Bieraffäre: Was die Regierung nicht sagt

Laut dem Zürcher Regierungsrat gab es keine Spezialbehandlung für Sicherheitsdirektor Mario Fehr. Damit ist für ihn der Fall erledigt – trotz offener Fragen.

Musste seinen Regierungsratskollegen Auskunft geben: Sicherheitsdirektor Mario Fehr. Bild: Urs Jaudas

Musste seinen Regierungsratskollegen Auskunft geben: Sicherheitsdirektor Mario Fehr. Bild: Urs Jaudas

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Der Vorfall beschäftigt den Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr noch immer. Artikel über die sogenannte Bieraffäre hat er auf seinem Handy stets griffbereit. Dabei liegt das Ereignis schon lange zurück. Vor ziemlich genau einem Jahr schüttete ein Mann dem Regierungsrat nach dem Fussballspiel des FC Winterthur gegen den FC Zürich Bier über den Kopf. Der Vorfall hatte ein längeres Nachspiel. Die Kantonspolizei ermittelte während Monaten. Als sie den mutmasslichen Täter im vergangenen Herbst schliesslich ausfindig machte, traf dieser Fehr, entschuldigte sich und bezahlte die Reinigung des Anzugs. Daraufhin zog Fehr die Anzeige zurück. Dies alles wurde erst kürzlich nach Recherchen des Onlinemagazins «Republik» und des «Tages-Anzeigers» bekannt.

Dabei wurde Fehr bereits drei Monate nach dem Vorfall darauf angesprochen. In der Sendung «Sommertalk» des TV-Senders TeleZüri im vergangenen August zeigte sich Fehr betont gelassen. Er gehe davon aus, dass es sich bei der Attacke um einen Einzelfall gehandelt habe. Er habe seinen Anzug reinigen lassen und «damit ist die Angelegenheit auch auf die Seite gelegt».

Wie bei jeder Privatperson

Damals hatte Fehr jedoch längst eine Strafanzeige eingereicht, und teilweise ungewöhnliche Ermittlungen liefen auf Hochtouren. Gleich nach dem Vorfall führte die Stadtpolizei Winterthur Befragungen von Personen durch. Das hat die Zürcher Regierung gestern in einer Antwort auf eine Anfrage aus dem Kantonsrat erstmals bestätigt. Zwei AL-Kantonsräte hatten nach der Medienberichterstattung über den Fall Fragen gestellt. Gemäss der regierungsrätlichen Antwort sah die Stadtpolizei offensichtlich keinen Anlass, weiter zu ermitteln.

Dafür ermittelte die Kantonspolizei weiter – sie ist Fehr unterstellt. Bei ihr hatte der Regierungsrat sechs Tage nach dem Vorfall die Anzeige gegen unbekannt wegen Sachbeschädigung und Tätlichkeit eingereicht. Im Rahmen der Ermittlungen legte die Kantonspolizei einzelnen Personen Fotos von Winterthurer Fans vor, die ein Kadermitarbeiter der Sicherheitsdirektion gemacht hatte. Involvierte Polizisten ärgerten sich Wochen nach dem Verfahren im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» noch: «Es gab massiven Druck. Mehrere ausserordentliche Sitzungen wurden wegen dieser Lappalie einberufen.» Auch ein Vertreter der Sicherheitsfirma des FC Winterthur sprach von einem «ungewöhnlich grossen Aufwand».

Auf diese Aspekte geht die Regierung in ihrer Antwort nicht ein. Stattdessen schreibt sie, die Kantonspolizei würde in einem vergleichbaren Fall bei jeder Privatperson gleich vorgehen. Die Kantonspolizei habe ermittelt, weil bei ihr die Anzeige erstattet worden sei. Befangen sei sie nicht. Weiter bringt die Regierung andere am gleichen Tag verübte Delikte wie einen gezündeten Böller im Stadion und einen auf einen FCZ-Fan geworfenen Schachtdeckel mit der Bierattacke in Verbindung. Die Kantonspolizei habe mit ihrem Vorgehen sichergestellt, dass «allfällige zwischen den Geschehnissen bestehende Zusammenhänge hätten erkannt werden können». Wie sie darauf kommt, bleibt unklar. Auf kritische Fragen zu den Fotos des Kadermitarbeiters der Sicherheitsdirektion gibt die Regierung «aus polizeitaktischen Gründen» keine Antwort. Sie verrät nur, der Sicherheitsdirektor habe keinen Ermittlungsauftrag erteilt.

Was nicht beantwortet wird

Offen bleiben weitere Fragen: Wie wurde die Stadtpolizei auf den Vorfall aufmerksam? Weshalb verfolgte sie die Sache nicht weiter? Immerhin war ein Regierungsrat attackiert worden, und man hätte von Gewalt und Drohung gegen Beamte ausgehen können. Ein Tatbestand, bei dem die Polizei ohne Anzeige hätte ermitteln müssen. Warum fühlten sich Polizisten der Stadt- und der Kantonspolizei unter Druck gesetzt?

Weder die Winterthurer Stadtpolizei, der Stadtrat noch die Kantonsregierung wollen entsprechende Fragen beantworten. «Aufgrund der publizierten Antwort des Regierungsrates sehen wir keinen Grund, zu den Vorfällen weiter Stellung zu nehmen», heisst es bei den verschiedenen Stellen. Mario Fehr selbst reagiert nicht auf entsprechende Fragen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2018, 11:11 Uhr

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