Kindergärtner unter Generalverdacht

Das Pädophilie-Vorurteil ist so verbreitet, dass ein Mann mitunter schlechte Karten hat, wenn er sich für eine Stelle im Kindergarten bewirbt.

Karikatur: Felix Schaad.

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In jeder anderen Bewerbungsrunde wäre die Szene undenkbar: Zwei gleichwertige Kandidaten stehen in der Endausscheidung, ein Mann und eine Frau. Beide hatten die Gelegenheit, sich bei den Personalverantwortlichen vorzustellen.

Als der männliche Bewerber sich verabschiedet hat, greift sich die Chefin des Gremiums sein Dossier und schiebt es zur Seite. Die Geste ist eindeutig, die Frau hat das Rennen gemacht. Und dann folgt die Begründung des Entscheids: Bei einem Mann könne man nie wissen – am Ende sei der noch pädophil.

Die Statistik im Hinterkopf

In der Bewerbungsrunde ging es um eine freie Stelle in einem Kindergarten, und die Szene hat sich vor kurzem so abgespielt in der Schulpflegesitzung einer Zürcher Agglomerationsgemeinde. Das Geschehen diktierte die Angst vor dem, was die Eltern denken könnten, wenn sich ein Mann um ihre Kleinen kümmern würde.

Unausgesprochen blieb der gedankliche Nährboden, aus dem sich diese Angst speist: Sexuelle Handlungen mit Kindern sind im Vergleich mit vielen anderen Straftaten zwar äusserst selten. Aber wenn sie vorkommen, dann ist der Täter laut Zürcher Kriminalstatistik in neun von zehn Fällen ein Mann.

«Dieses Vorurteil steht immer im Raum»

Der Pauschalverdacht der Pädophilie ist einer jener Faktoren, die Männer davon abhalten, den Beruf des Kindergärtners zu ergreifen. «Dieses Vorurteil steht immer im Raum», sagt Beat Ramseier. Er ist Geschäftsleiter des Netzwerks Schulische Bubenarbeit, das sich seit Jahren dafür einsetzt, Männer für den Lehrerberuf zu gewinnen.

In Gesprächen mit Interessenten komme die Angst vor dem Argwohn der Eltern und Behördenvertreter oft zur Sprache. Dass sich aber eine Schulpflege so offen diesen Vor­urteilen beuge, sei schon erstaunlich.

1 Mann auf 50 Frauen

An der Pädagogischen Hochschule (PH) in Zürich sind männliche Studenten Exoten unter den vielen Frauen, die sich zu Kindergärtnerinnen ausbilden lassen. In den letzten Jahren lag das Verhältnis bei etwa 1 zu 50. Die Zahlen bringen zum Ausdruck, dass hier die Hälfte des Reservoirs an potenziellen Lehrkräften für die Kleinsten brachliegt. Anders als zum Beispiel in der Stadt Basel, wo es ein Quartier gibt, in dem jede vierte Kindergartenlehrperson ein Mann ist.

Das Ungleichgewicht fällt derzeit in Zürich besonders ins Gewicht, weil sich in den Kindergärten ein Personalmangel abzeichnet. Die Gemeinde Schlieren musste ins neue Schuljahr starten, ohne drei offene Stellen besetzt zu haben.

Der Schule ist der Männeranteil kein Anliegen

Beim kantonalen Volksschulamt und bei der PH heisst es auf Anfrage, Fälle wie der beschriebene seien ihnen nicht bekannt. Man mache im Gegenteil die Erfahrung, dass männliche Absolventen auf dem Arbeitsmarkt sehr gute Chancen hätten. Wenn eine Schulpflege gegenüber einem Bewerber derartige Vorurteile habe, sei es jedoch kaum sinnvoll, ihn anzustellen, sagte Volksschulamtschef Martin Wendelspiess. Das Misstrauen wäre zu gross, als dass er an diesem Ort erfolgreich arbeiten könnte.

