auch Teil deines politischen Amtes, das du dir viel hast kosten lassen. Ich meinerseits glaubte die reformierten Kirchen inzwischen leer und gottverlassen genug, um darin wieder etwas von jenem Feuer brennen zu sehen, an dem ich mich als Kind meines Vaters verbrannt habe.

Ich bin im Alter nicht «wieder fromm» geworden, eher im Gegenteil. Ich «glaube» nicht an Gott (hat er das nötig?), ich fühle aber, wie viel näher mir der gekreuzigte Mann aus Galiläa gekommen ist, der unseren Menschenhintern kein noch bequemeres Kissen versprochen hat, sondern Feuer. Und wer sich nach diesem Feuer sehnt, dem ist ausgerechnet der Heilige Geist keine ganz unbekannte Kraft mehr. Etwas davon hat mich im wenn nicht lieblosen, so doch denkbar unbequemen Fluch eures Hl. Vaters gegen die Abtreibung angeweht, das für dich ein absolutes Ärgernis bedeutet. Gerade als solches ist es mir wichtig. Dabei bin ich mir sehr bewusst, dass gerade Frauen in Not etwas anderes brauchen; dafür stehst du mit Leben und Gewissen ein, und das hat meine ungeteilte Hochachtung. Du hast auch in der Politik zu denen gehört, die lieber eine Kerze anzünden, als sich über die Finsternis zu beklagen. Dennoch bleibt für mich die Sortierung der Menschen nach Frauen (Opfer) und Männern (Gewalthaber und -täter) Teil dieser Finsternis – man kann sie auch Verblendung nennen.

Einig glaube ich uns in unserem Widerstand gegen einen konsumierbaren Gott und gegen das als Christkind verkleidete Goldene Kalb. Und einig in der Gewissheit, dass dieses Marktchristentum Teil des «Fussabdrucks» ist, mit dem wir die gemeinsame Lebensgrundlage, diesen einzigen Planeten, immer weiter kaputttreten. Ökumene ist sinn- und geistlos, wenn sie nicht für eine ökologische Umkehr eintritt – auch «quia absurdum», wie ein Kirchenvater sagt. Denn gegen die Gefangenschaft der Ökonomie in ihren Sachzwängen (Wachstum um jeden Preis!) scheint kein Kraut gewachsen – dagegen sieht die «Umkehr», welche die Propheten ihrem Volk gepredigt haben, wie ein Pappenstiel aus. Und bei alledem darf uns nicht einmal das Lachen über unsere Hoffnung vergehen, nur weil sie absurd ist. Lass uns diesem vorgezogenen Osterlachen treu bleiben, denn es ist doch mit einem unehelichen Kind in die Welt gekommen, das glücklicherweise nicht abgetrieben wurde, in Bethlehem, dem arabischen Städtchen unweit der geteilten, aber heiligen Stadt Jerusalem. In diesem Sinn fröhliche Weihnachten wünscht dir: Adolf

Von: monika.stocker@xy.ch
Datum: 07/12/2018 – 13:46:11
Betreff: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: glauben

Lieber Adolf,

ich teile deine Wahrnehmung, dass wir uns mit einer Botschaft des Christentums (und wohl nicht nur hier) eingerichtet haben, damit es uns gäbig kommt, mal so, mal so, und ich teile deine Leidenschaft der Suche nach einer Theologie, die nicht nach dem Bequemlichkeitsprinzip einzurichten ist, aber im Reich Gottes, wie in der Offenbarung beschrieben, nach dem Prinzip von Fairness, nach Disput auf Augenhöhe.

Nicht treffen können wir uns verständlicherweise in der Frage, wie der Unterschied zwischen der weiblichen und der männlichen Realität erfahren wird, was das tausendjährige Patriarchat, auch verkörpert in den Kirchen, mit der Differenz gemacht hat. Ich bin überzeugt, dass im Moment «aussen» der klarere Ort für die Frauen ist, denn «drinnen» waren sie ja nie wirklich oder dann instrumentalisiert. Meine Generation von Frauen wollte und will eine andere Welt, eine andere Zukunft, wo gutes Leben für alle Menschen möglich wird. Das ist die Hoffnung wider alle Hoffnung und Erfahrung der Zeit. Ich halte das für fromm! Denn es ist die Absage an das goldene Kalb, es ist die Absage an das affenartige Klammern des weissen Mannes (entschuldige, aber die Welt ist so) an der Definitionsmacht in allen Bereichen. Solange diese Machthaber Billionen in die Rüstung investieren (kein vernunftbegabtes Wesen kann im Potenzial der Mehrfachvernichtung der eigenen Spezies und des eigenen Lebensraumes Sicherheit empfinden), so lange wehre ich mich leidenschaftlich, eine Frau im Dilemma als Mörderin bezeichnen zu lassen.

Und um Weihnachten auch noch ins Spiel zu bringen: Weisst du, Maria hat einen Hochgesang angestimmt, als sie ihre Schwangerschaft öffentlich machte: Die Mächtigen stürzt er vom Throne – und kaum war das Kind in totaler Armut geboren, war es schon Ärgernis, der Herodes jagte nach ihm, man(n) opferte ihm viele neugeborene Knaben, die Flucht gehört damals wie heute dazu, wenn man überleben will, und am Schluss wurde er gekreuzigt. Das Erlösende ist, dass Machthaber gleich welcher Couleur mit dieser Geschichte nicht fertig werden, so sehr sie sich bemühen, sie zu instrumentalisieren und zur Disziplinierung für ihren Wahnsinn zu nutzen.

Da verabschiede ich mich gern mit der Kraft des Heiligen Geistes – es gibt Meinungen, die in ihm eine weibliche Kraft sehen – und wünsche auch dir frohe Weihnachten.

Von: adolfmuschg@xy.ch
Gesendet: 7/12 2018 – 03:29:39
Betreff: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: glauben

Liebe Monika,

mein letztes Stück war auch so was wie mein letztes Wort – ich finde, Monika sollte das allerletzte haben. Keine Ahnung, wie viele Zeichen wir getippt haben; sicher zu viele, und wenig Häppchenhaftes, ein richtiger Disput mit vollen Ladungen. Ob das mediale Netz, für das er bestimmt ist, solche Gewichte aushält? Das ist jetzt die Sorge des verantwortlichen Journalisten, wenn es denn eine ist.

Was mich betrifft: Es war, am andern Ende des Kontinents, sehr schön, sich wieder einmal ins Theologische zu verirren. Danke, Monika; danke auch dem Anreger und Ermöglicher vom Tagi. Mit besten Grüssen und Wünschen:

Adolf Muschg

Bearbeitet von Yann Cherix (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2018, 13:13 Uhr

Die Ausgetretene


«Ich spürte ein Messer im Rücken, ganz nah beim Herzen, und wusste: Das verändert alles»: Monika Stocker.

Monika Stocker (70) war für die ­Grünen im Nationalrat. 14 Jahre amtete sie als Zürcher Stadträtin. Kürzlich ist ihr Buch «Mittendrin» erschienen. Darin verarbeitet sie ihre Erfahrungen aus fünf Jahrzehnten Sozialarbeit. Stocker ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. (red)

Der Wiedereingetretene


«Jesus, der einer politischen Konstellation geopfert wurde, hat sich nicht als Opfer verstanden»: Adolf Muschg.

Adolf Muschg (84) ist ein mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller (1994: Georg-Büchner-Preis). 2018 war der Zürcher mit «Heimkehr nach Fukushima» für den Deutschen Buchpreis nominiert. Muschg ist mit einer Japanerin verheiratet und lebt in Männedorf. (red)

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