Karate und Coelho – was Politiker sonst so treiben

Überraschende Einsichten in die Freizeitgestaltung jener Zürcherinnen und Zürcher, die am 12. April in den Kantonsrat gewählt werden wollen.

Wer ist fit für den Kantonsrat, die grosse Volksbühne der Zürcher Politik? Szene an einem Parlamentarierskirennen.

Wer ist fit für den Kantonsrat, die grosse Volksbühne der Zürcher Politik? Szene an einem Parlamentarierskirennen. Bild: Arno Balzarini/Keystone

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Spielt es für die Politik eine Rolle, ob einer lieber Pilze sammelt, Pistole schiesst oder «Harry Potter» liest? «Aber sicher!», hätten die bewegten Bürger der Siebzigerjahre gesagt, auch das Private sei politisch. Wer die Kandidatinnen und Kandidaten für den Zürcher Kantonsrat für einmal unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, stellt fest, dass das nicht ganz von der Hand zu weisen ist – es gibt Zusammenhänge zwischen Parteibüchlein und Freizeitgestaltung. Zugleich entdeckt man aber auch Unerwartetes und Amüsantes, das sich in kein Stereotyp fügt.

So erfährt man etwa, dass die BDP entgegen allen Vorurteilen sehr wohl eine Linie hat: Es ist die Partei der Leseratten mit Hang zum Leichten bis Seichten (Krimis, J. R. R. Tolkien und Paulo Coelho – alles, was dem Bildungsbürgertum Kopfweh bereitet). Man erfährt auch, dass man sich CVP-Kandidat und ETH-Professor Bernhard Elsener zu Hause mit seiner Modelleisenbahn vorstellen muss, während im Hintergrund Stravinskys dissonante Ballettmusik läuft. Und dass man bei der SVP nicht nur das Unabhängigkeitsepos «Braveheart», James Bond und Volksmusik mag: Kantonsrat Matthias Hauser bevorzugt den Junkiefilm «Trainspotting», liest Khaled Hosseini und hört lieber Jazz.

Interessant und bisweilen sogar erhellend ist er also alleweil, der Blick in die Wunderkiste der privaten Vorlieben von Parlamentariern und jenen, die es gerne werden möchten. Möglich macht ihn die Onlinewahlhilfe Smartvote. Sie beschreibt nicht nur, wie weit links oder rechts Politiker stehen, sondern kennt auch ihre Hobbys, Lieblingsbücher, -filme und -musik. Von 1700 erfassten Kandidatinnen und Kandidaten hat jeder Dritte entsprechende Angaben gemacht, wobei jene von FDP und SVP besonders freigiebig waren mit Privatem.

Deshalb wissen wir jetzt, dass für die meisten Politiker in der Freizeit nicht Weiterbildung an erster Stelle steht, sondern Bewegung. Gesunder Geist, gesunder Körper – das scheint man bei der sportbegeisterten FDP besonders ernst zu nehmen, wobei hier vielleicht auch das kapitalistische Leistungsethos durchdrückt. In absoluten Zahlen stellt die Partei die grössten Fraktionen bei den Joggern, den Wanderern und den Berggängern, also überall dort, wo Ausdauer gefragt ist. Nennen wir es das Heiniger-Syndrom.

Verwirrung auf dem Golfplatz

Der Gegenentwurf zum marathongestählten Gesundheitsdirektor ist der etwas weniger drahtige FDP-Fraktionspräsident Thomas Vogel. Er pflegt Freundschaften, während die anderen um die Wette hecheln. Und er tut das nicht etwa auf dem Golfplatz – dort trifft man die Liberalen seltener als erwartet. Vielleicht hat das damit zu tun, dass sie sich das Green ausgerechnet mit einem AL-Mann teilen müssen: mit dem früheren Bankmanager und späteren Whistleblower Rudolf Elmer.

Weil dieser neben dem Golfschläger auch gerne die Hüfte schwingt, verstärkt er die ohnehin erstaunlich grosse Tänzertruppe der Alternativen. Diese haben mit Richard Blättler und Markus Pfister sogar ein Tango-Duo zu bieten. Ebenso erstaunlich ist, dass dank Elmer und Michail Schiwow die streng systematische Barockmusik von Bach bei der AL gleich viele Anhänger hat wie der Punk – eine geheime Sehnsucht nach etwas Ordnung in der Anarchie?

Unter den SVP-Kandidaten finden sich kaum Tänzer, dafür auffallend viele Fussballer und Skifahrer. Das ist für eine populistische Partei nur konsequent – laut dem Statistikportal «Statista» sind es die beiden beliebtesten Sportarten im Land. Enttäuschend ist hingegen die geringe Zahl von nur gerade drei Schützen bei der SVP. Damit liesse sich im Ernstfall nicht mal das Albisgüetli verteidigen.

Apropos: Der Einzige, der das Militär als sein Hobby angibt, ist nicht SVP-Mitglied, sondern FDP-Mann Jürg Frutiger. SVP-Berufsmilitär Thomas Steinmann spielt lieber Karten. Trotzdem sieht die Volkspartei auch am Jassteppich alt aus. Anders als die vermeintlich elitäre FDP bringt sie nicht mal genug Personal für einen Schieber zusammen.

Die christliche Kampftruppe

Wer sich mehr Schlagfertigkeit wünscht im Kantonsrat, muss auf CVP und EVP setzen. Astrid Hirzel boxt, André Zuraikat kann Karate und Andreas Ziegler Kung-Fu. Da kann nicht mal die kampferprobte Linke mithalten, trotz Judoka Dragan Ljubisavljevic (SP) und Kickboxerin Rahel Dulik (AL). Allerdings ist bei den christlichen Politikern nicht ganz klar, ob sie lieber austeilen oder die andere Backe hinhalten.

Das Hobby von Blocher-Schwiegersohn Roberto Martullo (SVP) tönt zwar auch nach Kampfsportart, ist aber keine. Chang Jiang – dabei handelt es sich um eine chinesische Motorradmarke, die auf einem ursprünglich sowjetischen Produkt aufbaut. Easy Rider auf Kommunistisch also. Ob das in Herrliberg gut ankommt?

Auf politische Abwege führen auch die literarischen Vorlieben der Liberalen. Christoph Luchsinger etwa liest gerne «sozialkritische Werke» und Marie-José Wolf in «Was man für Geld nicht kaufen kann» über die moralischen Grenzen des Kapitalismus. Früher hätte es da geheissen: Moskau einfach. Aber heute ist die FDP so frei, sich eine Kakofonie der Meinungen zu leisten. Vielleicht liest Jan Mendelin ja deshalb «Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?».

Teil 2 folgt
Wer steht auf den Paten? Wer auf Nacktschnecken? Und warum sind Linke die grössten Patrioten? All das erfahren Sie morgen in Teil 2 der Freizeitanalyse.

Wahlen im Kanton Zürich

Am 12. April werden im Kanton Zürich Parlament und Regierung gewählt. Informieren Sie sich in unserem Special-Channel über News, Trends, Kandidaten. Spielen Sie in der Wahlbörse mit und gewinnen Sie einen attraktiven Preis. Die Wahlhilfe empfiehlt Ihnen Politiker, die wie Sie denken. Geniessen Sie unsere Longforms. Und diskutieren Sie im Politblog mit.
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(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.04.2015, 08:51 Uhr

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