Kantonsrat plädiert für den Tunnel

Der Rosengartentunnel haben am Montag Aufwind erhalten: Die Mehrheit des Kantonsrats unterstützt das 1,1 Milliarden teure Bauvorhaben. Das Stimmvolk dürfte das letzte Wort haben.

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Die Demonstration vor dem Zürcher Rathaus am frühen Montagmorgen ist winzig. Aber sie zeigt auf einen Blick die verzwickte Ausgangslage für die Diskussion um die viel befahrene Rosengartenstrasse in Wipkingen. Diese führt als Autoschneise bis zum Escher-Wyss-Platz und teilt das Quartier.

Genauso geteilt sind die Meinungen, wie die heutige Rosengartenstrasse ersetzt werden soll: durch einen Tunnel oder eine verkehrsberuhigte Schneise, ähnlich breit wie jene von heute. Links des Rathauseingangs de-monstriert deshalb ein Grüppchen aus Quartierbewohnerinnen für den Tunnel. Sie halten das Bauwerk für eine «einmalige Chance für Quartier und Lebensqualität».

Rechts von Treppe und Tür sammeln sich die Gegner - ebenfalls Menschen aus Wipkingen. Sie finden das 1,1 Milliarden Franken teure Bauvorhaben «die falsche Massnahme» gegen die hässlichste Strasse der Stadt. Beide Gruppen fangen die Kantonsrätinnen und Kantonsräte ab, die zur Debatte strömen.

Sechs Spuren im Untergrund

Dasselbe Bild zeigt sich im Rat: Von links bis rechts gibt es Befürworterinnen und Gegner des Tunnelbaus und des neuen Trams. Am wenigsten einig sind sich jene Politikerinnen und Politiker, die das Quartier gut kennen.

SP-Kantonsrat und Ur-Wipkinger Benedikt Gschwind plädiert für ein Ja, spricht von einer «Investition in die Zukunft». Seit Jahrzehnten stört ihn die Rosengartenstrasse, die das Quartier zerschneidet, laut ist und unüberwindbar scheint. 56000 Autos fahren täglich über die Strasse. 1972 eröffnet, war sie eigentlich als Provisorium gedacht. Wie Gschwind sagt, sammelte er bereits als 18-Jähriger Unterschriften für die Überdeckung. Inzwischen ist er 57 Jahre alt. Nach unzähligen politischen Versuchen, die er miterlebt hat, sieht er keine mehrheitsfähigere Lösung als den Rosengartentunnel und das Tram.

In der SP ist Gschwind deutlich in der Minderheit. Die Mehrheit lehnt den Tunnel ab. Der Stadtzürcher Andrew Katumba behauptet forsch, er kenne die Strasse besser als alle im Kantonsrat, lebte er dort doch in Haus Nummer acht, «in einer Wohnung, günstig und russverschmiert». Trotzdem ist er sicher: «So können wir keine 50 Jahre alte Bausünde korrigieren.» Mit so meint Katumba den Tunnel mit sechs Spuren und der oberirdischen Strasse, wobei noch unklar ist, ob auf ihr künftig Tempo 30 statt 50 gelten darf.

Ein Autoprojekt?

Dezidiert und grundsätzlich stellen sich die Grünen gegen das neue Bauvorhaben. Der Winterthurer Martin Neukom erinnert an die Grossdemonstrationen fürs Klima vom vergangenen Wochenende. «60000 Leute gingen auf die Strasse für mehr Klimaschutz. Und was diskutieren wir heute? Ein Projekt, das den Verkehr noch attraktiver machen will. Der Rosengartentunnel ist ein Autoprojekt.» Für die Grünen undenkbar.

Überraschend dagegen ist die BDP. Cornelia Keller aus Gossau begründet das mit den «exorbitanten Kosten» von 1,1 Milliarden Franken für 600 Meter Strasse, an denen sich Zürich nur mit einem Bruchteil beteilige.

Die Grossinvestition ist auch bei den anderen Parteien ein kontroverses Thema. So sagt SVP-Kantonsrat Pierre Dalcher aus Schlieren: «Die Kosten für das Projekt sind gigantisch. Das hat auch in der SVP-Fraktion zu grossen Diskussionen geführt.» Die Partei unterstützt den Tunnel schliesslich trotzdem mit einem «skeptischen Ja».

