Keiner fällt so schön vom Pferd wie er

Pieter van Pletzen hat als Stuntman im Schweizer Actionfilm «Northmen» mitgespielt. Obwohl er in seinem Leben schon viel erlebt hat, musste er hier eine neue, bittere Erfahrung machen.

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«Northmen» ist kein Film für Zartbesaitete. In einer Szene jagen die berittenen Söldner des schottischen Königs die tapferen Wikinger durch einen dichten Wald. Die Pferde stieben schnaubend über den schmalen Pfad. Plötzlich versperrt eine Holzbarrikade den Weg – eine Falle der Nordmänner. Das vorderste Pferd bremst abrupt. Der Reiter fliegt in hohem Bogen durch die Luft und wird bei der Landung von einem dicken Holzspiess durchbohrt.

Der Mann, der scheinbar hilflos den Naturkräften ausgeliefert ist, beherrscht in Wirklichkeit das Fallen vom Pferd wie kaum ein anderer. Pieter van Pletzen, Schweizerisch-südafrikanischer Doppelbürger, hat die Szene als Stuntman gespielt. «Es war eine der schwierigsten des gesamten Drehs. Die Rüstung wog immerhin 20 Kilo!», sagt er.

Den Stuntman würde man dem 40-Jährigen auf den ersten Blick gar nicht geben. Zu linkisch seine Bewegungen, zu arglos sein Blick. Zum Gespräch erscheint er verspätet und verschwitzt. Er habe sich verlaufen, entschuldigt er sich. Über den Filmdreh will er reden, weil er sich betrogen fühlt von der Produktionsfirma: «Wer den Film sieht, soll wissen, wie schlecht wir Stuntmen für unsere gefährliche Arbeit bezahlt werden.»

Vom Trommelbauer zum Stuntman

Nichts von Bitterkeit ist hingegen zu spüren, wenn van Pletzen aus seinem Leben erzählt. Und zu erzählen hat er viel. Aufgewachsen ist er im wahrsten Sinn des Wortes in der Wildnis: in einem Kaff namens Wilderness an der Südküste Südafrikas. Als junger Erwachsener lebte er mit seinem Pferd in einer Waldhütte und verkaufte selbst gebaute Djembé-Trommeln an Backpacker: «Ich war eine echte Touristenattraktion!»

Dann zieht er nach Südengland und gründet eine Funkband – mit beachtlichem Erfolg: «Wir spielten auf grossen Festivals. Starkoch Jamie Oliver benutzte unsere Musik sogar für seine Kochsendungen.» Man würde es ihm nicht glauben, wenn nicht alles belegt wäre.

Doch bald zieht es ihn zurück nach Südafrika. Er lernt den Zirkusartisten Elbrus Ortaev kennen und lässt sich von diesem in kosakischer Reitkunst ausbilden. Der Russe ist ein gefragter Stuntman im Filmgeschäft und vermittelt auch Aufträge an seinen Schützling: unter anderem eine Werbung für Coca-Cola und einen Dokumentarfilm für National Geographic.

Verloren an der Street-Parade

Die nächste Wendung seines ungewöhnlichen Lebenswegs führt ihn 2004 nach Zürich. Auf Einladung eines Freundes besucht er die Street-Parade, fährt auf einem der Sound-Mobiles mit – und ist überwältigt von den Eindrücken: «Die Menschenmassen, die Musik, die Partys überall – das überstieg meine Vorstellungskraft.» Im Gewühl verliert er die Orientierung, seine Freunde, die Hälfte seiner Kleider – und findet dafür seine zukünftige Frau, eine Schweizerin mit iranischen Wurzeln: «Sie hatte wohl Mitleid mit mir.» Ein Jahr später heiraten sie in Zürich.

Die Anfrage, im Film «Northmen» mitzuwirken, erreicht van Pletzen im Sommer 2013. Zu diesem Zeitpunkt lebt er mit seiner Frau bereits in Neerach, arbeitet als Pferdepfleger in einem Reitstall in Zürich. Sie haben zwei Söhne. Trotzdem muss er nicht zweimal überlegen.

Viel Spass, kaum Lohn

«Northmen» wird im Herbst 2013 fast ausschliesslich in Südafrika gedreht. Eine Zeit, auf die der 40-Jährige mit gemischten Gefühlen zurückblickt: «Wir hatten viel Spass am Set, und die Arbeit mit den Pferden war grossartig.» Andererseits seien der Lohn und die Anerkennung für ihre Arbeit dermassen schlecht, dass er nie mehr für die Filmindustrie in Südafrika arbeiten wolle.

Van Pletzen kommt im Film nicht nur als Stuntman, sondern auch als Double für den Schweizer Schauspieler Anatole Taubman zum Einsatz. Für diese Aufgabe muss er sich extra eine Halbglatze rasieren. Die Zusammenarbeit mit Taubman sei sehr kollegial gewesen: «Anatole ist einer der coolsten Schauspieler, die ich je kennen gelernt habe.»

Der Koordinator sagte nur: «Sorry»

18 Tage habe er am Filmset gearbeitet, zudem vor den Dreharbeiten zwei Wochen lang die Pferde trainiert. Die branchenübliche Tagespauschale von umgerechnet 85 Franken habe er jedoch nur für die 8 Tage erhalten, an denen er sein Ritterkostüm getragen habe. Das sei gängige Praxis, aber dennoch stossend: «Die Produktionsfirmen nutzen das tiefe Lohnniveau in Südafrika aus.»

Für seine Stunts hätte er separat entschädigt werden sollen. Rund 2500 Franken wären ihm gemäss den üblichen Ansätzen zugestanden, sagt van Pletzen. Erhalten habe er gerade einmal gut 300 Franken: «Der Stuntkoordinator sagte bloss: ‹Sorry, das Budget ist bereits überschritten.›» Schriftliche Arbeitsverträge seien bei solchen Jobs nicht üblich, darum könne er sich nicht wehren.

Abschliessend zu klären sind die Anschuldigungen kaum. Die Produktionsfirma sagt auf Anfrage, sie höre das erste Mal davon. Sie vertraue darauf, dass ihre Auftragnehmer ihre Angestellten korrekt entlöhnten.

Den fertigen Film hat van Pletzen noch nicht gesehen. Zur Premiere am Zurich Film Festival war er nicht eingeladen. Mitbekommen hat er jedoch, dass weder sein Name noch derjenige seines Partners Ortaev im Abspann des Films zu sehen sind: «Das enttäuscht mich sehr.»

Das Glück im Kleinen

Im März 2014 erhält van Pletzen die Schweizer Staatsbürgerschaft. Er arbeitet inzwischen als Bademeister im Alpamare in Pfäffikon. Sonntags bietet er zudem in Zürich Sturztrainings für Freizeitreiter an. Die Kurse hat er zusammen mit einer Bekannten aufgebaut: «So kann ich etwas von dem weitergeben, was ich gelernt habe.»

Er sei glücklich hier, sagt der frisch Eingebürgerte. Was er am meisten schätze, seien die fairen Arbeitsbedingungen: «Die Arbeitszeit wird genau erfasst. Und man bekommt den Lohn sogar, wenn man einmal krank ist.» Und wenn er anständig dafür entschädigt würde, könne er sich durchaus vorstellen, wieder einmal für einen Spielfilm vom Pferd zu fliegen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.10.2014, 12:19 Uhr)

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