Laut Wendelspiess ist das Geschlecht aus Sicht des Volksschulamtes nicht ein wesentliches Merkmal für eine Lehrperson. Das bedeutet auch: Es ist kein Anliegen der Schule, den Männeranteil im Kindergarten zu steigern. Daher gibt es im Kanton auch keine entsprechenden Werbekampagnen – anders als auf Bundesebene, wo die Suche nach Mitarbeitern für Kinderkrippen und die Volksschule gefördert wird. Oder in Deutschland, wo dafür Millionen aufgeworfen werden. Die PH relativiert, sie sei «selbstverständlich» daran interessiert, Männer für das Studium zu gewinnen.

Am meisten sorgen sich die Kindergärtner selbst

Marc Randhawa, einer der wenigen Zürcher Kindergärtner, sagt, dass er vom Pädophilieverdacht im Alltag nichts spüre – und doch ist dieser auch bei ihm ein grosses Thema. Er selbst mache sich wohl mehr Sorgen als andere Leute. Vor fast jedem Körperkontakt mit einem Kind gehe ihm durch den Kopf: «Kann ich dieses Kind jetzt hochheben? Was, wenn das jemand sieht? Was würden die dann denken?» Er hoffe, dass diese Befürchtungen mit der Zeit verschwänden.

Ramseier vom Netzwerk Schulische Bubenarbeit kennt diese inneren Monologe. Er sagt, dass Männer unweigerlich mit dieser Thematik in Kontakt kämen, wenn sie sich mit diesem Berufswunsch auseinandersetzten. Das war vor 30 Jahren anders, als Andreas Terinieri als Kindergärtner anfing. Damals sei die Angst eher gewesen, er als Mann könnte zu ­wenig feinfühlig sein.

In einem sind sich alle einig: Die Pädophilie-Thematik ist nicht die einzige Hemmschwelle. Hinzu kämen die fehlenden Karriereaussichten und das überholte Bild vom Kindergarten. Man müsse den Männern klarmachen, dass das heute ein anspruchsvoller Job sei, sagt Ramseier – «eine echte Vorbereitung auf die Schule in der wichtigsten Entwicklungsphase eines Kindes».

Erstellt: 11.09.2014, 06:48 Uhr

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Im Bemühen, Kinder vor sexuellen Übergriffen zu schützen, kommt es immer wieder zu Einschränkungen und teils drastisch anmutenden Regelungen, die sich meistens, aber nicht immer nur gegen Männer richten. Etliche haben Schlagzeilen gemacht:


  • Im Jahr 2006 verbot die Stadtzürcher Samichlausgesellschaft ihren Samichläusen und Schmutzli, Kinder auf den Schoss zu nehmen.


  • Im März 2012 wurde bekannt, dass Juniorentrainer in Zürich ein Papier unterschreiben mussten, in welchem sie erklärten, sich nicht an Kindern zu vergehen und «Verzicht zu üben». Einige Trainer fühlten sich darauf als potenzielle Pädophile abgestempelt. Inzwischen ist das Papier entschärft worden.


  • Ein männlicher Krippenleiter musste beim Stellenantritt ebenfalls per Unterschrift erklären, er werde keine sexuellen Übergriffe verüben. In vielen Kitas dürfen Männer Babys nicht in geschlossenen Räumen wickeln und Kinder nicht allein schlafen legen.


  • Kinder zu fotografieren, ist in vielen Schwimmbädern tabu, selbst wenn Eltern ihren eigenen Nachwuchs knipsen. Die Bilder könnten in die Hände von Pädophilen gelangen.

  • In Deutschland wurde ein Vater von der Polizei kontrolliert, weil er auf einem Spielplatz seiner Tochter zweimal die verrutschte Strumpfhose unter dem Rock zurechtgezupft hatte. Mütter, welche die Szene sahen, vermuteten einen sexuellen Übergriff.


  • Fluggesellschaften wie Air France und British Airways lassen Männer nicht neben allein reisenden Kindern sitzen. Falls eine solche Konstellation eintrifft, wird der Mann umplatziert. (leu)

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