Referendum angekündigt

Deutlicher ist die Zustimmung der FDP. Die Stadtzürcherin Sonja Rueff-Frenkel sagt: «Es ist viel Geld, sehr viel Geld. Aber hier ist es richtig investiert.» Sie verspricht zudem, dass trotz Tunnel künftig nicht noch mehr Autos auf der Strasse unterwegs sein werden. «Einen Kapazitätsausbau wird es nicht geben.»

Nach der Debatte stimmt der Kantonsrat mit 106:61 Stimmen dafür, auf den Vorschlag einzutreten. In einer Woche werden die Parlamentarierinnen und Parlamentarier die Debatte fortführen und einen Schlussentscheid fällen. Mehrere Parteien haben sich bereits dafür ausgesprochen, dass es später zu einer Volksabstimmung kommen soll. Die Grünen und der VCS haben ein Referendum angekündigt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2019, 13:41 Uhr

Die zahlreichen Pläne für den Rosengarten

So verheissungsvoll ihr Name, so stinkig und umstritten ist sie: die Rosengartenstrasse mitten durch Wipkingen. Der Rosengarten war schon immer mehr, als sein Name versprach: ein wichtiger Abschnitt einer Handelsachse. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Pläne, das Fortkommen auf dem Abschnitt zwischen der Limmat und dem Bucheggplatz zu überwinden.

Bereits in der Hallstatt-Zeit (800 bis 450 vor Christus) war die Rosengartenstrasse Teil des kontinentalen Handelswegs. Das bezeugen Münzenfunde am Bucheggplatz, wie sie auf der ganzen Route von Süden nach Norden entdeckt worden waren. Diese führte vom Grossen St. Bernhard ins Wallis, über Grimsel und Brünig ins Mittelland und zu der Lägern. Vor dem Zürichsee querte sie in Wipkingen die Limmat nach Norden.

Ab 1844 transportierte ein konzessionierter Fährbetrieb das Volk über die Limmat. Die Brücke über die Limmat wurde 30 Jahre später gebaut und war die erste zwischen Baden und Zürich. 1898 kam der Tramsteg dazu. Nach der Jahrhundertwende nahm der Verkehr auf der Achse zu. Als Folge liess das Dorf 1910 das alte Kirchlein in Wipkingen abbrechen. Es lag an der Stelle der heutigen Viventa-Schule am Ufer der Limmat.

Um die Steigung zur Buchegg zu überwinden, plante man in den 1920er-Jahren eine Standseilbahn. Diese sollte mit Wassertanks angetrieben werden und Fuhrwerke, Personen, Pferde und Lasten transportieren. Die Bahn in Wipkingen wäre mit Wasser der Käferbergquelle gespiesen worden.

1934 wird die Rosengartenstrasse ausgebaut und begradigt. Dafür riss man das Gärtnerquartier und den Dorfkern von Alt-Wipkingen ab. Strassen galten damals als Adern der Volkswirtschaft. Zürich sagte 1965 Ja zum Ausbau der Rosengartenstrasse; im Kreis 10 mit rund 4500 zu 1200 Stimmen. Sie sollte als Provisorium zur Westtangente ausgebaut werden, weil sich der Bau der Ypsilon-Autobahnidee verzögert hatte.

Schon bald nach der Eröffnung der Westtangente 1972 ist die Bevölkerung Wipkingens empört. Mit so viel Verkehr hatte sie nicht gerechnet. Im Volksmund wird der Streckenabschnitt «Pesttangente» genannt. In den Jahren darauf kommt es zu zahlreichen Protesten. Jener 1974 legt den Verkehr lahm.

1990 wird ein erstes Projekt des Waidhaldetunnels lanciert. Dieser sollte vom Bucheggplatz unter der Limmat durchführen und beim Toni-Knoten in die Pfingstweidstrasse münden. Das zweite Projekt Waidhaldetunnel sieht 2005 eine verkürzte Variante vor. Eine vierspurige Strasse hätte unterhalb des Eisenbahnviadukts der Käferberglinie über die Limmat führen sollen. Die heutige FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh war damals Co-Präsidentin des Komitees Pro Waidhaldetunnel. Sie ging von 300 Millionen Franken Baukosten für den Tunnel aus und rechnete mit der Eröffnung 2022.

Der Kantonsrat nimmt den Waidhaldetunnel mit Unterquerung der Limmat 2007 in den Richtplan auf. Wegen des Grundwasserschutzes sieht der Regierungsrat die Variante aber als nicht bewilligungsfähig an. Das aktuelle Projekt mit Rosengartentunnel und -tram legten die Kantonsregierung und der Stadtrat 2013 vor. (ema)

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