«Keine Behörde kann solche Tragödien völlig verhindern»

Rechtsprofessor Peter Breitschmid sagt, wann die Behörden gefährdete Kinder in einem Heim platzieren. Und warum die Kritik an der Kinderschutzbehörde im Fall Flaach überzogen ist.

«Optimale Lösungen wird es nie geben»: Tatort der Kindstötung in Flaach ZH. Foto: Markus Heinzer (Newspictures)

«Optimale Lösungen wird es nie geben»: Tatort der Kindstötung in Flaach ZH. Foto: Markus Heinzer (Newspictures)

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Was müssen sich Eltern zuschulden kommen lassen, dass die Behörden ihnen die Kinder wegnehmen?
Eine Fremdplatzierung ist die letztmögliche Massnahme, wenn die Kinderschutzbehörde (Kesb) zum Schluss kommt, dass die Eltern ihre Betreuungsaufgaben nicht wahrnehmen können. Der Extremfall ist der, der sich in Flaach ereignet hat, nämlich dass beide Eltern inhaftiert werden. In diesem Fall hatten die Behörden gar keine andere Wahl, als die Kinder vorübergehend in einem Heim unterzubringen. In den meisten Fällen handelt es sich aber darum, dass Kinder von ihren Eltern grob vernachlässigt werden. Das kann Dinge wie Erziehung, Hygiene oder Essen betreffen.

Auf welchem Weg erfahren die Behörden von «Problemfamilien»?
Am häufigsten wird die Kesb von Schulen oder Kindergärten kontaktiert. Auch Kinderärzte oder Apotheker, die in Kontakt mit den betroffenen Kindern kommen, können Verdächtiges beobachten. Eine Meldung an die Kesb ist für sie allerdings heikel, da sie ans Arztgeheimnis gebunden sind. Vor einigen Jahren, als es noch die Vormundschaftsbehörde gab, forderte diese in der Stadt Zürich sogar die breite Bevölkerung mit Zeitungsinseraten dazu auf, Vorkommnisse in der Nachbarschaft zu melden. Die Grenze zum Denunziantentum ist allerdings schmal. In den meisten Fällen wäre den betroffenen Familien wahrscheinlich besser geholfen, wenn die Nachbarn direkt ihre Hilfe anbieten würden. Schwierig ist es, wenn eine betroffene Familie, wie im aktuellen Fall, häufig den Wohnort wechselt. Dann kennt niemand sie genug lange, um die Situation richtig einzuschätzen.

Was unternimmt die Kesb, wenn sie eine Meldung über gefährdete Kinder erhält?
Mitarbeiter der Behörde versuchen, telefonisch oder schriftlich mit der betroffenen Familie in Kontakt zu treten. Gelingt dies nicht, stattet jemand der Familie einen Besuch ab, notfalls mit polizeilicher Unterstützung. Im Gespräch wird die Situation erörtert und Lösungen werden erarbeitet. Dabei handelt es sich meist um harmlose Ratschläge wie beispielsweise, eine Ernährungsberatung aufzusuchen oder sich mit bestimmten Beratungsstellen in Verbindung zu setzen. Wenn sich die Situation nicht bessert, kann die Kesb in einer zweiten Stufe einen Beistand für das betroffene Kind bereitstellen – eine verbindliche Kontaktperson, die regelmässig Hausbesuche macht. Eine Fremdplatzierung wird nur ins Auge gefasst, wenn gar nichts anderes mehr hilft.

Nachdem im aktuellen Fall die Mutter aus der U-Haft entlassen wurde, blieben die Kinder trotzdem im Heim. Was könnten die Gründe sein?
Darüber kann nur spekuliert werden. Vielleicht bestand die Möglichkeit, dass die Mutter nächstens wieder inhaftiert würde. Falls ja, wollten die Behörden möglicherweise den Kindern dieses traumatische Erlebnis ersparen. Vielleicht kamen Kesb-Mitarbeiter, die die Wohnung der Familie anschauten, zum Schluss, diese sei nicht zumutbar für Kinder. Oder aber der psychische Zustand der Mutter liess eine Betreuung der Kinder in den Augen der Kesb nicht zu.

Die Grosseltern der getöteten Kinder beschweren sich öffentlich, dass die Behörden die Kinder nicht in ihre Obhut gegeben haben. Ist eine Platzierung bei Verwandten nicht erste Wahl?
Das mag auf den ersten Blick so erscheinen. In der Realität ist die Wahl nicht immer einfach. Vielfach entbrennt unter Verwandten ein Streit darüber, wer die Kinder bekommt. Oft ist es besser, die Behörden schaffen eine neutrale Situation, indem sie die Kinder vorübergehend entweder in einem Heim oder bei einer Pflegefamilie unterbringen. Im vorliegenden Fall kam die Kesb offenbar zum Schluss, dass die Kinder nicht ohne weitere Abklärungen bei den Grosseltern platziert werden können. Ob dieses Umfeld tatsächlich so tragfähig gewesen wäre, wie im Nachhinein behauptet wird, ist nicht sicher.

War es ein Fehler, die Kinder über Weihnachten doch nach Hause zu lassen?
Offenbar sahen die Behörden die Feiertage als eine Art Testperiode an, nach der sie über das weitere Vorgehen entscheiden wollten. Es fragt sich schon, ob Weihnachten der richtige Zeitpunkt dafür ist, schliesslich gibt es zu keiner anderen Zeit so viele Familienstreitigkeiten. Andererseits: Hätten die Kinder im Heim bleiben müssen, wäre die Kesb dafür auch kritisiert worden. Dass bei der Kesb über die Festtage kein Pikettdienst besteht, ist ein grundlegender Organisationsfehler, der aber der Politik anzulasten ist.

Manche wollen die Kesb nun abschaffen. Sie argumentieren, lokale Vormundschaftsbehörden könnten solche komplizierten Fälle besser lösen, weil sie die Betroffenen persönlich kennen.
Gerade dieser Fall zeigt doch, dass dieses Argument nicht stichhaltig ist. In Flaach, wohin die Familie kürzlich umgezogen war, kannte niemand die Familie. Als der Kinderschutz und die Vormundschaft lokal organisiert waren, kannten die Behörden ihre Problemfälle vielleicht im Durchschnitt etwas besser, dafür traten mit der Zeit Abnützungserscheinungen auf, wenn Gemeindevertreter immer mit den gleichen Leuten zu tun hatten. Ich bin der Meinung, dass die professionellen Mitarbeiter einer regionalen Behörde wie der Kesb besser in der Lage sind, eine Situation unvoreingenommen zu analysieren. Die Vorstellung, dass irgendeine Behörde in der Lage wäre, solche tragischen Fälle komplett zu verhindern, ist ohnehin illusorisch. Optimale Lösungen wird es in der Kinderschutzarbeit selten geben. Vielmehr geht es darum, in einer schwierigen Situation eine möglichst wenig nachteilige Lösung zu finden.

Erstellt: 05.01.2015, 17:38 Uhr

Prof. Dr. Peter Breitschmid hat an der Universität Zürich einen Lehrstuhl für Privatrecht. Kindes- und Erwachsenenschutzrecht gehört zu seinen Fachgebieten. Foto: PD

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